Finance & Freedom Kapitalrente: 770 Euro mehr, aber wer zahlt die Zeche?

Kapitalrente: 770 Euro mehr, aber wer zahlt die Zeche?

Die Rentenkommission verspricht bis zu 770 Euro mehr Rente durch Kapitaldeckung. Klingt verlockend – aber wer zahlt die Rechnung? Und was verschweigen Merz und Bas bei ihrem großen Reformversprechen?

Die Rentenkommission verkauft ihre Reform als Durchbruch: Bis zu 770 Euro mehr Rente pro Monat nach 45 Jahren Ansparzeit verspricht Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des Forschungsbereichs Altersvorsorge an der Uni Mannheim. Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas präsentieren das Konzept als Generationenvertrag 2.0. „Laut unseren Vorausberechnungen könnte der sogenannte Eckrentner im Mittel nach 20 Jahren Ansparzeitraum in der Kapitalrente auf 150 Euro mehr Rente monatlich kommen, nach 45 Jahren sogar auf über 770 Euro mehr“, sagte Bucher-Koenen dem „Spiegel“

Die Realität? Komplizierter als die Hochglanz-Präsentation vermuten lässt. Denn während die Politik von Sicherheit und Gerechtigkeit spricht, steigen die Lohnnebenkosten – und damit die Skepsis der Wirtschaft.

Zwei Prozent mehr Beitrag – für eine ungewisse Rendite

Das Kernstück der Reform: Pflichtbeiträge zur Rente steigen schrittweise um bis zu zwei Prozent vom Einkommen. Arbeitgeber und Beschäftigte teilen sich die Last. Das aufgebaute Kapital wird angelegt, die Erträge sollen das Rentenniveau stabilisieren. Nach 20 Jahren Ansparzeit könnten Versicherte mit 150 Euro mehr Rente rechnen, nach 45 Jahren mit über 770 Euro – zumindest laut Modellrechnung.

Die Zahlen beziehen sich auf Realwerte zum Preisniveau 2026 und gelten für den sogenannten Eckrentner: 45 Jahre Arbeit, immer Durchschnittseinkommen, aktuell 1.913 Euro Bruttorente. Jörg Rocholl, Präsident der Berliner Wirtschaftshochschule ESMT, nennt das Konzept einen möglichen Durchbruch. Die Kapitaldeckung könne im demografischen Wandel helfen, so Rocholl. Doch die Arbeitgeberverbände sehen das anders: Höhere Lohnnebenkosten belasten Unternehmen zusätzlich. Rocholl kontert, auch Arbeitgeber hätten ein Interesse an einem stabilen System – und die makroökonomischen Vorteile seien überragend.

Was Merz und Bas versprechen – und was sie verschweigen

Merz gibt sich staatstragend: Die Rente bleibe sicher, die Lasten würden gerecht verteilt. Alle Elemente des Reformpakets müssten umgesetzt werden – keine Rosinenpickerei. Bas verspricht, es werde für alle besser. Die jüngere Generation erhalte später höhere Renten als heutige Rentner, Altersarmut werde berücksichtigt. Klingt nach Win-Win. Aber: Die Reform basiert auf Annahmen über Kapitalmarktrenditen, die niemand garantieren kann.

Wirtschaftskrisen, Börsenabstürze, geopolitische Verwerfungen – all das bleibt unerwähnt. Die SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt sieht den Kommissionsentwurf als gute Grundlage, rechnet aber mit Interpretationsspielräumen. Sprich: Die Details werden noch verhandelt. Frank-Jürgen Weise, Vorsitzender der Rentenkommission, lobt die acht beteiligten Wissenschaftler und die Deutsche Rentenversicherung als verlässlichen Partner. Konsens klingt gut – aber Konsens bedeutet auch Kompromisse.

Die demografische Realität hinter den Zahlen

Bis 2040 verliert der deutsche Arbeitsmarkt 30 Prozent der heutigen Erwerbspersonen – 13,3 Millionen Menschen erreichen das Renteneintrittsalter von 67 Jahren. Die Babyboomer gehen, die Jüngeren müssen die Rechnung tragen. Die Versicherungslobby GDV rechnet vor: Ein heute 30-Jähriger mit Durchschnittseinkommen könnte bis zum Renteneintritt rund 181.000 Euro Versorgungskapital aufbauen. Der erste Jahresbeitrag 2027 läge bei knapp 1.050 Euro, daraus könnten etwa 6.050 Euro Jahresrente entstehen – bei vorsichtiger Rechnung. Vorsichtig ist das Stichwort. Denn die Berechnungen setzen stabile Märkte und kontinuierliche Renditen voraus.

Was passiert bei einer Finanzkrise kurz vor Renteneintritt? Was, wenn die Zinsen dauerhaft niedrig bleiben? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Bas betont, Versicherte müssten sich um nichts kümmern – alles laufe automatisch. Klingt beruhigend, ist aber auch eine Entmündigung: Wer nicht mitentscheiden kann, trägt trotzdem das Risiko.

Business Punk Check

Die Rentenreform ist Wirtschaftspolitik im Blindflug. Merz und Bas verkaufen höhere Zwangsbeiträge als Generationengerechtigkeit – dabei verschieben sie das Risiko nur von der Umlage auf den Kapitalmarkt. Die versprochenen 770 Euro mehr Rente? Nur erreichbar, wenn die Börsen 45 Jahre lang mitspielen. Eine Finanzkrise reicht, um die Rechnung zu zerstören. Gleichzeitig steigen die Lohnnebenkosten, was gerade Mittelständler und Startups belastet. Die Reform hilft vielleicht der Versicherungswirtschaft – aber löst sie wirklich das demografische Problem?

Die unbequeme Wahrheit: Kapitaldeckung ist kein Wundermittel, sondern ein Wette auf stabile Märkte. Wer heute 30 ist, zahlt drauf – ohne Garantie auf Rendite. Die Politik feiert Konsens, verschweigt aber die Risiken. Für Arbeitgeber bedeutet das: höhere Kosten ohne Mitspracherecht. Für Arbeitnehmer: weniger Netto, mehr Hoffnung. Die einzigen Gewinner? Fondsmanager und Versicherungen, die das Kapital verwalten. Echte Generationengerechtigkeit sähe anders aus – etwa durch Produktivitätssteigerung, Zuwanderung oder flexible Renteneintrittsmodelle. Stattdessen gibt es Zwangssparen mit Renditeversprechen. Das ist keine Reform, sondern Risikotransfer.

Quellen: Focus, Welt, Bild

Das könnte dich auch interessieren