Finance & Freedom Das letzte ungelöste Problem im Fintech: Geld ausgeben statt einsammeln

Das letzte ungelöste Problem im Fintech: Geld ausgeben statt einsammeln

Während Unternehmen heute Zahlungen mit wenigen Klicks einsammeln können, bleibt die andere Seite oft überraschend analog. Wer weltweit Creator, Freelancer oder externe Teams bezahlt, kämpft häufig mit manuellen Prozessen, regulatorischen Anforderungen und hohen Kosten. Das Wiener Fintech Talentir will genau dieses Problem lösen und hat dafür kürzlich €4 Millionen Seed-Finanzierung eingesammelt.


Wir haben mit Lukas Steiner, CEO und Co-Founder von Talentir, darüber gesprochen, warum Auszahlungen noch immer eines der größten ungelösten Probleme im Fintech sind, weshalb Stablecoins plötzlich relevant werden und warum Europa die Chance auf die nächste große Finanzinfrastruktur hat.


Lukas, ihr sagt, dass Money-Out das letzte große ungelöste Problem im Fintech ist. Was meint ihr damit?
Lukas Steiner: Die meisten Menschen denken bei Fintech zuerst an Zahlungen. Aber eigentlich wurde nur eine Hälfte des Problems gelöst. Stripe, Adyen oder PayPal haben es extrem einfach gemacht, Geld einzusammeln. Die andere Seite, also Geld an tausende Empfänger weltweit auszuzahlen, ist noch immer überraschend kompliziert.
Sobald Unternehmen Creator, Musiker, Freelancer oder externe Teams bezahlen müssen, entstehen manuelle Prozesse, Compliance-Aufwand, Steuerfragen und hohe Kosten. Viele Unternehmen bauen dafür eigene Workflows, Tabellen oder ganze Teams auf. Genau dieses Problem lösen wir.


Warum ist das Thema bisher so wenig sichtbar?
Weil Auszahlungen lange als notwendiger Kostenblock betrachtet wurden. Niemand baut sein Unternehmen um den Auszahlungsprozess herum.
Aber wenn man genauer hinschaut, wird schnell klar: Plattformen wachsen heute global. Sie zahlen Menschen in Dutzenden Ländern aus. Dabei entstehen enorme operative Aufwände. Das ist kein Randproblem mehr, sondern zentrale Infrastruktur.


Ihr sprecht oft von “Money-Out”. Warum ist dieser Markt gerade jetzt interessant?
Weil sich mehrere Entwicklungen gleichzeitig treffen. Erstens wächst die Creator Economy weiter. Zweitens arbeiten Unternehmen zunehmend mit global verteilten Teams. Drittens sind neue Technologien wie Stablecoins inzwischen regulatorisch deutlich klarer geworden.
Dadurch wird erstmals möglich, Auszahlungen komplett neu zu denken. Nicht nur schneller, sondern auch wirtschaftlicher.

Stablecoins sind für viele Unternehmen noch ein schwieriges Thema. Warum setzt ihr darauf?
Weil sie ein Infrastrukturproblem lösen. Unsere Kunden kaufen keine Kryptowährungen und nutzen auch keine Wallets. Sie sehen einfach schnellere und günstigere Auszahlungen.
Im Hintergrund nutzen wir Stablecoins als Settlement-Layer. Dadurch reduzieren sich Kosten und Transaktionszeiten drastisch. Was früher mehrere Tage gedauert hat, passiert heute innerhalb von Sekunden. Für uns ist Stablecoin-Technologie kein Produkt, sondern die moderne Schiene, auf der Geld transportiert wird.


Viele Startups bauen KI in ihre Produkte ein. Was macht ihr anders?
Wir sehen KI nicht als Chatbot oder Assistenzfunktion. Der größte Aufwand bei Auszahlungen entsteht vor der eigentlichen Zahlung. Daten müssen zusammengeführt werden. Umsatzanteile müssen korrekt aufgeteilt werden. Empfänger müssen identifiziert werden. Steuer- und Compliance-Themen müssen berücksichtigt werden.
Genau diese Vorbereitungsarbeit übernimmt unsere KI. Sie bereitet die Daten auf, erkennt Fehler und automatisiert Prozesse, die bisher ganze Teams beschäftigt haben. Wichtig ist dabei: Die KI bewegt niemals selbst Geld. Die finale Freigabe erfolgt immer durch Menschen.


Ein Begriff, den ihr häufig verwendet, ist Merchant of Record. Warum ist das relevant?
Weil wir dadurch Verantwortung übernehmen, nicht nur Software liefern. Die meisten Anbieter stellen Werkzeuge bereit. Die regulatorische Verantwortung bleibt beim Kunden.
Wir gehen einen Schritt weiter. Als Merchant of Record übernehmen wir große Teile der Compliance-, Steuer- und Auszahlungsverpflichtungen. Unsere Kunden behalten ihre Marke und ihre Beziehung zu den Empfängern, aber wir übernehmen die regulatorische Komplexität. Das ist einer der zentralen Unterschiede zu klassischen Payout-Anbietern.


Eure Technologie entstand ursprünglich in der Musikindustrie. Warum gerade dort?
Die Probleme dort sind besonders komplex. Ein einzelner Song kann Umsätze für Künstler, Produzenten, Labels, Verlage und Management erzeugen. Die Erlöse müssen korrekt aufgeteilt und weltweit ausgezahlt werden.
Wenn man diese Komplexität lösen kann, lassen sich viele andere Branchen deutlich einfacher bedienen. Deshalb sehen wir heute enormes Potenzial auch in der Creator Economy, bei Plattformen und bei globalen Unternehmen mit verteilten Teams.


Ihr habt gerade €4 Millionen eingesammelt. Wofür verwendet ihr das Kapital?
Wir investieren vor allem in den Ausbau unserer KI-nativen Payout-Plattform und in die internationale Expansion. Unser Ziel ist es, die Standard-Infrastruktur für globale Auszahlungen zu werden. So wie Stripe heute für Payment Acceptance steht, wollen wir für moderne Money-Out-Prozesse stehen.


Europa gilt oft nicht als Heimat großer Infrastrukturunternehmen. Warum glaubt ihr trotzdem an diese Chance?
Weil genau hier viele der Voraussetzungen vorhanden sind. Europa hat starke Fintech-Talente, hohe regulatorische Standards und inzwischen auch die richtigen technologischen Rahmenbedingungen.
Viele der größten Infrastrukturunternehmen der letzten Jahrzehnte kamen aus den USA. Wir glauben, dass die nächste Generation globaler Finanzinfrastruktur durchaus aus Europa entstehen kann. Und genau daran arbeiten wir.


Vielen Dank für das Gespräch!

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