Business & Beyond Banking hat ein Vertrauensproblem und noch eine App wird es nicht lösen

Banking hat ein Vertrauensproblem und noch eine App wird es nicht lösen

Banking war lange eine Frage des Vertrauens. Man kannte seine Bank, vielleicht sogar den Berater, ging in die Filiale, unterschrieb Unterlagen und bekam das Gefühl, dass sich hier jemand um einen kümmert. Dieses Modell verschwindet. Filialen schließen, Prozesse wandern in Apps, Entscheidungen werden automatisiert. Das ist effizient, aber Effizienz allein schafft kein Vertrauen.

Denn während die Finanzbranche über digitale Transformation, künstliche Intelligenz und Plattformstrategien spricht, erleben viele Menschen Banking ganz anders: als kompliziert, teuer, unverständlich oder sogar ausschließend. Wer kein stabiles Einkommen hat, eine schwierige Kredithistorie mitbringt, neu in Deutschland ist oder sich in digitalen Prozessen nicht sicher fühlt, merkt schnell, dass der Zugang zum Finanzsystem nicht für alle gleich einfach ist.

Dabei ist ein Konto kein Lifestyle-Produkt. Es ist die Eintrittskarte in den Alltag. Ohne Konto wird es schwer, Gehalt zu empfangen, Miete zu zahlen, online einzukaufen, Verträge abzuschließen oder finanzielle Selbstständigkeit aufzubauen. Wer vom Banking ausgeschlossen wird, wird auch von wirtschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen.

Finanzielle Inklusion ist keine Sozialromantik

In Deutschland wird finanzielle Inklusion oft noch als Randthema behandelt. Als ginge es nur um eine kleine Gruppe am Rande der Gesellschaft. Das ist ein Fehler. Finanzielle Teilhabe ist ökonomische Infrastruktur – vergleichbar mit Mobilität, Energie oder digitalem Zugang. Wenn Menschen keinen fairen Zugang zu einem Konto haben, verlieren nicht nur sie selbst. Auch die Volkswirtschaft verliert, denn Konsum, Ersparnisse, Unternehmertum, Integration und Arbeitsmarktbeteiligung bleiben unter ihren Möglichkeiten.

Die Hürden sind bekannt: hohe Kosten, komplexe Unterlagen, schwer verständliche Produkte, Bonitätsprüfungen, Schufa-Probleme oder Filialstrukturen, in denen sich viele Menschen nicht willkommen fühlen. Besonders betroffen sind Menschen mit instabilem Einkommen, negativer Kredithistorie, Migrantinnen und Migranten oder Personen, die sich mit rein digitalen Angeboten schwertun.

Das Paradoxe dabei? Ausgerechnet die Digitalisierung, die Banking einfacher machen sollte, kann neue Barrieren schaffen. Eine App ist nur dann inklusiv, wenn sie Menschen wirklich hilft. Wenn sie aber nur ein weiterer Zugangscode in ein ohnehin schwer verständliches System ist, löst sie das Problem nicht.

Wenn der Algorithmus Nein sagt

Besonders kritisch wird es dort, wo automatisierte Scoring-Systeme über den Zugang entscheiden. Sie sortieren Menschen nach Datenpunkten, Mustern und Wahrscheinlichkeiten. Für Banken mag das effizient sein. Für Betroffene kann es bedeuten, dass die eigene finanzielle Vergangenheit zur dauerhaften Eintrittssperre wird.

Das Problem ist nicht nur technischer Natur. Es ist gesellschaftlich. Wenn Menschen nicht mehr verstehen, warum sie abgelehnt werden, entsteht Misstrauen. Wenn Entscheidungen undurchsichtig sind, fühlt sich Digitalisierung nicht nach Fortschritt an, sondern nach Kontrollverlust. Und wenn Scoring bestehende Ungleichheiten verstärkt, wird aus Technologie ein sozialer Filter.

Deshalb braucht Banking eine neue Grundfrage: Muss ein Mensch wirklich kreditwürdig sein, um ein einfaches Konto nutzen zu dürfen?

Aus meiner Sicht lautet die Antwort nein. Ein Konto ohne Überziehung schafft kein Kreditrisiko. Wenn kein Kredit vergeben wird, braucht es auch keine klassische Bonitätsprüfung. Dann sollte eine Identitätsprüfung reichen. Das ist keine radikale Idee, sondern eine sehr einfache und der Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen darf nicht an der Vergangenheit scheitern.

