Business & Beyond Vom Staatsgarantie-Fall zum DAX-Überflieger: Siemens Energy liefert ab

Vom Staatsgarantie-Fall zum DAX-Überflieger: Siemens Energy liefert ab

Siemens Energy hebt die Prognose erneut an und wird zum drittwertvollsten DAX-Konzern. Die Aktie explodiert um 170 Prozent. Energiewende-Boom macht’s möglich — doch die Umsetzung hinkt.

Christian Bruch dürfte sich die Zahlen mehrfach angeschaut haben, bevor er auf „Veröffentlichen“ klickte. Vier Milliarden Euro Nettogewinn für 2025/26 — am oberen Ende der Spanne. 14 bis 16 Prozent Umsatzwachstum statt 11 bis 13 Prozent. Umsatzrendite zwischen zehn und zwölf Prozent. Zum wiederholten Mal schraubt der Siemens-Energy-Chef die Jahresziele nach oben. Wer vor zwölf Monaten für sieben Euro einstieg, als das Unternehmen staatliche Garantien brauchte, sitzt heute bei 183 Euro. Das macht Siemens Energy zum drittwertvollsten DAX-Konzern.

Die Auftragsflut ist real: 17,8 Milliarden Euro im zweiten Quartal, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Analysten hatten nur 16,6 Milliarden erwartet. Vor allem die Netztechnik-Sparte Grid Technologies boomt — Auftragseingang plus 41 Prozent. Die Energiewende braucht Stromleitungen, Transformatoren, Infrastruktur. Und Siemens Energy kassiert ab.

Grid Technologies: Der wahre Wachstumstreiber

Dass die Netztechnik-Sparte Grid Technologies der eigentliche Star ist, zeigt die drastisch angehobene Prognose. Statt 19 bis 21 Prozent soll der Umsatz nun um 25 bis 27 Prozent steigen, wie WirtschaftsWoche berichtet. Die operative Marge klettert auf 18 bis 20 Prozent — deutlich über den bisherigen 16 bis 18 Prozent. Der Grund: Stromnetze weltweit müssen massiv ausgebaut werden. Rechenzentren für KI-Training, Elektromobilität, grüner Wasserstoff — alles braucht Kapazität. Und die kommt nicht aus der Steckdose.

Auch die Gassparte Gas Services liefert mit 32 Prozent Auftragsplus ab. Ausgerechnet Gas, obwohl die Welt klimaneutral werden will. Aber ohne Gasturbinen als Backup für wetterabhängige Erneuerbare funktioniert die Energiewende nicht. Siemens Energy verkauft beides: Das grüne Gewissen und die fossile Realität.

Gamesa: Vom Milliardengrab zur schwarzen Null

Die Windkraft-Tochter Siemens Gamesa war der Hauptgrund für die Krise 2023. Technische Probleme, explodierende Kosten, Qualitätsmängel — ein Desaster. Jetzt schrumpfte der Quartalsverlust von 249 auf 44 Millionen Euro. Die Umsatzprognose steigt auf drei bis fünf Prozent Wachstum, Ziel bleibt eine schwarze Null.

Klingt bescheiden, ist aber für Gamesa ein Quantensprung. Noch ist die Tochter nicht profitabel, aber sie verbrennt zumindest kein Geld mehr im Milliardentempo.

Zahlen vs. Realität: Die Umsetzungslücke

Hier wird’s interessant: Der Auftragseingang explodiert, aber der Umsatz hinkt. 10,3 Milliarden Euro im Quartal — eine halbe Milliarde unter Analystenschätzungen. Der Nettogewinn von 835 Millionen lag ebenfalls unter den erwarteten 900 Millionen. Siemens Energy kann Aufträge akquirieren, aber die Abarbeitung stockt. Lieferketten, Fachkräftemangel, Projektabwicklung — die Realität bremst den Hype.

Auch Grid Technologies und Gas Services bleiben beim Gewinn hinter Erwartungen zurück, so WirtschaftsWoche. Die Auftragsbücher quellen über, aber die Profitabilität pro Projekt stimmt noch nicht perfekt. Margenverbesserungen werden prognostiziert, aber sind sie schon da?

Business Punk Check

Siemens Energy liefert eine Turnaround-Story wie aus dem Lehrbuch: Vom Sanierungsfall mit Staatshilfe zum DAX-Überflieger in zwölf Monaten. Die Aktie verdreifacht sich, Anleger jubeln, Christian Bruch ist der Held. Doch zwischen Auftragsflut und Gewinnrealisierung klafft eine Lücke. 17,8 Milliarden Euro neue Orders sind beeindruckend — aber nur wenn Siemens Energy sie profitabel abarbeiten kann.

Die Netztechnik-Prognose ist aggressiv, Gamesa noch nicht aus dem Schneider. Die Energiewende-Story trägt, aber das Execution-Risiko bleibt. Wer jetzt bei 183 Euro einsteigt, wettet darauf, dass Bruch seine Versprechen hält. Die Konkurrenz schläft nicht, und bei Großprojekten kann jede Verzögerung die Marge killen. Der Hype ist real — die Bewährungsprobe kommt erst noch.

Häufig gestellte Fragen

Warum steigt die Siemens-Energy-Aktie so stark?

Die Aktie legte in zwölf Monaten um über 170 Prozent zu, von sieben Euro während der Krise 2023 auf 183 Euro. Grund sind wiederholte Prognoseanhebungen, starke Auftragsflut (plus 30 Prozent) und der Boom bei Netzinfrastruktur durch die Energiewende. Siemens Energy profitiert vom weltweiten Stromhunger.

Was macht Grid Technologies so erfolgreich?

Die Netztechnik-Sparte verzeichnet 41 Prozent Auftragswachstum, weil Stromnetze für Energiewende, KI-Rechenzentren und E-Mobilität massiv ausgebaut werden müssen. Siemens Energy hebt die Umsatzprognose auf plus 25 bis 27 Prozent und die Marge auf 18 bis 20 Prozent an — deutlich über früheren Erwartungen.

Ist Siemens Gamesa noch ein Problem?

Der Quartalsverlust schrumpfte von 249 auf 44 Millionen Euro. Die Umsatzprognose steigt auf drei bis fünf Prozent Wachstum, Ziel bleibt eine schwarze Null. Gamesa ist stabilisiert, aber noch nicht profitabel. Die technischen Probleme scheinen unter Kontrolle, echte Gewinne stehen aber noch aus.

Warum liegt der Umsatz unter Erwartungen trotz Rekordaufträgen?

Siemens Energy akquiriert massiv neue Aufträge (17,8 Mrd. €), kann sie aber nicht schnell genug in Umsatz umsetzen. Der Quartalsumsatz von 10,3 Milliarden lag eine halbe Milliarde unter Analystenschätzungen. Lieferketten, Projektabwicklung und Fachkräfte bremsen die Execution — typisch für Großprojektgeschäft.

Quellen: Handelsblatt, WirtschaftsWoche, n-tv.de

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