work wise · Lebenserwartung Rente

Armut kostet Lebensjahre und drückt die Rente

Der Übergang in den Ruhestand kann Beziehungen auf die Probe stellen. Wenn jahrzehntelange Routinen wegbrechen, müssen Paare ihre Rollen neu definieren. Wie gelingt das Zusammenleben, wenn man plötzlich rund um die Uhr aufeinander trifft? Wer kennt es nicht: Seine Zeit Zuhause – ohne Partner – hat seine Vorteile. Man kriegt Sachen erledigt, hat seine Strukturen und kann die bessere Hälfte gerade einfach nicht gebrauchen. Doch daran muss man sich gewöhnen, wenn die Rente ansteht. Der Ruhestand kann zur Belastungsprobe werden, wenn plötzlich beide Partner permanent aufeinander treffen. Die Frage
Shutterstock Der Übergang in den Ruhestand kann Beziehungen auf die Probe stellen. Wenn jahrzehntelange Routinen wegbrechen, müssen Paare ihre Rollen neu definieren. Wie gelingt das Zusammenleben, wenn man plötzlich rund um die Uhr aufeinander trifft? Wer kennt es nicht: Seine Zeit Zuhause – ohne Partner – hat seine Vorteile. Man kriegt Sachen erledigt, hat seine Strukturen und kann die bessere Hälfte gerade einfach nicht gebrauchen. Doch daran muss man sich gewöhnen, wenn die Rente ansteht. Der Ruhestand kann zur Belastungsprobe werden, wenn plötzlich beide Partner permanent aufeinander treffen. Die Frage "Was fangen wir jetzt miteinander an?" steht unausgesprochen im Raum – und mit ihr die Angst vor dem Scheitern einer Beziehung, die jahrzehntelang vor allem durch getrennte Lebenswelten funktionierte. Wenn die Domänen kollidieren "Es wird als Eingriff empfunden in die eigene Kontrolle und die eigene Domäne", erklärt Psychologie-Professorin und Paartherapeutin Janina Bühler von der Uni Mainz, wie "n-tv.de" berichtet. Nach Jahren etablierter Rollenverteilung schwingt plötzlich ein unausgesprochener Vorwurf mit: „Du hast dich doch früher auch nicht dafür interessiert, wie die Töpfe gestapelt sind." Besonders problematisch wird es, wenn der Partner mit Führungsverantwortung im Beruf seine gewohnte Kommandostruktur ins häusliche Umfeld überträgt. "Plötzlich gibt es einen Störfaktor in ihrer Welt. Und das ist der Mann", beschreibt der Kölner Psychologe Rolf Schmiel das Empfinden vieler Frauen, die sich in ihrem eigenen Territorium kontrolliert fühlen. Das Brennglas Ruhestand Doch die Probleme entstehen nicht erst mit dem Renteneintritt – sie werden nur sichtbar. "Das Problem entsteht nicht, wenn einer in Rente geht. Das Problem wird nur sichtbar", betont Schmiel. Der Ruhestand wirkt wie ein Brennglas auf die Beziehung: Jahrzehnte des Aneinander-Vorbeilebens fallen auf, wenn die berufliche Ablenkung wegfällt. Die geringe "echte Begegnungszeit" während des Berufslebens konnte Konflikte lange überdecken. Der Job bot Fluchtmöglichkeiten, separate Lebenswelten konnten nebeneinander existieren. "Jetzt ist man plötzlich aufeinander geworfen", sagt Bühler. Die ungewohnte Nähe kann paradoxerweise zu Einsamkeit führen, wenn Paare feststellen, dass sie kaum gemeinsame Interessen entwickelt haben. Der Winter der Beziehung Die Frankfurter Psychologin Christine Backhaus spricht von den "Jahreszeiten einer Partnerschaft". Nach Kennenlernen, Familiengründung und beruflicher Hochphase folgt mit dem Ruhestand gewissermaßen