Drive & Dreams Teslas Autopilot-Desaster: 4 Millionen Kunden vor Gericht

Teslas Autopilot-Desaster: 4 Millionen Kunden vor Gericht

Elon Musk feiert die EU-Zulassung seiner Autopilot-Software. Doch vier Millionen Kunden mit älterer Hardware bleiben außen vor – und organisieren jetzt eine weltweite Sammelklage.

Im April postete Elon Musk triumphierend die erste europäische Zulassung seiner Full-Self-Driving-Software. Einen Tag später startete der niederländische Tesla-Kunde Mischa Sigtermans eine Webseite für eine Sammelklage. Der Grund: Die zugelassene Software läuft nur auf neuer Hardware. Vier Millionen Fahrzeuge mit der älteren Hardware 3 bleiben außen vor – obwohl Tesla ihnen jahrelang autonomes Fahren versprach. Eine exklusive Recherche des Handelsblatt zeigt nun das Ausmaß des Debakels.

Sieben Jahre Warten auf ein leeres Versprechen

Sigtermans zahlte 2019 für sein Model 3 insgesamt 68.268 Euro. Davon gingen 6800 Euro extra für die Full-Self-Driving-Funktion drauf. Tesla versprach ihm: Die Hardware sei bereits verbaut, Software-Updates würden die autonome Fahrfunktion freischalten.

Siebzehn Servicecenter-Besuche später – wegen Lenkradspiel, Geräuschen, defektem Glasdach – bezeichnet sich der 32-Jährige immer noch als Tesla-Fan. Doch jetzt reicht es ihm. Seine Klage-Webseite hw3claim.nl ging viral: 800.000 Aufrufe, 3000 Anmeldungen für die Sammelklage, Anfragen aus 29 Ländern. Kanzleien aus den USA und Asien melden sich bereits.

Das gelöschte Versprechen

Tesla verkaufte zwischen 2019 und 2023 vier Millionen Autos mit Hardware 3. Das Versprechen: vollautonomes Fahren inklusive. In Europa kostete das FSD-Paket bis zu 7500 Euro Aufpreis, in den USA bis zu 15.000 Dollar. Schon im Oktober 2016 schrieb Tesla in einem Blogbeitrag, alle produzierten Fahrzeuge verfügten über die nötige Hardware für autonomes Fahren.

Dieser Blogbeitrag existiert heute nicht mehr – Tesla löschte ihn im August 2024. Auch ein Werbevideo von 2016 entpuppte sich als Inszenierung: Das Model X fuhr eine vorprogrammierte Route, der Testfahrer musste mehrfach eingreifen, eine Szene mit Zaun-Crash wurde herausgeschnitten. Teslas Autopilot-Chef Ashok Elluswamy räumte später vor Gericht ein, das Video sollte nicht zeigen, was Kunden 2016 zur Verfügung stand.

Hardware-Lüge mit System

Die technische Wahrheit: Hardware 3 war nie für autonomes Fahren geeignet. Zu wenig Rechenleistung, zu wenig Speicher, unzureichende Kameraqualität. Seit 2023 verbaut Tesla Hardware 4 – eine Nachrüstung der Altfahrzeuge sei technisch unmöglich. Januar 2025 gab Musk in einer Telefonkonferenz zu, alle HW3-Computer in FSD-Fahrzeugen ersetzen zu müssen.

Der Austausch werde „schmerzhaft und schwierig“. Fünfzehn Monate später: kein Zeitplan, kein Austauschprogramm. Stattdessen kündigt Tesla eine abgespeckte Version namens „v14 Lite“ an – was Kunden davon haben, bleibt unklar. In einem US-Patent räumt Tesla ein, dass ein Kompressionstrick Teile des Systems „unbrauchbar“ machen könne.

Whistleblower warnte jahrelang

Lukasz Krupski arbeitete von 2018 bis 2022 bei Tesla in Norwegen. Der ehemalige Fan wurde zum Whistleblower und gewann kürzlich vor dem norwegischen obersten Gericht gegen Tesla. Krupski dokumentierte das HW3-Problem von innen: fehlende redundante Chips, keine Back-up-Batterie.

Seine Einschätzung: Tesla verkaufte bewusst ein Produkt, von dem das Unternehmen wusste, dass es die versprochenen Leistungen nicht erbringen kann. Bereits 2022 verurteilte das Landgericht Darmstadt Tesla zur Rücknahme eines Model 3 mit voller Kostenerstattung – die Full-Self-Driving-Funktion sei mangelhaft, die Ampel- und Stoppschild-Erkennung „unstreitig unbrauchbar“.

Milliarden-Forderung droht

Die 3000 Kunden, die sich binnen weniger Tage bei Sigtermans meldeten, könnten bereits 6,4 Millionen Euro Schadenersatz fordern. Doch Sigtermans richtet sich an alle vier Millionen HW3-Besitzer – egal ob sie FSD bereits bezahlten oder Anspruch auf Hardware-Nachrüstung haben. Bei mehreren Tausend Euro pro Fahrzeug summieren sich die potenziellen Forderungen auf Milliardenhöhe.

