Startup & Scaling Parkinson-Revolution aus Rheinland-Pfalz: Dr. Torsten Matthias im Business Punk Interview

Parkinson-Revolution aus Rheinland-Pfalz: Dr. Torsten Matthias im Business Punk Interview

Ein kleines Biotech-Unternehmen aus Rheinland-Pfalz sorgt weltweit für Aufsehen: Mit einem neuartigen Test will MODAG Parkinson Jahre vor den ersten Symptomen nachweisbar machen. Während Diagnosen bislang oft erst spät erfolgen, setzt das Team auf molekulare Klarheit statt klinischer Vermutung. Wir haben CEO Dr. Torsten Matthias gefragt, warum Gewissheit der erste Schritt zur Heilung ist.

Allein in Deutschland leben über 400.000 Menschen mit Parkinson, jedes Jahr kommen 20.000 bis 30.000 hinzu – die bekanntesten Fälle weltweit sind Mohamed Ali, Michael J. Fox und hierzulande Frank Elstner. Die tückische Krankheit verursacht nicht nur unermessliches Leid, sie kostet unser Gesundheitssystem jährlich mehrere Milliarden. Das Problem: Wenn die Diagnose gestellt wird, sind oft schon 70 Prozent der Nervenzellen unwiederbringlich zerstört. In Wendelsheim, weit weg von den glitzernden Hubs in München oder Berlin, hat ein kleines Team von Wissenschaftlern jetzt ein Test-Kit entwickelt. Unterstützt von der Michael J. Fox Foundation schickt sich die MODAG an, Parkinson biologisch sichtbar zu machen, Jahre bevor das erste Zittern beginnt. Wir haben CEO Dr. Torsten Matthias gefragt, warum Gewissheit der erste Schritt zur Heilung ist.

Business Punk: Dr. Matthias, Milliarden Euro Kosten für das System und 400.000 Einzelschicksale allein in Deutschland. Warum schauen wir bei Parkinson seit Jahrzehnten eigentlich nur beim Sterben der Nervenzellen zu, statt vorher einzugreifen?

Dr. Torsten Matthias: Weil wir bisher blind geflogen sind. Wir haben Parkinson wie eine mechanische Störung behandelt: Wir warten, bis der Motor stottert – also das Zittern oder die starre Mimik auftreten – und versuchen dann zu reparieren. Aber die biologische Uhr tickt oft schon 10 bis 20 Jahre vorher. In dieser Zeit verklumpen Proteine im Gehirn, das Alpha-Synuclein. Bisher war der Nachweis dieser Verklumpung extrem aufwändig und nur in einzelnen High-End-Laboren möglich. Wir haben dieses Verfahren mit PD DETECT® nun so standardisiert, dass es in jedes Fachlabor passt. Wir ersetzen die Beobachtung nicht, aber wir ergänzen sie um eine gesicherte, molekulare Datenbasis.

Business Punk: Die Diagnose von Parkinson galt lange als komplexes Puzzle. Warum war es bisher so schwierig, eine eindeutige Antwort zu bekommen?

Dr. Torsten Matthias: Weil wir uns primär auf das verlassen mussten, was wir von außen sehen konnten. Das ist eine bewährte Methode, aber sie lässt enormen Spielraum für Fehlinterpretationen. Nehmen Sie das prominenteste Beispiel, Frank Elstner: 2014 zitterte bei ihm erstmals die Hand. Er tat es als Lampenfieber ab, aber im Grunde war die Krankheit da schon weit fortgeschritten. Trotzdem dauerte es noch zwei bis drei Jahre bis zur finalen Diagnose. Ihm wurde von Ärzten sogar schriftlich versichert, er habe kein Parkinson. Warum? Weil die bisherige Diagnostik – etwa bildgebende Verfahren wie der DaTSCAN oder die klinische Beobachtung – eben keine 100-prozentige Sicherheit auf molekularer Ebene bieten kann.

Business Punk: Und Ihr Test beendet dieses schmerzhafte Warten und die jahrelangen Odysseen der Patienten?

Dr. Torsten Matthias: Wir beenden das Rätselraten durch biologische Fakten. Unser Test liefert in der Regel innerhalb von max. 5 Tagen ein klares Ergebnis. Es ist der Schritt von der klinischen Einschätzung hin zur molekularen Bestätigung. Wir weisen die Protein-Verklumpungen direkt nach. Das ermöglicht erstmals eine präzise „Ja/Nein“-Bestätigung, was Ärzten deutlich früher Spielraum für gezielte Therapien gibt und Betroffenen die nötige Klarheit verschafft.