der Winter – eine Zeit, in der Paare einen neuen Lebenssinn finden müssen. "Auch Nähe, Grenzen, Respekt und Bedürfnisse müssen dann wieder neu gespürt und auch ausgehandelt werden", erklärt Backhaus. Gleichzeitig gilt es, zur Ruhe zu kommen, eigene Interessen zu pflegen und körperliche Einschränkungen zu akzeptieren. Schmiel beschreibt die Gefahr eines "Dreiklangs des traurigen Rentenschicksals: Die sinnvolle Aufgabe bricht weg, die Beziehung ist zerrüttet, und der Körper macht auch nicht mehr mit." Drei Wege in die Zukunft In dieser Übergangsphase stellt sich die fundamentale Frage: Können wir noch etwas miteinander anfangen? Janina Bühler identifiziert drei mögliche Strategien: Näher zusammenrücken durch gemeinsame Projekte – sei es ein Hund, Tangotanzen, ein Musikinstrument oder ausgedehnte Reisen mit dem Wohnmobil. Die Trennung – ein Phänomen, das in dieser Lebensphase tatsächlich häufiger vorkommt als viele vermuten. Die Balance aus Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit – gemeinsame Interessen pflegen, aber gleichzeitig individuelle Projekte verfolgen. Prävention statt Krisenbewältigung Rolf Schmiel rät, nicht erst auf die ersten Konflikte im Ruhestand zu warten. "Wenn wir uns erst einmal gegängelt fühlen oder sich der eine nicht akzeptiert oder gesehen fühlt, dann wird es halt schwierig." Stattdessen sollten Paare lange vor dem Renteneintritt das Gespräch suchen – entweder mit therapeutischer Begleitung oder durch regelmäßige Reflexion: Wie stellst du dir die gemeinsame Zeit vor? Welche Wünsche hast du? Welche Grenzen akzeptierst du? Die männliche Identitätskrise Besonders Männer kämpfen oft mit dem Verlust ihrer beruflichen Identität. "Sie müssen auch emotional damit klarkommen, dass sie in einem bislang wichtigen Part ihres Lebens nicht mehr gebraucht werden", erklärt Christine Backhaus. "Sie fühlen sich auch zu Hause nicht mehr wirklich integriert und nicht mehr wirklich wertvoll." Der größte Fehler, den Partner – besonders Frauen – in dieser Situation machen können: "Ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht willkommen ist, dass man ihn sich lieber woanders wünscht", warnt Bühler. Diese Ablehnung verstärkt die Identitätskrise und erschwert die Anpassung an die neue Lebensphase. Neustart im Herbst des Lebens Der Ruhestand muss keine Krise sein, sondern kann zum Neuanfang werden. Wenn es gelingt, Gefühle offen anzusprechen, Unsicherheiten einzugestehen und Erwartungen klar zu formulieren, eröffnen sich neue Perspektiven für die Beziehung. "Man muss anerkennen, dass die Rentenzeit eine herausfordernde ist", resümiert Janina Bühler. "Aber es wäre vermessen und auch traurig, wenn man nicht denken würde, dass es auch eine Chance ist." Rolf Schmiel richtet seinen Appell besonders an die Männer: „Habt Mut, zu der Angst zu stehen, die die Rente für euch mit sich bringt. Denn das macht euch auch liebenswert, wenn ihr dabei nicht zu sehr jammert." Der Ruhestand kann zum zweiten Frühling einer Beziehung werden – wenn beide Partner bereit sind, ihre Rollen neu zu definieren und gemeinsam eine Zukunft zu gestalten, die Raum für Gemeinsamkeit und individuelle Entfaltung bietet.
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 932 Wörter

