Business & Beyond Deutschlands Deindustrialisierung fährt auf vier Rädern

Deutschlands Deindustrialisierung fährt auf vier Rädern

Die deutsche Autoindustrie steckt in der Existenzkrise. VDA-Präsidentin Müller prognostiziert 225.000 verlorene Jobs bis 2035. Doch während Arbeitgeber und Gewerkschaften um Arbeitszeiten streiten, fehlt es bei allen drei Zukunftstechnologien.

Volkswagen, Mercedes-Benz, ZF, die Ikonen der deutschen Industrie stehen vor dem Abgrund. VW-Chef Oliver Blume bestätigte erstmals konkret: Bis zu 50.000 Stellen könnten weltweit gestrichen werden., perspektivisch sogar noch mehr.

Werke in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm wackeln. Die Sparprogramme werden härter, die Fronten verhärteter. Doch das eigentliche Drama spielt sich eine Ebene tiefer ab. Dort, wo über die technologische Zukunft entschieden wird.

VDA rechnet mit Kahlschlag bis 2035

Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilverbands VDA, legt Zahlen auf den Tisch, die aufhorchen lassen: 225.000 Arbeitsplätze werden zwischen 2019 und 2035 in Deutschland verschwinden. Der Grund laut Fr: mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Müllers Forderungen sind klar: längere Arbeitszeiten für Beschäftigte, Entlastungen bei Energiepreisen, Bürokratie und Steuern für die Konzerne. Die Gewerkschaften sollen nachgeben, die Politik liefern. Daniel Friedrich, Chef der IG Metall Küste, kontert mit einer anderen Diagnose.

Deutschland könne mit Qualität und Produktivität die höheren Lohnkosten kompensieren. Standortschließungen und Tarifverträge infrage zu stellen, sei keine Antwort auf die Strukturkrise. In Hamburg, Bremen und Emden arbeiten über 20.000 Menschen bei VW und Mercedes – ihre Unsicherheit wächst täglich.

Das Kernproblem liegt woanders

Doch beide Seiten streiten am eigentlichen Problem vorbei. Branchenexperte Philipp Raasch benennt die unbequeme Wahrheit: Batterie, Software, autonomes Fahren:diese drei Technologien machen künftig 80 Prozent des Fahrzeugwerts aus. Und bei allen dreien sei die deutsche Autoindustrie schlecht aufgestellt, so Raasch laut Deutschlandfunk. Nicht die Arbeitskosten sind das Hauptproblem, sondern die fehlende technologische Kompetenz.

Während VDA und IG Metall über Arbeitszeiten und Tarifverträge verhandeln, verliert Deutschland den Anschluss an China und die USA. Die Transformation zur Elektromobilität wurde verschlafen, die Softwareentwicklung an externe Partner ausgelagert, beim autonomen Fahren fehlen die Grundlagen. Die De-Industrialisierung läuft nicht trotz, sondern wegen dieser strategischen Versäumnisse auf Hochtouren.

Sparprogramme allein retten nichts

Friedrich hat recht: Reine Sparprogramme lösen keine Strukturkrise. Doch auch die Gewerkschaftsposition greift zu kurz. Effizientere Produktionsprozesse und der Abbau von Doppelstrukturen reichen nicht, wenn die Produkte selbst nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Ein deutscher Elektro-VW kostet mehr und bietet weniger als chinesische Konkurrenz. Die Software hakt, die Reichweite enttäuscht, die Ladeinfrastruktur bleibt Flickwerk.

Blumes angekündigte „intelligente Lösungen“ klingen nach Zeitgewinn, nicht nach Strategie. Welche Werke geschlossen werden, steht noch nicht fest. Wie viele der 50.000 Jobs tatsächlich wegfallen, bleibt offen. Was fehlt: ein Plan, wie Deutschland bei Batterie, Software und autonomem Fahren aufholen will. Ohne diesen Plan sind alle Kompromisse zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften nur Verwaltung des Niedergangs.

Business Punk Check

Die deutsche Autoindustrie führt eine Scheindebatte. Während VDA und IG Metall um Arbeitszeiten und Standortbedingungen ringen, verliert Deutschland den technologischen Anschluss. 80 Prozent des künftigen Fahrzeugwerts entfallen auf Batterie, Software und autonomes Fahren, drei Bereiche, in denen deutsche Hersteller abgeschlagen sind. Kein Sparprogramm der Welt ändert daran etwas. Die unbequeme Wahrheit: Weder längere Arbeitszeiten noch niedrigere Energiepreise machen aus einem technologisch veralteten Produkt einen Verkaufsschlager. China produziert bessere Batterien günstiger. Silicon Valley entwickelt überlegene Software schneller.

Tesla und Waymo sind beim autonomen Fahren Jahre voraus. Deutsche Premiumhersteller verkaufen noch immer Verbrennermotoren mit angehängtem Elektromotor und nennen das Transformation. Die Konsequenz für Entscheider: Wer jetzt noch auf die Erholung der deutschen Autoindustrie setzt, spekuliert gegen die Technologieentwicklung. Zulieferer müssen sich neu positionieren, Investoren sollten Portfolios überprüfen, Fachkräfte ihre Karriereplanung anpassen. Die 225.000 verlorenen Jobs sind keine Prognose – sie sind bereits Realität, nur zeitversetzt. Wer heute handelt, hat noch Optionen. Wer auf den großen Kompromiss zwischen Sozialpartnern wartet, verwaltet nur noch den eigenen Abstieg.

Quellen: Nordkurier, Fr, Süddeutsche Zeitung

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