Business Punk: MODAG ist ein Team von nur 15 Leuten, agiert aber von Wendelsheim aus auf Weltniveau. Wie schafft man es mit so einer kleinen Truppe, gleich zwei Testverfahren und zwei Wirkstoffe zu entwickeln und die Michael J. Fox Foundation zu überzeugen?

Dr. Torsten Matthias: Die Truppe wie Sie es nennen setzt sich aus exzellenten Wissenschaftlern zusammen, die interdisziplinär im Team zusammenarbeiten, darunter befinden sich international anerkannte Mediziner, Chemiker und Biochemiker. Dass wir bereits zwei unserer Substanzen gemeinsam mit einem Global Player wie Teva zur Marktreife bringen und von der Michael J. Fox Foundation gefördert werden, ist der Ritterschlag für unsere Arbeit. Es zeigt, wie effizient deutsche Biotech-Innovation sein kann, wenn das Team die gesamte Kette von der Grundlagenforschung bis zur Zulassung versteht.

Business Punk: Viele fragen sich: Warum ist eine frühe Diagnose so wichtig, wenn Parkinson bisher noch nicht geheilt werden kann?

Dr. Torsten Matthias: Je früher wir Bescheid wissen, desto besser können wir eingreifen. Um die Ursache anzugehen, müssen wir den Prozess stoppen, bevor der Schaden im Gehirn zu groß ist. Genau hier setzen wir mit unserer Partnerschaft mit Teva an. Wir entwickeln gezielte Therapien – eine für die extrem aggressive atypische Parkinson-Form MSA und eine für die klassische Parkinson-Erkrankung. Unsere Vision ist eine Präzisionsmedizin, in der Diagnose und Therapie Hand in Hand gehen.

Business Punk: Sie sprechen den Wirkstoff Emrusolmin (anle138b) an. Wie weit ist die Entwicklung dieser Behandlung?

Dr. Torsten Matthias: Wir sind bereits in der klinischen Phase-2a-Studie. Unser Wirkstoff soll die Verklumpung der Proteine stoppen, statt nur Symptome zu lindern. In den USA hat das Medikament für die MSA-Therapie bereits den FDA-„Fast Track“-Status erhalten. Die Logik dahinter ist simpel: Die beste Therapie nützt wenig, wenn sie zu spät kommt. Aber Parkinson ist erst der Anfang. Unsere Plattform-Technologie lässt sich perspektivisch auch auf andere Formen der Demenz und Alzheimer übertragen. Wir kämpfen gegen das Vergessen insgesamt.

Business Punk: Sie haben 30 Jahre Erfahrung als Wissenschaftler und Unternehmer. Was ist Ihr Rat an andere Gründer in diesem Bereich?

Dr. Torsten Matthias: Man muss den langen Atem haben. Ein wissenschaftlicher Durchbruch allein hilft keinem Patienten. Man braucht die Ausdauer für die harten Zertifizierungsprozesse und den Mut, strategische Partnerschaften mit den Großen der Branche einzugehen, um die nötige Schlagkraft für den Weltmarkt zu bekommen.

Business Punk: Vor kurzem haben sie den Parkinson-Test auf einem internationalen Kongress in Kopenhagen vorgestellt. Was war die wichtigste Botschaft, die MODAG dort vertrat?

Dr. Torsten Matthias: Dass wir die Ära der Vermutungen hinter uns lassen. Mit PD DETECT® geben wir Ärzten und Patienten ein Werkzeug an die Hand, um Klarheit zu schaffen. Und mit unseren therapeutischen Ansätzen zeigen wir, dass wir an einer Zukunft arbeiten, in der Parkinson nicht mehr nur verwaltet, sondern an der Wurzel angegangen wird. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, in der Diagnose und Therapie endlich Hand in Hand gehen. Die Technologie ist bereit. Jetzt liegt es an den Entscheidern im Gesundheitssystem, dafür zu sorgen, dass diese Innovation nicht am Geldbeutel des Patienten scheitert, sondern Standard für alle wird. Unser Ziel bleibt: Das Unsichtbare sichtbar und das Unheilbare behandelbar zu machen.

Bild: Dr. Torsten Matthias

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