Auf Pole: die Schweden von Geely
Polestar begann als Rennteam. In den 1990er-Jahren setzte das schwedische Unternehmen Volvo-Modelle in der schwedischen Tourenwagenmeisterschaft ein, später entwickelte es daraus leistungsgesteigerte Straßenversionen wie den Volvo S60 Polestar. 2015 kaufte Volvo Cars die Firma. 2017 gründeten Volvo Cars und der chinesische Konzern Geely, dem Volvo seit 2010 gehört, Polestar als eigenständige Marke für elektrische Fahrzeuge mit Hauptsitz in Göteborg.
Die Eigentümerstruktur hat sich seither verschoben. Volvo Cars hielt bis 2024 rund 48 Prozent der Anteile, reduzierte diese im Februar 2024 auf 18 Prozent und stockte sie im Frühjahr 2026 durch die Umwandlung eines Darlehens wieder auf rund 20 Prozent auf. Hauptaktionär ist die Zhejiang Geely Holding Group aus Hangzhou, zu deren Portfolio auch Lotus, Zeekr, Lynk & Co und Smart gehören. Seit Oktober 2024 führt der frühere Opel-Chef Michael Lohscheller das Unternehmen. Polestar ist seit Juni 2022 an der Nasdaq notiert.
Das Design der Marke stammt aus Schweden. Gründungs-CEO Thomas Ingenlath war zuvor Designchef bei Volvo und prägte die Grundlinie: keine Kühlergrills, wenig Chrom, wenige Linien. Unter Designchef Maximilian Missoni, der Polestar im Sommer 2024 in Richtung BMW verließ, entstanden Polestar 3 und Polestar 4 mit ihren geteilten Scheinwerfern, dem durchgehenden Leuchtenband am Heck und dem Logo aus zwei ineinander verschränkten Pfeilen. Sein Nachfolger ist Philipp Römers, zuvor Leiter Exterieur-Design bei Audi.
Dieses Design ist mehr als Formgebung, es ist das Geschäftsmodell. Polestar versteht sich weniger als Autohersteller im klassischen Sinn, denn als Designmarke, die zufällig Autos baut, und inszeniert sich entsprechend. Statt Autohäusern am Stadtrand gibt es Polestar Spaces in Innenstadtlagen, eingerichtet wie Galerien: helle Räume, wenig Ware, kein Verkaufsdruck. Bestellt wird online zu festen Preisen, verhandelt wird nicht. Die Marke sucht ihr Publikum eher in Architektur-, Mode- und Designkreisen als auf Automessen, veranstaltet einen jährlichen Design-Wettbewerb für Nachwuchsgestalter und legt für jedes Modell den CO2-Fußabdruck offen, als wäre es eine Zutatenliste. Auch im Innenraum zeigt sich die Haltung: ein großes Display, kaum Tasten, Materialien wie das auf Kiefernöl basierende MicroTech oder gestricktes Textil aus recyceltem PET, die als Alternative zu Leder gedacht sind und nicht als Verzicht. Die Zielgruppe ist damit klar umrissen: Käufer, die einen Volvo zu brav und einen Tesla zu laut finden.
Gebaut wird in China, den USA und Südkorea. Der Polestar 3 läuft in Chengdu und in Ridgeville, South Carolina, vom Band, der Polestar 4 in Hangzhou Bay und in Busan. Die Technikbasis des Polestar 3 stammt von Volvo, jene des Polestar 4 aus dem Geely-Konzern. Eine Fertigung in Europa ist erst mit dem für 2028 angekündigten Polestar 7 vorgesehen.
Polestar 3
Der Polestar 3 ist das große SUV der Marke. 2022 vorgestellt, wird er wegen einer verzögerten Software-Entwicklung erst seit Mitte 2024 ausgeliefert. Er ist 4,9 Meter lang, hat 2,9 Meter Radstand, fünf Sitze und basiert auf der SPA2-Plattform von Volvo, die auch der EX90 nutzt. Im Wettbewerb steht er unter anderem mit dem BMW iX, dem Mercedes EQE SUV und dem technisch verwandten Volvo EX90.
Das Fahrwerk unterscheidet ihn von vielen Elektro-SUVs dieser Größe. Zum Marktstart verteilte eine Doppelkupplung von BorgWarner an der Hinterachse das Drehmoment aktiv zwischen den Rädern. Dazu kommen eine Zweikammer-Luftfederung und aktive Dämpfer. Die Bodenfreiheit lässt sich auf bis zu 250 Millimeter anheben. Aerodynamische Elemente an Front und Heck, von Polestar Aero Wings und Aero Blades genannt, senken den Luftwiderstand.
