Brand & Brilliance Die Jungs haben alles gegeben“: Diese KI entlarvt die Phrasenkönige der WM

Die Jungs haben alles gegeben“: Diese KI entlarvt die Phrasenkönige der WM

Fußball hat xG, jetzt hat er auch xC. Ein KI-Tracker misst, welche WM-Trainer am Mikrofon wirklich etwas sagen und welche nur heiße Luft produzieren. Überraschung: Julian Nagelsmann schlägt sich besser, als es das deutsche Ausscheiden vermuten lässt.

Es gibt Sätze, die könnte man vor jeder Fußball-Pressekonferenz auf Zettel drucken und verlosen. „Wir müssen nach vorne blicken.“ „Am Ende entscheiden die Details.“ „Die Jungs haben alles gegeben.“ Bingo. Wer schon einmal eine WM-PK gesehen hat, kennt das Spiel: Trainer reden viel und sagen wenig.

Genau das lässt sich jetzt messen. Der Kommunikationskonzern Sinch hat mit dem Expected Cliché Tracker ein KI-Tool gebaut, das sämtliche Trainer-Pressekonferenzen der WM 2026 auswertet, und in Echtzeit rankt, wer echte Insights liefert und wer sich in die Floskel-Komfortzone flüchtet.

xC statt xG: Die Metrik für heiße Luft

Das Prinzip ist eine Anspielung auf die Expected Goals (xG), die längst zum Standardvokabular der Fußball-Analytics gehören. Der xC-Score – Expected Clichés – misst stattdessen, wie wahrscheinlich ein Trainer zur Standardphrase greift, statt tatsächlich etwas zu erklären.

Die Methodik dahinter ist erstaunlich ernsthaft: Die KI gleicht jede Antwort mit einem Glossar aus 205 Fußballfloskeln in sechs Sprachen ab, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Deutsch und Arabisch. Jede Phrase wurde von muttersprachlichen Redakteur:innen geprüft und nur aufgenommen, wenn sie bei großen Turnieren wiederholt vorkommt, unabhängig vom Spielergebnis funktioniert und von Fans sofort als Floskel erkannt wird. Erkannt werden nicht nur exakte Treffer, sondern auch Varianten und Paraphrasen. Jede Floskel bekommt zudem einen Cliché-Score zwischen 3 und 10, je nachdem, wie überstrapaziert sie ist. Religion, persönliche Schicksalsschläge und Beileidsbekundungen bleiben außen vor. Fair enough.

Nagelsmann: Sportlich raus, rhetorisch top

Während Jürgen Klopp bei MagentaTV bereits als Schatten-Bundestrainer gefeiert wird, lohnt ein nüchterner Blick auf den echten: Wie hat sich Julian Nagelsmann bei dieser WM eigentlich geschlagen – nicht auf dem Platz, sondern am Mikrofon?

Die Antwort überrascht. Nach dem bitteren Ausscheiden gegen Paraguay wirkte der Bundestrainer zwar gereizt und angriffslustig, aber er flüchtete sich nicht in Phrasen. Statt Entschuldigungsrhetorik: Selbstkritik, konkrete Analysen, punktuelle Schiedsrichterkritik. Der Tracker bestätigt den Eindruck mit Daten. In der Auswertung „The 90-minute swing“, die vergleicht, wie sich der Floskelgebrauch von der PK vor dem Spiel zur PK danach verändert, verzeichnete kein Trainer einen stärkeren Rückgang: Nagelsmanns xC-Wert sank nach dem Paraguay-Spiel um 18 Punkte, Bestwert im gesamten Turnier.

Damit ist der DFB-Coach die absolute Ausnahme. Denn das übliche Muster sieht anders aus: Unter Druck und nach Niederlagen ziehen sich die meisten Trainer die Sicherheitsdecke aus Standardsätzen über den Kopf. Nagelsmann macht das Gegenteil, wenn’s brennt, wird er konkret.

Der Floskelkönig kommt aus Paraguay

Und wer steht am anderen Ende des Rankings? Ausgerechnet der Mann, der Deutschland aus dem Turnier geworfen hat. Paraguay verabschiedete sich nach dem skandalösen Frankreich-Spiel als „Kneipenschläger“-Truppe von der WM, und Trainer Gustavo Alfaro lieferte auch am Mikrofon eher Vollkontakt als Feinmotorik.

In zehn Pressekonferenzen sammelte der Argentinier beeindruckende 588 xC – unangefochtener Spitzenwert. Statt differenzierter Analysen gab es Sätze wie „Wir sind hier, um mitzuspielen“ oder das zeitlose „Am Ende entscheiden die Details“. Paraguay hat bei dieser WM also nicht nur die Grenzen des Fairplays ausgelotet, sondern auch tiefer in die Floskel-Trickkiste gegriffen als jede andere Mannschaft.

Was das Turnier sonst noch verrät

Ein paar Muster ziehen sich durch die gesamte WM: Die Nervosität war zu Beginn am größten, die durchschnittlichen xC-Werte erreichten am Eröffnungswochenende ihren Peak (rund 72) und fielen bis zum Ende der Gruppenphase auf etwa 23. Außerdem floskeln Trainer vor Spielen konsequent mehr als danach, klassisches Erwartungsmanagement per Buzzword. Und: Motivatoren wie Alfaro oder USA-Coach Jesse Marsch setzen stark auf Charakter-Rhetorik, während andere Coaches auf datengetriebene, taktische Klarheit setzen.

Das Fazit ist fast schon eine Business-Lektion: Die besten Kommunikatoren des Turniers sind nicht die lautesten, sondern die klarsten. Wer unter Druck konkret bleibt, gewinnt – zumindest am Mikrofon. Nagelsmann fliegt raus und liefert trotzdem. Alfaro kommt weiter und redet Blech. Manchmal ist Fußball eben doch ungerecht.

Das komplette Live-Ranking gibt’s beim Expected Cliché Tracker.

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