Vertrauen entsteht nicht durch Features

Viele Banken und Fintechs versuchen, Vertrauen über immer neue Funktionen zu gewinnen. Mehr Tools, mehr Dashboards, mehr Personalisierung, mehr Automatisierung. Doch Vertrauen entsteht selten durch Feature-Listen. Es entsteht durch Verständlichkeit.

Menschen wollen wissen: Was kostet mich das? Was passiert mit meinem Geld? Kann ich mein Konto kontrollieren? Bekomme ich Hilfe, wenn etwas schiefläuft? Werde ich fair behandelt?

Einfache Preise, Echtzeit-Übersicht, klare Sprache und keine versteckten Bedingungen sind deshalb keine Kleinigkeiten. Sie sind die Grundlage dafür, dass Menschen wieder Kontrolle über ihre Finanzen gewinnen. Gerade für diejenigen, die sich von traditionellen Banken ausgeschlossen oder überfordert fühlen, ist Einfachheit kein Komfortmerkmal. Sie ist Voraussetzung für Teilhabe.

Die Zukunft des Bankings ist nicht entweder digital oder analog

In den vergangenen Jahren wurde Banking oft als Entweder-oder-Debatte geführt: Filiale oder App, Mensch oder Maschine, Bargeld oder digital. Diese Gegenüberstellung greift zu kurz. Die Zukunft liegt in der intelligenten Verbindung von digitaler Einfachheit und physischer Nähe.

Viele Menschen wollen ihre Finanzen per App verwalten. Gleichzeitig bleibt physische Präsenz wichtig – besonders in einem Markt wie Deutschland, in dem Bargeld, lokale Gewohnheiten und persönliche Kontaktpunkte weiterhin eine große Rolle spielen. Vertrauen entsteht oft dort, wo Menschen ohnehin ihren Alltag verbringen, beispielsweise im Kiosk, im Lotto-Shop, im kleinen Supermarkt um die Ecke.

Solche Orte sind mehr als Vertriebskanäle. Sie sind soziale Kontaktpunkte. Sie senken Hemmschwellen, machen Finanzdienstleistungen sichtbarer und weniger einschüchternd. Gleichzeitig profitieren lokale Händler von zusätzlichem Kundenverkehr und neuen Einnahmequellen. Das ist keine Nostalgie, sondern ein anderes Verständnis von Infrastruktur.

Banking muss wieder nützlich werden

Die Finanzbranche spricht gerne über Innovation. Doch Innovation ist nur dann relevant, wenn sie ein echtes Problem löst. Nicht jede neue Technologie macht Banking automatisch besser. Manchmal besteht die eigentliche Innovation darin, Dinge wegzulassen: keine Überziehung, keine unnötige Komplexität, keine unverständlichen Produktpakete, keine Bewertung von Menschen nach ihrer finanziellen Vergangenheit.

Banking muss wieder nützlich werden. Nicht für eine bestimmte Zielgruppe, sondern für alle, die ein einfaches, transparentes und faires Konto brauchen. Das schließt Menschen ein, die bisher Schwierigkeiten mit Banken hatten. Aber es schließt genauso Menschen ein, die einfach keine Lust mehr auf hohe Gebühren, versteckte Kosten und unnötige Komplexität haben.

Finanzielle Inklusion ist deshalb kein Nischenthema. Sie ist ein Zukunftsthema für die gesamte Branche. Denn Vertrauen in den Finanzmarkt entsteht nicht dadurch, dass immer mehr digitale Produkte für immer kleinere Zielgruppen gebaut werden. Es entsteht, wenn grundlegende Finanzdienstleistungen verständlich, zugänglich und fair sind.

Die entscheidende Frage für Banken und Fintechs lautet also nicht, wie digital wir werden können. Sondern vielmehr wie vielen Menschen wir wirklich helfen können, am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen.

Über den Autor

Laurent Guivarch ist CEO von Nickel Deutschland. Er kam 2020 zu Nickel und war zunächst als Commercial Director in Frankreich tätig, wo er den Aufbau und die Skalierung kommerzieller Strukturen sowie des Vertriebsstellennetzwerks verantwortete. Seit 2026 leitet er Nickel Deutschland. Guivarch verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in leitenden kommerziellen Funktionen, insbesondere in strategischer Geschäftsentwicklung, Projektmanagement und Prozessoptimierung in Multi-Channel-Umgebungen von stationärem Handel bis E-Business.

Das könnte dich auch interessieren