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Stromnetz-Sabotage: Zwei Anschläge legen Deutschlands Achillesferse offen

Marc Henrichmann in der 80. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr Marc Henrichmann in der 80. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
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Binnen 24 Stunden zwei Attacken auf Umspannwerke bei Köln und in Brandenburg: Ermittler prüfen Terror, Politik fordert Konsequenzen für den Schutz kritischer Infrastruktur.

Sechs selbstgebaute Abschussvorrichtungen in einem Maisfeld bei Bergheim, ein zweiter Anschlag in Brandenburg am Vortag: Was Ermittler dort fanden, sieht weniger nach Zufall als nach Methode aus. Die Vorfälle bei Köln und am Kraftwerk Jänschwalde binnen 24 Stunden haben eine Debatte losgetreten, die über die konkreten Tatorte hinausreicht.

Es geht um die Frage, wie verwundbar Deutschlands Energieinfrastruktur tatsächlich ist und wer aus dieser Verwundbarkeit welche Konsequenzen zieht.

Zwei Anschläge, ein Muster, offene Täterfrage

In Rheydt bei Bergheim warfen Unbekannte einen Draht über eine Hochspannungsleitung und erzeugten so einen Kurzschluss, der fünf RWE-Kraftwerksblöcke in Niederaußem und Neurath vom Netz nahm, wie die WirtschaftsWoche berichtet. In Brandenburg setzten Täter am Umspannwerk Turnow-Preilack offenbar selbstgebaute Flugkörper ein, die leitfähiges Material in Höchstspannungsleitungen schossen und einen LEAG-Kraftwerksblock in Jänschwalde kurzzeitig stoppten.

Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt laut WirtschaftsWoche wegen des Anfangsverdachts der verfassungsfeindlichen Sabotage, in Brandenburg auch wegen möglicher Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie des Verdachts der Störung öffentlicher Betriebe und des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion. Kölner Staatsanwalt Ulrich Bremer nannte den Vorfall „äußerst ernst“, da durch die Abschaltung der Kraftwerksblöcke die lebenswichtige Versorgung der Bevölkerung bedroht gewesen sei.

Ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Taten gilt als naheliegend, ist aber nicht erwiesen. Beide Kraftwerksbetreiber meldeten, dass Personal und Anlagen unbeschädigt blieben und betroffene Blöcke binnen Stunden beziehungsweise Tagen wieder ans Netz gingen.

Politik spricht von Serie, nicht mehr von Einzelfällen

Der Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums, Marc Henrichmann (CDU), ordnet die Häufung deutlich schärfer ein als bisherige Vorfälle: „Bergheim und Jänschwalde binnen 24 Stunden: Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist eine Serie von Angriffen gegen unsere Energieversorgung“, sagte er laut Handelsblatt. Auffällig sei, dass es weder Sprengstoff noch aufwendiges Arsenal brauche, ein gezielter Kurzschluss reiche für maximalen Schaden. Henrichmann spricht von „eiskaltem Kalkül mit niedrigschwelligen Mitteln“.

Diese Einschätzung trifft auf ein Land, das mit dem geplanten KRITIS-Dachgesetz gerade erst beginnt, physische Infrastruktur so ernst zu nehmen wie digitale Systeme, wie Sicherheitsexperten in der Debatte um das Gesetz betonen. Frühere Fälle wie der Anschlag auf ein Starkstromkabel am Berliner Kraftwerk Lichterfelde, zu dem sich laut WirtschaftsWoche die linksextremistische „Vulkangruppe“ bekannte, oder der Brandanschlag auf ein Umspannwerk in Reutlingen zeigen, dass Angriffe auf Energieinfrastruktur kein neues Phänomen sind, sich aber offenbar häufen.

Ausgebaute Netze, ungeschützte Knotenpunkte

Die eigentliche Schwachstelle liegt laut WirtschaftsWoche nicht allein in der Tat selbst, sondern in der doppelten Verletzlichkeit der Netze: unzureichend digitalisiert für die Energiewende und an entscheidenden Knotenpunkten kaum geschützt. E.On-Chef Leonhard Birnbaum brachte es auf dem BDEW-Jahreskongress mit Blick auf die Ukraine auf den Punkt: „Es gibt keine erfolgreiche, souveräne Verteidigungsfähigkeit mehr ohne eine funktionierende Energieversorgung.“ Energieunternehmen fordern zwar schärfere Schutzmaßnahmen, warnen zugleich vor den finanziellen und bürokratischen Lasten neuer Meldepflichten aus dem KRITIS-Dachgesetz.

Die Stromversorgung selbst blieb laut Netzbetreiber Amprion in beiden Fällen stabil, kurzfristige Ausschläge an der Regelenergie-Börse EEX zeigten dennoch, wie schnell sich lokale Störungen im System bemerkbar machen. Übertragungsnetzbetreiber wie 50Hertz und Amprion, die für die Stabilität der Höchstspannungsleitungen zuständig sind, gerieten durch die Vorfälle ebenfalls in den Fokus der Ermittlungen.

Business Punk Check

Fakt ist: Zwei Anschläge binnen 24 Stunden, fünf abgeschaltete Kraftwerksblöcke, laufende Terror-Ermittlungen. Die Interpretation der Politik als „Serie“ ist plausibel, aber noch keine gerichtsfeste Tatsache, solange ein Zusammenhang der Täter nicht bewiesen ist.

Offen bleibt, ob das KRITIS-Dachgesetz Schutzlücken tatsächlich schließt oder Betreiber vor allem mit neuen Pflichten belastet, ohne die Umsetzung finanziell zu flankieren. Die eigentliche Machtfrage: Wer trägt künftig die Kosten der Resilienz, Staat oder Konzerne?

Auf einen Blick

  • Anschläge auf Umspannwerke bei Köln und in Brandenburg legten binnen 24 Stunden fünf RWE-Kraftwerksblöcke und einen LEAG-Block zeitweise lahm.
  • Ermittler prüfen verfassungsfeindliche Sabotage und einen möglichen Terrorhintergrund, ein Zusammenhang zwischen beiden Taten gilt als naheliegend, aber unbewiesen.
  • Der PKGr-Vorsitzende Marc Henrichmann spricht von einer Serie statt Einzelfällen und mahnt schärfere Schutzmaßnahmen an.
  • Die allgemeine Stromversorgung blieb laut Netzbetreibern stabil, kurzzeitige Preisausschläge an der Regelenergie-Börse zeigten dennoch die Verwundbarkeit des Systems.

Quellen: WirtschaftsWoche, WirtschaftsWoche, Handelsblatt, Tagesspiegel, Tagesschau, Reuters

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.