Apple: Ternus ist der Neue – fünf Billionen Druck inklusive
John Ternus übernimmt einen Konzern, der fünf Billionen Dollar wert ist – und trotzdem dringend beweisen muss, dass er noch überraschen kann. KI-Rückstand, explodierende Speicherpreise, EU-Regulierung und die Suche nach dem nächsten Blockbuster machen seinen Job zu einem der härtesten im Silicon Valley.
Wenn Apple am 9. September seine neuen iPhones präsentiert, fehlt erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt Tim Cook als CEO auf der großen Bühne. Stattdessen gibt John Ternus sein Debüt an der Spitze des Konzerns – und dürfte schnell merken: Fünf Billionen Dollar Börsenwert bedeuten vor allem eines: fünf Billionen Dollar Erwartungsdruck.
Fünf Billionen Dollar – und jetzt?
Die Erwartungen an Ternus sind gewaltig. Apple muss seine Produkte für das KI-Zeitalter neu aufstellen und gleichzeitig eine finanzielle Erfolgsgeschichte fortsetzen, deren Dimension fast absurd wirkt. Im Juli wurde Apple zum erst zweiten Unternehmen der Geschichte mit einer Marktkapitalisierung von fünf Billionen Dollar. Ternus kommt aus dem Hardware-Engineering – und genau das nährt die Hoffnung, dass bei Apple wieder stärker die Ingenieure das Tempo bestimmen. Beim ersten großen Auftritt des neuen CEOs wird deshalb genau hingeschaut: Welche Signale setzt er? Wie ernst meint Apple neue Produktkategorien? Mit einem faltbaren iPhone soll der Konzern in einen Markt einsteigen, den andere längst besetzen. Doch nach der Show beginnt der eigentliche Job. Ternus muss klarmachen, wofür Apple unter seiner Führung stehen soll. Die Baustellen sind zahlreich: KI, Produktinnovation, Speicherpreise und der regulatorische Dauerclinch mit Europa.
Cooks Erbe: Das muss Ternus stemmen
Das ist das Erbe von Tim Cook: ein gigantisches Geschäft, Rekordzahlen und ein Ökosystem, das Milliarden druckt. Klingt komfortabel – bis man sich klarmacht, dass Ternus all das nicht nur verwalten, sondern noch toppen soll.
- Umsatz & Gewinn: FY2025 Rekord von 416,2 Milliarden Dollar; Q3 FY2026: 109,4 Milliarden Dollar Umsatz (+16 Prozent), 29,8 Milliarden Dollar Gewinn (+27 Prozent).
- iPhone: 54,3 Milliarden Dollar Quartalsumsatz, Wachstum von mehr als 20 Prozent – die Cashcow lebt.
- Services: 30,7 Milliarden Dollar Umsatz und ebenfalls Rekord – Apples Ökosystem druckt weiter Geld.
- Marge: Bruttomarge bei rund 50 Prozent. Die zu verteidigen, wird nicht billiger.
- KI: Apple Intelligence und Siri AI kommen – aber verspätet und nicht überall.
- Hardware: Speicherpreise explodieren, iPhone-Aufschläge von 250 bis 300 Dollar stehen im Raum.
- Europa: App Store, KI-Zugang, Datenschutz – Brüssel bleibt Dauerbaustelle.
- Innovation: Foldable, AR/VR, neue Chips – Ternus braucht seinen eigenen „iPhone-Moment“.
KI: Schluss mit Hinterherlaufen
Ausgerechnet Ternus’ Vergangenheit als Hardware-Ingenieur könnte sich bei Apples größtem Problem als Vorteil erweisen. Der Konzern steht seit rund zwei Jahren wegen seines zögerlichen KI-Kurses unter Druck. Besonders schmerzhaft war die Verzögerung der neuen Siri-Version, deren Start auf diesen Herbst verschoben wurde. Gene Munster von Deepwater Asset Management bezeichnete das als massiven Fehlschlag. Ternus könnte nun Apples klassische Superkraft wieder ausspielen: Hardware, Chips, Betriebssystem und Dienste aus einer Hand. Gerade im KI-Zeitalter kann diese Verzahnung Gold wert sein. Kurzfristig hängt allerdings verdammt viel an Siri. Die neue Version soll persönliche Daten auf dem iPhone nutzen, um individuellere Antworten zu liefern, Aufgaben innerhalb bestimmter Apps erledigen und verstehen, was gerade auf dem Bildschirm passiert. Damit will Apple Boden gegenüber Konkurrenten wie Googles Gemini gutmachen. Apples Trumpfkarten: Datenschutz und die Möglichkeit, KI tief in alltägliche Funktionen wie Kamera oder Nachrichten einzubauen. Denn normalen Nutzern ist am Ende ziemlich egal, welches Modell irgendeinen Benchmark gewinnt. Ihr Smartphone soll einfach schlauer werden.
