Google baut Atomkraftwerke
Google setzt beim Ausbau seiner KI-Infrastruktur auf Atomkraft – und holt dafür sogar stillgelegte Reaktoren zurück ans Netz. Für die Reaktivierung eines Kernkraftwerks in Iowa gibt die US-Regierung jetzt einen Kredit über 1,9 Milliarden Dollar.
KI braucht Chips, Rechenzentren – und vor allem gigantische Mengen Strom. Google macht deshalb ernst mit einer Energiequelle, die vor wenigen Jahren noch als wirtschaftliches Auslaufmodell galt: Atomkraft.
Google holt ein Atomkraftwerk zurück
Im vergangenen Oktober wurde bekannt, dass Google gemeinsam mit NextEra Energy das stillgelegte Duane Arnold Energy Center in Iowa wiederbeleben will. Jetzt bekommt das Projekt finanziellen Rückenwind aus Washington: Das US-Energieministerium stellt NextEra einen Kredit über 1,9 Milliarden Dollar für die Sanierung und Wiederinbetriebnahme zur Verfügung. 2029 soll das Kernkraftwerk wieder Strom liefern. Für Google ist das mehr als ein Energieprojekt. Der Konzern prüft Berichten zufolge den Bau von bis zu sechs Rechenzentren in der Nähe des Kraftwerks. Atomstrom und KI-Infrastruktur könnten damit praktisch Tür an Tür entstehen.
Das Duane Arnold Energy Center ist seit 2020 außer Betrieb. Damals beschädigte ein schwerer Sturm die Anlage, woraufhin Betreiber NextEra entschied, das Kraftwerk nicht mehr zu reparieren. Billiges Erdgas machte Kernenergie wirtschaftlich ohnehin zunehmend unattraktiv. Sechs Jahre später sieht die Rechnung völlig anders aus. Im Zuge der Sanierung soll die Leistung sogar um 14 Megawatt auf insgesamt 615 Megawatt steigen. Nur 50 Megawatt davon sind laut NextEra für die lokale Energiegenossenschaft vorgesehen. Der große Rest macht das Projekt vor allem für energiehungrige Großabnehmer interessant.
Washington finanziert das Atom-Comeback
Der Milliardenkredit ist kein Einzelfall. Bereits im vergangenen Jahr hatte das US-Energieministerium Constellation Energy einen Kredit über eine Milliarde Dollar zugesagt, um einen Reaktor am Standort Three Mile Island wieder hochzufahren. Die Regierung betrachtet reaktivierte Kernkraftwerke zunehmend als Teil der Antwort auf den explodierenden Strombedarf der Techindustrie. Der stellvertretende US-Energieminister James Danly erklärte, der Neustart in Iowa werde auch die Stromkosten senken. Wie genau dieser Effekt zustande kommen soll, ließ er allerdings offen.
KI verändert plötzlich die Stromrechnung
Der Grund für die Renaissance ist weniger Atomkraft-Nostalgie als knallharte Mathematik. Jahrzehntelang stagnierte der Strombedarf in den USA weitgehend. Mit KI, neuen Rechenzentren und der zunehmenden Elektrifizierung der Wirtschaft ändert sich das rasant. Bis 2035 könnte sich der Stromverbrauch neuer Rechenzentren nahezu verdreifachen. Techkonzerne brauchen deshalb Energiequellen, die nicht nur CO₂-arm sind, sondern rund um die Uhr große Mengen Strom liefern können. Genau hier wird Kernenergie plötzlich wieder attraktiv. Auch Microsoft setzt auf die Rückkehr alter Reaktoren. Der Konzern hat mit Constellation Energy einen Vertrag geschlossen, um einen Reaktor am Standort Three Mile Island wieder ans Netz zu bringen. Er war zuletzt 2019 in Betrieb und soll 2028 mit einer Leistung von 835 Megawatt zurückkehren. Was vor wenigen Jahren nach energiepolitischer Vergangenheit aussah, wird damit zum Infrastrukturprojekt für die KI-Zukunft.
Meta sichert sich ebenfalls Atomstrom
Auch Meta hat Kernenergie längst auf dem Radar. In Illinois stand das Clinton Clean Energy Center mit einer Leistung von rund 1,1 Gigawatt vor einer unsicheren Zukunft, bis Meta als Großkunde einstieg. Der Konzern kauft die mit der Anlage verbundenen sauberen Energiezertifikate. Der Strom selbst fließt weiterhin ins öffentliche Netz, während Meta die Zertifikate nutzen kann, um Emissionen an anderer Stelle bilanziell auszugleichen. Dass Atomkraft allein den Energiehunger der KI nicht stillen kann, zeigt allerdings Metas Hyperion-Rechenzentrum: Für dessen Betrieb sollen zusätzlich zehn Erdgaskraftwerke benötigt werden.
Voll ausgebaut könnte der Komplex mehr Strom verbrauchen als der gesamte US-Bundesstaat South Dakota. Stillgelegte Kernkraftwerke entwickeln sich damit zu begehrten Assets der KI-Ära. Sie haben einen entscheidenden Vorteil: Ein großer Teil der Infrastruktur existiert bereits. Netzanschlüsse, Standorte und technische Anlagen müssen nicht komplett neu geschaffen werden. Das kann einen Neustart schneller machen als den Bau eines völlig neuen Großkraftwerks – vorausgesetzt, Reaktor und Infrastruktur lassen sich wirtschaftlich wieder fit machen.
Der Vorrat an Atom-Comebacks ist begrenzt
Unendlich oft lässt sich dieser Trick allerdings nicht wiederholen. Duane Arnold, Three Mile Island und einige weitere Standorte gelten als die vergleichsweise leicht reaktivierbaren Kandidaten in den USA. Vielleicht kommen noch ein oder zwei Anlagen infrage. Andere stillgelegte Kraftwerke wie San Onofre in Kalifornien sind bereits deutlich länger außer Betrieb und würden wesentlich aufwendigere Arbeiten erfordern.
Google macht Strom zur KI-Strategie
Damit zeichnet sich ein grundlegender Wandel ab: Für Google und andere Techgiganten entscheidet künftig nicht nur die Zahl verfügbarer GPUs darüber, wie schnell sie ihre KI-Infrastruktur ausbauen können. Strom wird zum strategischen Rohstoff. Google investiert deshalb nicht einfach in neue Rechenzentren – der Konzern hilft dabei, die Kraftwerke zurückzubringen, die sie versorgen sollen. Die nächste Runde im KI-Wettlauf wird damit nicht nur in Serverhallen entschieden, sondern auch im Maschinenraum alter Atomkraftwerke.