Im Mai 2026 hat Polestar das Modell technisch umfassend überarbeitet. Die Bordarchitektur wurde von 400 auf 800 Volt umgestellt. Damit lädt der Polestar 3 mit bis zu 350 kW Gleichstrom; der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent dauert unter guten Bedingungen 22 Minuten, rund ein Viertel weniger als zuvor. Eine Software namens Breathe Charge überwacht während des Ladens den Zustand der Batterie und passt die Ladeleistung laufend an. Alle Versionen erhielten einen neuen Permanentmagnet-Synchronmotor an der Hinterachse; die Dual-Motor-Versionen kombinieren ihn mit einem Asynchronmotor vorne, der sich im Alltag abschaltet. Die Systemleistung der Performance-Variante liegt bei 500 kW. Federung, Stabilisatoren und Lenkung wurden neu abgestimmt, die Kraftverteilung stärker auf die Hinterachse verlegt.
Der Zentralrechner wurde durch einen NVIDIA DRIVE AGX Orin ersetzt, der laut Polestar mehr als die achtfache Rechenleistung bringt. Kunden mit bereits ausgelieferten Fahrzeugen können den neuen Prozessor kostenlos in einer Vertragswerkstatt nachrüsten lassen.
Die Ausstattungsstruktur folgt neu dem Schema des Polestar 5: Rear Motor, Dual Motor und Performance. Die Einstiegsversion erhält eine kleinere Batterie, die Luftfederung ist beim Dual Motor Option und beim Performance Serie. Neu sind die Außenfarben Storm und Krypton, im Innenraum MicroTech in Nebula mit Steppung sowie Nappaleder in Dune mit Dekor aus schwarzer Esche. MicroTech in Charcoal mit Dekor aus recyceltem Aluminium ist Serie. Der Preis in Deutschland beginnt bei 78.900 Euro, zuzüglich 1.300 Euro Überführung.
Polestar 4
Der Polestar 4 wurde im April 2023 auf der Shanghai Auto Show vorgestellt und ist seit 2024 im Handel. Er ist ein SUV-Coupé im D-Segment und tritt gegen den Porsche Macan Electric, den BMW iX3 und den elektrischen Mercedes GLC an. Seit Mai 2026 heißt er offiziell Polestar 4 Coupé.
Sein auffälligstes Merkmal ist die fehlende Heckscheibe. Die Dachlinie zieht sich geschlossen bis zum Heck, den Blick nach hinten liefert eine Kamera auf einen digitalen Rückspiegel. Das bringt im Fond mehr Kopffreiheit und erlaubt verstellbare Rücksitze. Im Innenraum kommt unter anderem der Bezug Tailored Knit zum Einsatz, der zu 89 Prozent aus recyceltem PET besteht und in 3D gestrickt wird.
Technisch basiert der Polestar 4 auf einer 400-Volt-Architektur. Die Dual-Motor-Versionen leisten bis zu 400 kW (544 PS) und 686 Nm und beschleunigen in 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h; damit ist er der schnellste SUV der Marke. Die Rear-Motor-Version kommt auf bis zu 630 Kilometer Reichweite nach WLTP. Aktive Dämpfer und Vierkolben-Bremsen von Brembo gehören zur Performance-Ausstattung.
Mit der Überarbeitung im Mai 2026 hat Polestar das Fahrwerk neu abgestimmt: neue Feder- und Stabilisatorwerte, passive Dämpfer mit höherer Kapazität und Anschlagpuffer aus Polyurethan anstelle der bisherigen Schraubenfedern im Dämpfer. Auch die Lenkung wurde nachgeschärft. Die Varianten heißen Rear Motor, Dual Motor und Dual Motor mit Performance-Paket.
Das Polestar 4 Coupé hat den niedrigsten CO2-Fußabdruck aller Polestar-Modelle. Für ein Fahrzeug aus Hangzhou Bay gibt Polestar von der Fertigung bis zur Auslieferung 20,3 Tonnen CO2-Äquivalent für den Dual Motor und 19,4 Tonnen für den Rear Motor an, aus Busan sind es 20,7 beziehungsweise 19,8 Tonnen. Seit der Markteinführung ist der Wert des Dual Motor aus Hangzhou Bay um 1,1 Tonnen gesunken. Der Preis in Deutschland beginnt bei 61.900 Euro, zuzüglich 1.300 Euro Überführung.
Seit dem 2. September 2026 ist zusätzlich der Polestar 4 SUV bestellbar, eine Variante mit klassischer Heckscheibe, geraderer Dachlinie und mehr Stauraum, die Technik und Fahrwerk des Coupés übernimmt. Gebaut wird er in Busan, die ersten Auslieferungen sind für das vierte Quartal 2026 geplant. In Deutschland beginnt der Preis bei 57.900 Euro.
Fortsetzung folgt: Mit dem Polestar 5, einem viertürigen Gran Turismo auf eigens entwickelter 800-Volt-Plattform, greifen die Schweden bereits eine Klasse höher an.