Wo bleibt der nächste große Knall?
Noch stärker als auf Siri werden Investoren auf eine andere Frage schauen: Kann Ternus Apple wieder einen echten Blockbuster bescheren? Tim Cooks große Leistung bestand darin, das iPhone zu einer Maschine auszubauen, die jedes Jahr Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe produziert. Rund um das Smartphone entstand ein gigantisches Ökosystem aus Apple Music, Apple Card, Apple Watch, AirPods und Services. Das iPhone wurde vom Produkt zum Zentrum eines digitalen Lebens. Genau darin steckt das Problem: Apple verdient hervorragend mit dem Bestehenden. Ternus muss beweisen, dass der Konzern auch noch etwas Neues kann. Ein erster Test könnte das faltbare iPhone werden. Apple kommt reichlich spät: Samsung, Huawei und andere verkaufen Foldables seit Jahren. Trotzdem rechnet IDC damit, dass Apple bis 2027 rund 40 Prozent des Marktes für faltbare Smartphones erobern könnte. Typisch Apple wäre es: nicht als Erster auf der Party auftauchen – und anschließend versuchen, die Party zu übernehmen.
Das 1.500-Dollar-iPhone kommt näher
Während Ternus über die Zukunft nachdenken muss, holt ihn eine ziemlich analoge Hardwarekrise ein. Die Techindustrie kämpft mit einem anhaltenden Mangel an Speicherkomponenten. Der Boom bei Rechenzentren hat die Nachfrage hochgetrieben – und die Preise gleich mit. Apple, Nintendo und Microsoft haben bereits Produkte verteuert. Apple erhöhte im Juli unter anderem die Preise für iPads und Macs, ließ das iPhone aber zunächst unangetastet. Tim Cook sprach bei seinem letzten Quartalsgespräch als CEO sinngemäß von einer Jahrhundertflut bei den Speicherpreisen. Die Frage ist: Wie lange kann Apple die Mehrkosten noch schlucken? Mike Howard von TechInsights schätzt, dass Apple seine Smartphone-Preise um 250 bis 300 Dollar erhöhen müsste, um die Margen zu halten. Dann wäre das 1.500-Dollar-iPhone keine Luxusfantasie mehr, sondern möglicherweise Realität. Für Ternus wird das zum Drahtseilakt: Apples legendäre Margen verteidigen, ohne selbst Hardcore-Fans beim Preisschild aus dem Store zu jagen.
Brüssel gegen den Apple-Garten
Auch Europa wird dem neuen CEO keine Schonfrist gönnen. Apple steht weiterhin mitten im regulatorischen Dauerfeuer gegen Big Tech. Der Konzern hat bereits seine Geschäftsbedingungen für den App Store angepasst. Gleichzeitig soll die neue Siri-Version zunächst nicht auf iPhones und iPads in der EU starten – laut Apple wegen regulatorischer Anforderungen. Das ist kein Nebenschauplatz: Europa ist nach den USA Apples zweitgrößter Markt. Besonders heikel ist die Forderung, Drittanbietern von KI-Assistenten stärkeren Zugang zu Betriebssystemen wie iOS zu ermöglichen. Apple und Google halten mit Datenschutz- und Sicherheitsrisiken dagegen. Ganz erfunden ist das Problem nicht: KI-Agenten mit weitreichendem Zugriff auf persönliche Smartphone-Daten könnten theoretisch Aktionen ausführen, die ihre Nutzer so nie beabsichtigt haben. Für Apple entsteht damit ein hübsches Paradox: Der Konzern will Datenschutz als Wettbewerbsvorteil seiner KI verkaufen, während Regulierer gleichzeitig verlangen, den berühmten Apple-Garten weiter zu öffnen.
Mach Apple wieder gefährlich
Am Ende läuft alles auf eine größere Frage hinaus: Kann John Ternus die gigantische Maschine, die Tim Cook aufgebaut hat, weiter profitabel betreiben – und ihr gleichzeitig wieder etwas geben, das Apple einmal ausgezeichnet hat: technologische Überraschung? Apples Größe ist inzwischen selbst zum Problem geworden. Der Konzern ist so profitabel, so tief im Alltag seiner Kunden verankert und so hoch bewertet, dass ein besserer Chip, eine bessere Kamera und noch ein bisschen mehr Akkulaufzeit kaum reichen, um eine neue Ära auszurufen. Ternus übernimmt keinen Sanierungsfall. Er übernimmt etwas womöglich Schwierigeres: einen Konzern auf dem Gipfel, von dem trotzdem alle den nächsten großen Sprung erwarten. Die Cook-Ära hat Apple zur perfekten Geldmaschine gemacht. Ternus muss daraus jetzt wieder eine verdammt aufregende Tech-Company machen.