Technostress-Studie: KI trifft Werkbank härter als Büro
Digitalisierung macht nicht alle gleich krank: Wer körperlich arbeitet, fehlt laut Ifo-Studie 20 Prozent häufiger. Bürojobs bleiben verschont. Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Vorbereitung.
Wer glaubt, Technostress sei ein Problem von Bildschirmarbeitern mit zu vielen Slack-Kanälen, irrt. Eine gemeinsame Studie von Ifo-Institut, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Konstanz zeigt: Digitalisierung schlägt bei körperlich arbeitenden Beschäftigten deutlich härter zu als im Büro.
Die Fehlzeiten steigen dort im Schnitt um 20 Prozent, bei Büro- und Wissensberufen lässt sich kein vergleichbarer negativer Effekt nachweisen. Das Ergebnis widerspricht dem gängigen Bild, wonach digitaler Stress vor allem ein Phänomen der Wissensarbeit sei, ausgelöst durch Dauererreichbarkeit und Informationsflut am Schreibtisch.
Ungleichheit statt Fortschritt für alle
Die Forschenden werteten repräsentative Betriebs- und Beschäftigtenbefragungen zur Nutzung digitaler Technologien sowie Sozialversicherungsdaten von 2011 bis 2019 aus, wie Spiegel berichtet. Gemessen wurde Gesundheit auf zwei Wegen: per Selbsteinschätzung auf einer Skala von null bis zehn und über die tatsächliche Zahl der Krankheitstage. Einflussfaktoren wie Alter, Einkommen, Bildung, frühere Gesundheit, Persönlichkeit, Branche, Beruf und Betriebsmerkmale flossen als statistische Kontrollen ein, damit der gemessene Zusammenhang nicht bloß andere Effekte widerspiegelt.
Oliver Schlenker, stellvertretender Leiter des Ludwig Erhard Ifo-Zentrums für Soziale Marktwirtschaft in Fürth, ordnet das Ergebnis so ein: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der digitale Wandel bestehende gesundheitliche Ungleichheiten verstärken könnte“, sagte Schlenker laut Spiegel. „Beschäftigte ohne klassische Bürojobs berichten bei stärkerer Digitalisierung von geringerem gesundheitlichem Wohlbefinden und mehr Fehlzeiten.“ Damit rückt die Studie ein strukturelles Problem in den Blick: Wer schon vor der Digitalisierung körperlich beanspruchter und im Schnitt geringer formal qualifiziert war, trägt nun offenbar auch die größere Last des technologischen Wandels.
Technostress als Erklärungsmuster
Als mögliche Ursache nennt die Studie Technostress: Neue digitale Anforderungen wirken demnach besonders belastend, wenn Beschäftigten die nötigen Kenntnisse fehlen. „Eine mögliche Erklärung ist Technostress: Neue digitale Anforderungen können besonders dann belasten, wenn Beschäftigten die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen fehlen“, erklärt Schlenker laut Spiegel. Betroffen sind vor allem Beschäftigte mit körperlichen Tätigkeiten und niedriger formaler Bildung, die laut Studie ohnehin bereits gesundheitlich stärker belastet seien. Verglichen wurden zwei Gruppen: Beschäftigte mit überwiegend körperlichen Aufgaben und solche in geistigen oder bürotypischen Berufen.