Schwerbehindertenausweis: Wer Anspruch hat und was viele nicht wissen
Extra-Urlaubstage, Kündigungsschutz, Rente mit 62: Der Schwerbehindertenausweis kostet Arbeitgeber mehr, als viele zugeben. Ab 2028 kommt die EU-Version, ab 50 GdB gilt der Anspruch.
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Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis haben Menschen, bei denen ein Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 festgestellt wurde. Die Ursachen sind vielfältig: Rund 91 Prozent der Schwerbehinderungen gehen auf Krankheiten zurück, während angeborene Behinderungen sowie Unfälle und Berufskrankheiten deutlich seltener die Ursache sind. Körperliche Einschränkungen machen dabei den größten Anteil aus, gefolgt von geistigen und seelischen Beeinträchtigungen.
Ein Kärtchen im Kreditkartenformat verändert die Machtverhältnisse am Arbeitsplatz: Wer einen Grad der Behinderung von mindestens 50 nachweist, bekommt nicht nur Steuervorteile, sondern auch einen der härtesten Kündigungsschutze im deutschen Arbeitsrecht. Für Personalabteilungen ist das eine Rechnung, die selten offen ausgesprochen wird. Ab 2028 kommt mit dem EU-Behindertenausweis eine neue bürokratische Ebene hinzu, die grenzüberschreitend arbeitende Mittelständler direkt betrifft.
Der Ausweis selbst ist seit 2015 eine Plastikkarte im Scheckkartenformat, grundsätzlich grün, bei den Merkzeichen G, aG, H, Bl oder Gl grün-orange. Er ist kostenlos, trägt bei Menschen ab zehn Jahren ein Passbild und einen englischsprachigen Hinweis auf die Schwerbehinderung, was laut Familienratgeber auf Reisen im Ausland helfen kann. Auf der Rückseite stehen die individuellen Merkzeichen, die im Alltag über den tatsächlichen Umfang der Vergünstigungen entscheiden, das Merkzeichen B etwa steht auf der Vorderseite und regelt die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson.
Der Kündigungsschutz ist teurer als sein Ruf
Wer als schwerbehindert anerkannt ist, kann nach der Probezeit nicht mehr ohne Weiteres entlassen werden. Eine Kündigung erfordert grundsätzlich die vorherige Zustimmung des zuständigen Inklusions- oder Integrationsamtes, wie Familienratgeber.de darlegt. Für Arbeitgeber bedeutet das: zusätzlicher Verwaltungsaufwand, längere Fristen, mehr Rechtsrisiko bei jeder Trennung. Hinzu kommen mehr bezahlte Urlaubstage pro Jahr und das Recht, Mehrarbeit über acht Stunden täglich abzulehnen. Dazu kommen individuelle Ansprüche, die in der Kalkulation oft unterschätzt werden: Je nach Bedarf können technische Arbeitshilfen, eine angepasste Arbeitsplatzausstattung oder eine Arbeitsassistenz nötig werden, um behinderungsbedingte Einschränkungen auszugleichen. Solche Maßnahmen sind kein Almosen, sondern gesetzlich verankerter Nachteilsausgleich, wie Familienratgeber betont. Wer als Unternehmen Fachkräfte mit Behinderung einstellt, muss diese Investitionen einplanen, kann im Gegenzug aber auch von Fördermitteln profitieren, die über die Arbeitsagentur beantragt werden können.
Auch steuerlich schlägt der Ausweis zu Buche, allerdings zugunsten der Beschäftigten: Der Behinderten-Pauschbetrag bei der Einkommensteuer liegt für einen GdB von 50 laut aktuellen Lohnsteuer-Hinweisen bei 1.140 Euro jährlich. Für Arbeitgeber ist das zwar keine direkte Kostenposition, verändert aber die Nettorechnung bei Gehaltsverhandlungen und macht Nachteilsausgleiche für Beschäftigte finanziell spürbar. Viele Beschäftigte verschweigen ihre Schwerbehinderung dennoch aus Angst vor Nachteilen bei der Einstellung. Dabei ist rechtlich das Gegenteil vorgesehen: Der Arbeitgeber hat konkrete Schutz-, Beteiligungs- und Förderpflichten gegenüber schwerbehinderten Menschen. Dorothee Czennia vom Sozialverband VdK Deutschland ordnet den GdB anders ein, als viele Personalverantwortliche annehmen.