20,5 Jahre Rente im Schnitt, klingt nach großzügigem Ruhestand. Wer arm ist oder im Osten lebt, bekommt von diesem Rekord deutlich weniger ab.

KI-unterstützt · redaktionell geprüft

20,5 Jahre Rente im Schnitt, das ist mehr als doppelt so lange wie mancher Berufseinstieg dauert. Der Wert klingt nach einem Erfolg des deutschen Sozialstaats.

Er verdeckt aber, dass die Rentenbezugsdauer eine Durchschnittsgröße ist, die soziale Ungleichheit systematisch überdeckt. Wer wenig verdient hat, lebt im Schnitt kürzer und bezieht dadurch auch kürzer Rente. Diese Verbindung aus Einkommen, Lebenserwartung und Rentenbezugsdauer ist der eigentliche Stoff, über den Wirtschaftspolitik reden müsste, tut sie aber selten.

Die Bezugsdauer wächst schneller als das echte Ruhestandsgefühl

Laut Focus stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Versichertenrenten von 16,9 Jahren im Jahr 2004 auf 20,5 Jahre im Jahr 2024. Frauen kommen demnach im Schnitt auf 22,1 Jahre, Männer auf 18,9 Jahre. Der Zuwachs wirkt wie ein Geschenk der Demografie, hängt aber vor allem mit einer gestiegenen Lebenserwartung zusammen, die sich laut Focus seit dem 19. Jahrhundert mehr als verdoppelt hat. Damals lag sie bei Geburt bei 35,6 Jahren für Männer und 38,5 Jahren für Frauen, aktuell erreichen die Werte 78,8 beziehungsweise 83,4 Jahre. Mit 65 Jahren haben Männer statistisch noch rund 18 Lebensjahre vor sich, Frauen etwas mehr als 21 Jahre.

Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Renteneintrittsalter, von 62,3 Jahren im Jahr 2000 auf 64,7 Jahre aktuell. Wer länger arbeitet, gewinnt zwar an Lebenserwartung, verliert aber einen Teil dieses Gewinns durch den späteren Start in den Ruhestand. Laut Focus trägt die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Rentenalters auf 67 Jahre wesentlich zu dieser Entwicklung bei. Für Unternehmen bedeutet das: Personalplanung und Nachfolgeregelungen müssen künftig mit älteren Belegschaften rechnen, die länger im Job bleiben, aber nicht zwangsläufig länger profitieren. Bemerkenswert ist zudem, dass sich die Lebenserwartung inzwischen langsamer erhöht als das Renteneintrittsalter. Wer heute in Rente geht, arbeitet also relativ gesehen länger für denselben oder sogar einen kleineren Anteil an gewonnener Lebenszeit im Ruhestand als noch vor zwei Jahrzehnten. Diese Verschiebung wird in der öffentlichen Debatte selten thematisiert, obwohl sie die eigentliche Kehrseite der Rekordzahl 20,5 Jahre ist.

Sozialpolitik trifft auf harte Einkommensrealität

Die eigentliche Bruchstelle liegt nicht zwischen Ost und West oder Mann und Frau, sondern zwischen Einkommensgruppen. Das Robert Koch-Institut dokumentiert für 2020 bis 2022 eine Lebenserwartungslücke von 7,2 Jahren bei Männern und 4,3 Jahren bei Frauen zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Regionen. Verstärkt wird der Effekt laut T Online durch eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung: 65-jährige Männer mit hohen Rentenbezügen hatten 2005 eine verbleibende Lebenserwartung von knapp 19 Jahren, das unterste Einkommensfünftel dagegen nur knapp 15 Jahre. Dieser Abstand von vier Jahren war 1997 noch deutlich kleiner und wuchs bis 2016 auf mehr als fünf Jahre.

