Business & Beyond Hohe Kosten, wenig Tempo: Reiche fordert einen harten Neustart für Deutschland

Hohe Kosten, wenig Tempo: Reiche fordert einen harten Neustart für Deutschland

Katherina Reiche hält Deutschland nicht mehr für wettbewerbsfähig. Die Wirtschaftsministerin fordert Tempo, niedrigere Kosten und ein Ende der Bequemlichkeit sonst droht der Abstieg.

Deutschland ist abgehängt. Nicht mehr Exportweltmeister, kein Premiumstandort nur noch Mittelmaß mit Premiumanspruch.

Katherina Reiche, Bundeswirtschaftsministerin der CDU, hat genug von Schönfärberei. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche rechnet sie schonungslos ab: „Wir sind nicht mehr Exportweltmeister, und unsere Wettbewerbsfähigkeit hat nachgelassen. Deshalb dürfen wir jetzt nicht nachlassen. Wer wieder ganz vorne mitrudern will, muss bereit sein, sich neu anzustrengen mit Ehrgeiz, Tempo und Teamgeist.“ Ihr Vergleich mit einem Ruder-Achter ist kein Zufall. Während andere Industrienationen im Gleichschritt vorwärtspreschen, verheddert sich Deutschland in Bürokratie, hohen Lohnnebenkosten und ideologischen Grabenkämpfen.

Die Kostenwahrheit

Die Diagnose ist brutal: Deutschland ist zu teuer geworden. Sozialbeiträge für Rente, Gesundheit und Pflege fressen sich durch die Lohnzettel, Energiekosten explodieren, und die Steuerlast bremst Investitionen aus. Reiche macht klar: „Die Lohnkosten sind noch zu hoch, das gilt auch für die Energiekosten.“ Während Gesundheitsministerin Nina Warken versucht, den Anstieg der Sozialbeiträge zu bremsen, fordert Reiche radikalere Schritte: „Sinkende Beiträge müssen unser Ziel sein.“ Die bisherigen Reformen? Für Reiche nur eine „Basisversion“, ein zaghafter Anfang.

Die Gasspeicherumlage wurde abgeschafft, die Stromsteuer für Gewerbe und Landwirtschaft gesenkt. Doch das reicht nicht. Neue Stromleitungen sollen künftig wieder oberirdisch verlaufen zwei- bis dreimal günstiger als die bisherige Erdverlegung. Bei der Heizungsförderung hat die Regierung bereits den Rotstift angesetzt und spricht euphemistisch von „Kürzungen mit Augenmaß“. Reiche formuliert es deutlicher: „In einer Zeit, in der in vielen Bereichen Einschnitte erfolgen, muss auch die Heizungsförderung etwas beitragen.“.

Arbeiten, länger und mehr

Die Ministerin scheut auch unbequeme Wahrheiten nicht. Deutschland hat in Europa besonders hohe Fehlzeiten – ein Problem, das sie mit Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag bekämpfen will. „Ich finde es zumutbar, zum Arzt zu gehen und sich eine Krankschreibung zu holen“, sagt sie. Zudem müssten die Deutschen länger arbeiten. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer international mithalten will, muss sich anstrengen.

Mehr Arbeitsvolumen, flexiblere Regeln, weniger Belastung des Faktors Arbeit durch Sozialabgaben – das ist Reiches Agenda. Sie versteht sich selbst als unbequeme Stimme in der Koalition: „Ich sehe es auch als meine Aufgabe, die Vorhaben anderer Ressorts zu prüfen, ob sie zum Hauptziel der Regierung beitragen: Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen.“ Das klingt nach Konfliktpotenzial – und genau das scheint gewollt. Während andere Ministerien noch über Feinheiten debattieren, drängt Reiche auf Tempo bei Steuern, Energie und Arbeitsmarkt. Laut Tagesschau stellt sie sogar das bisherige Tempo der Energiewende infrage und fordert einen „Realitätscheck“ beim künftigen Strombedarf.

Business Punk Check

Reiches Ruderboot-Metapher ist eingängig, aber auch gefährlich simpel. Denn wer im Achter vorne mitrudern will, braucht nicht nur Ehrgeiz, sondern auch eine gemeinsame Richtung – und die fehlt in der Koalition. Während die Ministerin niedrigere Sozialbeiträge fordert, will die SPD das Sozialstaatsversprechen verteidigen. Während sie Attestpflicht und längere Arbeitszeiten fordert, warnen Gewerkschaften vor Überlastung. Die Gefahr: Reiches Tempo-Offensive verpufft in Koalitionsgezänk. Trotzdem trifft sie einen Nerv.

Institute wie das ifo warnen vor schwacher Industrie und rückläufigen Investitionen. Deutschland hat tatsächlich ein Kostenproblem – bei Energie, Arbeit und Bürokratie. Aber Reiches Fokus auf Sparen allein greift zu kurz. Ohne massive Investitionen in Digitalisierung, KI und Infrastruktur wird aus dem Ruderboot kein Rennboot, sondern ein Spargelkahn. Die entscheidende Frage bleibt: Kann die Koalition Tempo machen, ohne dabei die Crew über Bord zu werfen?

Quellen: WirtschaftsWoche, WirtschaftsWoche, Tagesschau, Youtube, Bundestag, Tagesspiegel, It-boltwise, Das-parlament

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