Deluxe & Destinations „Wir wollten nicht einfach modernisieren – wir wollten es richtig machen“

„Wir wollten nicht einfach modernisieren – wir wollten es richtig machen“

Interview mit Johannes Hauser, dem Junior Chef des Stanglwirts über klimapositives Heizen, mutige Investitionen und echte Nachhaltigkeit.

Als die alte Heizanlage des Stanglwirts in die Jahre kam, hätte die Antwort darauf eine schlichte Modernisierung sein können. Johannes Hauser, entschied sich für einen anderen Weg – einen, der am Ende 12 Millionen Euro kostete und das Hotel zum weltweit ersten seiner Art gemacht hat: klimapositiv, mit selbst erzeugtem Strom und Wärme aus Holzvergasung statt Verbrennung. Im Gespräch erklärt er, warum eine unbequeme Frage eines Nachbarn zum Auslöser für dieses Millionenprojekt wurde, was Pflanzenkohle mit echtem Klimaschutz zu tun hat – und warum er das Wort „Nachhaltigkeit“ am liebsten aus seinem Wortschatz streichen würde.

Mitten in Tirol setzt ein Familienbetrieb neue Maßstäbe in Sachen Energie: Statt nur klimaneutral zu wirtschaften, produziert der Stanglwirt heute in seiner Engergieversorung sogar mehr gebundenes CO₂, als er ausstößt. Im Gespräch erklärt Johannes Hauser, warum eine alte Heizung zum Auslöser für ein Millionenprojekt wurde – und warum Nachhaltigkeit für ihn kein Trend, sondern selbstverständlich ist.

Herr Hauser, Ihr Betrieb hat eine lange Geschichte. Wann begann das Thema Energie bei Ihnen eine zentrale Rolle zu spielen?

Die alte Heizung, welche unser Vater gebaut hat und die erste Hackschnitzelheizung in einem Hotel in Europa war, lief bei uns seit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre – sie war ursprünglich Teil unserer Landwirtschaft. Als ich vor rund 13 Jahren in den Betrieb eingestiegen bin und die Verantwortung für Gastronomie und Landwirtschaft übernommen habe, war schnell klar: Diese Anlage ist in die Jahre gekommen. Wir mussten etwas Neues machen.

Warum haben Sie sich nicht einfach für eine klassische moderne Lösung entschieden?

Genau das war eigentlich der Plan. Wir wollten eine neue Hackschnitzelheizung bauen, hatten schon alles vorbereitet. Dann kam ein Nachbar auf uns zu und sagte: „Ihr werdet doch nicht eine Technologie bauen, die im Grunde schon 50 Jahre alt ist?“ Das hat uns zum Umdenken gebracht.

Und so sind Sie auf die heutige Lösung gestoßen?

Ja. Klaus Embacher arbeitet bei der Tiroler Firma Synkraft und so sind wir darauf aufmerksam geworden. Das Prinzip ist völlig anders: Das Holz wird nicht verbrannt, sondern unter Vakuum vergast. Dabei entsteht Holzgas, das zur Energiegewinnung genutzt wird – und statt Asche bleibt Pflanzenkohle übrig.

Das Stanglwirt Heizkraftwerk
Das Stanglwirt Heizkraftwerk

Was macht dieses Verfahren so besonders?
Mehreres:

  • Wir erzeugen gleichzeitig Wärme und Strom.
  • Die Wärme speichern wir in einem großen Warmwassersystem.
  • Der Strom wird direkt genutzt oder eingespeist.
  • Und das Entscheidende: Die übrig bleibende Pflanzenkohle bindet CO₂ dauerhaft.

Damit sind wir nicht nur klimaneutral, sondern tatsächlich klimapositiv. In der Energie Produktion!!

Klimapositiv – das klingt nach einem großen Anspruch.

Ist es auch. Aber bei uns ist das keine Marketingphrase. Das CO₂, das der Baum während seines Wachstums aufgenommen hat, wird durch die Pflanzenkohle langfristig im Boden gespeichert. Das ist ein echter Kreislauf.

Diese Entscheidung war sicher auch wirtschaftlich eine Herausforderung.

Absolut. Eine klassische Lösung hätte vielleicht ein bis zwei Millionen Euro gekostet. Unser Werk hat rund 12 Millionen Euro gekostet. Das ist eine enorme Investition.

Warum haben Sie diesen Schritt trotzdem gewagt?

Weil wir überzeugt waren. Natürlich spielt Wirtschaftlichkeit eine Rolle – aber die ist schwer zu berechnen. Energiepreise schwanken, genauso wie die Preise für Holz oder Pflanzenkohle. Aber wir wollten nicht den einfachsten Weg gehen, sondern den richtigen.

Sie sprechen von Verantwortung. Wie wichtig ist Regionalität dabei?

Sehr wichtig. Wir arbeiten mit Holz aus der Region, achten auf zertifizierte Lieferketten und darauf, dass die Wälder nachhaltig bewirtschaftet werden. Es gibt Studien, die zeigen, dass in Österreich sogar weniger Holz geerntet wird, als nachwächst – das heißt, wir haben hier ein enormes Potenzial.

Wie reagieren Ihre Gäste auf diese Initiative?

Sehr positiv. Wir drängen es niemandem auf, aber wir informieren aktiv: über Filme im Haus, Führungen durch das Werk und Gespräche. Viele Gäste sind begeistert, weil sie sehen, dass wir es ernst meinen.

Sie haben sogar prominente Unterstützung bekommen.

Ja, Joko Winterscheidt war bei der Eröffnung dabei und ist unser Pate geworden. Er hat das Konzept vorher sogar von einem Ökonomen prüfen lassen – und war am Ende überzeugt, dass wir hier wirklich etwas Besonderes geschaffen haben.

Ist Ihr Modell ein Vorbild für andere Hotels?

Wir sind das erste Hotel weltweit, das in dieser Form klimapositiv Strom und Wärme erzeugt. Die Technologie gibt es zwar schon, aber nicht in dieser Anwendung. Andere Betriebe interessieren sich zunehmend dafür.

Gibt es noch Entwicklungspotenzial?

Ja, definitiv. Unser nächstes Ziel ist es, noch unabhängiger zu werden – etwa durch bessere Stromspeicherung, damit wir auch nachts autarker sind.

Nachhaltigkeit ist heute ein viel verwendeter Begriff. Wie stehen Sie dazu?

Ganz ehrlich: Ich halte das Wort für überstrapaziert. Für uns ist Nachhaltigkeit nichts Besonderes – es ist einfach normal. Wir wollen keine Moralapostel sein, sondern unseren Weg gehen.

Spiegelt sich dieser Ansatz auch in anderen Bereichen wider?

Ja, zum Beispiel in unserer Küche:

  • eigene Metzgerei und Käserei
  • regionale Lieferanten
  • möglichst vollständige Verwertung der Produkte

Natürlich gibt es Grenzen – Bananen wachsen bei uns nicht. Aber wir versuchen, so viel wie möglich selbst und regional zu machen.

Was treibt Sie persönlich an?

Ich glaube an regionale Energie. In der Wüste nutzt man Sonne, bei uns Wasser oder Holz. Es geht darum, die Gegebenheiten vor Ort sinnvoll zu nutzen – und Verantwortung zu übernehmen.

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