Zwar stieg die Lebenserwartung in allen Einkommensschichten, in Westdeutschland gewann die unterste Gruppe von 1997 bis 2016 aber nur 1,8 Jahre hinzu, während die oberste Gruppe im gleichen Zeitraum fast doppelt so viel Lebenszeit dazugewann. Besonders in Ostdeutschland hat sich die Zahl der Männer im untersten Einkommensfünftel zwischen 2005 und 2016 von rund 20 Prozent auf fast 36 Prozent nahezu verdoppelt, was Forscher laut T Online auch mit Langzeitarbeitslosigkeit und geringfügiger Beschäftigung in den letzten Erwerbsjahren in Verbindung bringen. Forscher sprechen laut T Online vom Schock der Wiedervereinigung, weil ostdeutsche Männer im Schnitt ein potenzielles Lebensjahr verlieren, das ihnen bei stabiler sozioökonomischer Struktur zugestanden hätte. Die Untersuchung bezieht sich dabei ausschließlich auf Männer, weil westdeutsche Frauen laut T Online im untersuchten Zeitraum eine vergleichsweise geringe Arbeitsmarktbeteiligung aufwiesen und ihre teils geringen Renten oft durch Haushaltseinkommen kompensiert wurden. Selbstständige und Beamte fehlen in der Datenbasis komplett, was die tatsächliche Spreizung nach Einschätzung der Forscher eher unterschätzt als überzeichnet. Für den Mittelstand ist das mehr als eine soziale Randnotiz. Wer in strukturschwachen Regionen Fachkräfte hält oder gewinnen will, konkurriert mit einem Arbeitsmarkt, in dem Einkommen und Lebenserwartung direkt zusammenhängen. Betriebliche Altersvorsorge und Gesundheitsangebote werden damit zum handfesten Standortfaktor, nicht zur freiwilligen Zusatzleistung. Die Zahlen der DRV zeigen letztlich vor allem einen statistischen Durchschnitt und keine Garantie für den individuellen Ruhestand, wie lange jemand tatsächlich Rente bezieht, hängt vom persönlichen Renteneintritt, Geschlecht, Einkommen und der individuellen Lebenserwartung ab.

Business Punk Check

Die 20,5 Jahre Rentenbezugsdauer sind eine schöne Schlagzeile und eine schlechte Grundlage für individuelle Planung. Der Durchschnitt verdeckt, dass Geringverdiener kürzer leben, kürzer Rente beziehen und trotzdem oft länger arbeiten müssen, weil ihre Rentenpunkte niedrig ausfallen. Politisch wird die steigende Bezugsdauer gern als Erfolgsgeschichte der Rentenversicherung verkauft. Wirtschaftlich ist sie vor allem ein Verteilungsproblem, das sich seit der Wiedervereinigung in Ostdeutschland verschärft hat. Wer als Arbeitgeber im Osten oder in strukturschwachen Regionen rekrutiert, sollte diese Lücke kennen, statt sie als demografisches Rauschen abzutun. Entscheider, die früh auf betriebliche Gesundheitsvorsorge und faire Vergütung in unteren Lohngruppen setzen, verschaffen sich einen Vorteil gegenüber jenen, die auf den nationalen Durchschnittswert vertrauen.

Auf einen Blick

  • Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Versichertenrenten stieg laut Focus von 16,9 Jahren (2004) auf 20,5 Jahre (2024), Frauen liegen mit 22,1 Jahren über Männern mit 18,9 Jahren.
  • Das durchschnittliche Renteneintrittsalter erhöhte sich im selben Zeitraum deutlich, wodurch ein Teil der gewonnenen Lebenserwartung durch späteren Ruhestandsbeginn wieder aufgezehrt wird.
  • Das Robert Koch-Institut dokumentiert eine gewachsene Lebenserwartungslücke von 7,2 Jahren bei Männern und 4,3 Jahren bei Frauen zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Regionen.
  • Laut T Online verdoppelte sich in Ostdeutschland der Anteil der Männer im untersten Einkommensfünftel zwischen 2005 und 2016 von rund 20 auf fast 36 Prozent, mit direkten Folgen für deren Lebenserwartung und Rentendauer.

Quellen: Focus, T Online

Portrait Business Punk Redaktion

Business Punk Redaktion

Hier schreibt die Business-Punk-Redaktion. Mal er, mal sie, mal gar keiner. Ach und kauft unser Heft! Danke.