Tesla schwieg auf Anfragen des Handelsblatt, wie viele HW3-Kunden FSD kauften. Sigtermans bereitet ein WAMCA-Verfahren nach niederländischem Sammelklagerecht vor. Sein letzter Anruf beim Tesla-Kundenservice offenbarte die Hilflosigkeit des Konzerns: Auf die Frage, wann FSD auf Hardware 3 verfügbar sei, antwortete der Mitarbeiter, es gebe keine Informationen – „oder ob es überhaupt kommt“.

Business Punk Check

Teslas Autopilot-Versprechen war von Anfang an Marketing-Betrug. Vier Millionen Kunden zahlten für Hardware, die technisch nie für autonomes Fahren taugte. Musk kündigte seit 2016 jährlich den Durchbruch an – nichts davon trat ein. Die selbstfahrenden Taxi-Flotten? Nie gekommen. Die Küste-zu-Küste-Fahrt ohne Lenkrad-Berührung? Nie passiert. Stattdessen löschte Tesla heimlich Blogbeiträge mit den ursprünglichen Versprechen und gab vor Gericht zu, Werbevideos inszeniert zu haben.

Die bittere Realität: Hardware 3 fehlt Rechenpower, Speicher und Kameraqualität für echtes autonomes Fahren. Eine Nachrüstung auf Hardware 4 ist technisch unmöglich – andere Stecker, andere Spannung, andere Kühlung. Musk versprach im Januar 2025 einen „schmerzhaften“ Hardware-Austausch. Fünfzehn Monate später: Funkstille. Die angekündigte Light-Version ist ein Placebo. Whistleblower Krupski warnte jahrelang intern – ignoriert. Jetzt droht eine weltweite Sammelklage mit Milliarden-Forderungen. Für Early Adopters gilt: Wer auf Musks Versprechen vertraute, wurde systematisch getäuscht. Die Mobilitätswende braucht keine vollmundigen Ankündigungen, sondern funktionierende Technologie. Tesla lieferte Marketing statt Substanz.

Häufig gestellte Fragen

Können Tesla-Kunden mit Hardware 3 jemals autonomes Fahren nutzen?

Technisch ist Hardware 3 für echtes autonomes Fahren ungeeignet. Die Rechenleistung, der Speicher und die Kameraqualität reichen nicht aus. Tesla kündigte eine abgespeckte Software-Version an, räumte aber in einem US-Patent ein, dass diese Teile des Systems „unbrauchbar“ machen könne. Eine Nachrüstung auf Hardware 4 ist wegen unterschiedlicher Stecker, Spannung und Kühlung technisch nicht möglich. Trotz Musks Ankündigung vom Januar 2025 gibt es fünfzehn Monate später weder Zeitplan noch Austauschprogramm.

Welche rechtlichen Chancen haben betroffene Tesla-Kunden?

Die Erfolgsaussichten stehen gut. Das Landgericht Darmstadt verurteilte Tesla bereits 2022 zur Rücknahme eines Model 3 mit voller Kostenerstattung wegen mangelhafter FSD-Funktion. Tesla löschte zudem Blogbeiträge mit den ursprünglichen Hardware-Versprechen und gab vor Gericht zu, Werbevideos inszeniert zu haben. Die niederländische Sammelklage nach WAMCA-Recht bündelt bereits 3000 Kunden aus 29 Ländern. Spezialisierte Kanzleien aus USA und Asien zeigen Interesse. Bei vier Millionen betroffenen Fahrzeugen drohen Tesla Milliarden-Forderungen.

Lohnt sich der Kauf eines Tesla mit aktueller Hardware 4 für autonomes Fahren?

Vorsicht ist geboten. Tesla versprach seit 2016 jährlich den Durchbruch beim autonomen Fahren – nichts davon trat ein. Die angekündigten selbstfahrenden Taxi-Flotten existieren nicht, die versprochene Küste-zu-Küste-Fahrt fand nie statt. Auch Hardware 4 ist nur so gut wie die Software-Entwicklung und behördliche Zulassung. Die EU-Zulassung gilt aktuell nur für „Full Self-Driving (Supervised)“ – also mit permanenter Fahrerüberwachung. Wer heute für FSD bezahlt, kauft erneut ein Versprechen, keine fertige Technologie.

Was bedeutet das Tesla-Debakel für die E-Mobilitätswende?

Das Tesla-Desaster zeigt die Kluft zwischen Marketing und technischer Realität in der Automobilbranche. Vollmundige Versprechen zum autonomen Fahren schaden der Glaubwürdigkeit der gesamten E-Mobilitätsbranche. Kunden brauchen funktionierende Technologie statt Vorkasse auf unausgereifte Systeme. Die Mobilitätswende erfordert transparente Kommunikation über technische Grenzen und realistische Zeitpläne. Etablierte Hersteller mit konservativen Entwicklungszyklen könnten vom Tesla-Vertrauensverlust profitieren – wenn sie echte Lösungen statt Hype liefern.

Quellen: Handelsblatt

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