Business & Beyond Europa baut einen Tunnel – und Bayern spielt Dorfdisco

Europa baut einen Tunnel – und Bayern spielt Dorfdisco

Der Brennerbasistunnel soll Anfang der 30iger Jahre den Eisenbahnverkehr deutlich beschleunigen. Doch auf deutscher Seite gibt es Widerstand.

Der Streit klingt erst mal nach Heimatfilm: Tirol gegen Bayern, Österreich gegen Deutschland, ein bisschen Kuhglocke, viel Lkw-Lärm. In Wahrheit geht es um etwas Größeres. Um die Frage, ob Europa große Projekte noch hinkriegt, oder ob sie an bayerischen Vorgärten zerschellen.

Der Brennerbasistunnel ist so ein Projekt. 55 Kilometer Hightech unter den Alpen, gebaut von Österreich und Italien, finanziell unterstützt von der EU. Ein Jahrhundertbauwerk. Und gerade sieht es so aus, als würde das Ding ausgerechnet an Deutschland hängen bleiben.

Zerschellt in bayerischen Vorgärten?

Dabei ist die Idee so simpel wie überfällig: runter von der Straße, rauf auf die Schiene. Weg vom Brennerpass, wo sich seit Jahren die Lkw stapeln wie SUVs vorm Bioladen. Rund 2,4 Millionen Lastwagen pro Jahr wälzen sich da drüber. Das sind 6.500 bis 7.000 pro Tag. Jeden. Einzelnen. Tag. Und Europa denkt sich: Vielleicht wäre ein Tunnel nicht die schlechteste Idee.

Also baut man einen der längsten Eisenbahntunnel der Welt. Für Güterzüge, für Tempo, für die große Nord-Süd-Achse von München bis Verona. Fertig werden soll das Ganze irgendwann Anfang der 2030er. Kosten? Deutlich über zehn Milliarden Euro. Wer zahlt? Österreich, Italien – und die EU, weil sie noch daran glaubt, dass Europa mehr ist als ein geografischer Zufall.

Der Tunnel ist nicht die schlechteste Idee

Klingt nach Plan. Wäre da nicht Bayern. Denn ein Tunnel bringt exakt gar nichts, wenn davor Stau ist. Und genau da wird es unerquicklich. Der sogenannte Nordzulauf – also die Strecke von München Richtung Kufstein – ist das Nadelöhr. Und dort passiert: wenig.

Bayern zögert, Bürgerinitiativen laufen Sturm, Politiker versuchen, gleichzeitig europäisch zu denken und lokal wiedergewählt zu werden. In Rosenheim hängen längst die Banner. „Wir kämpfen gegen das 3. und 4. Gleis“, steht da. Und noch schöner: „Der gelbe Tod für unsere Heimat“. Gemeint ist die Deutsche Bahn, deren Baustellenfahrzeuge nun mal gelb sind. Mehr Symbolik geht nicht.

Das ist nicht Klimabewegung. Das ist Eigentumsschutz mit Brimborium. Währenddessen wird in Tirol langsam die Geduld knapp. Der Landeshauptmann Anton Mattle nennt das Ganze ziemlich unverblümt eine Blockade. Österreich habe geliefert, jetzt müsse Deutschland endlich nachziehen. Auch Verkehrslandesrat René Zumtobel wird deutlich: Im Norden gehe „nichts voran“, während Tirol seit Jahren im Transitverkehr erstickt.

Den Österreichern reißt der Geduldsfaden

In Bayern klingt das naturgemäß anders. Man verweist auf Bürger, Verfahren, Prüfungen. Auf Demokratie, die eben dauert. Im BR-Format „Jetzt red i“ wird das regelmäßig zelebriert: Anwohner fürchten um ihre Landschaft, während draußen die Lkw weiterrollen. Ein perfektes Dilemma. Nur leider kein kleines. Die Süddeutsche Zeitung nennt das längst ein „Desaster“. Nicht den Tunnel. Sondern das Drumherum. Europa baut, Österreich und Italien liefern – und Deutschland diskutiert, als ginge es um eine Umgehungsstraße bei Bad Aibling.

Dabei ist die Rechnung einfach. Ohne funktionierende Zulaufstrecken wird der Tunnel zum teuren Loch im Berg. Züge sind keine Magier. Sie fahren nur so schnell wie das langsamste Stück Strecke. Wenn also nördlich des Brenners alles beim Alten bleibt, bringt der schönste Tunnel nichts. Der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim sagt es ohne Pathos:
„Der Brennerbasistunnel bringt wenig, wenn die Zulaufstrecken nicht entsprechend ausgebaut werden.“

Österreich erhöht inzwischen den Druck, führt Blockabfertigungen für Lkw ein, weil schlicht zu viele unterwegs sind. Deutschland fühlt sich gegängelt. Österreich fühlt sich allein gelassen. Und die Lastwagen? Fahren einfach weiter. 7.000 am Tag. Der Brennerbasistunnel ist damit längst mehr als ein Bauprojekt. Er ist ein Symbol. Für das, was Europa bauen kann. Und für das, woran es regelmäßig scheitert.

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