Ab diesem Einkommen zählen Sie zu den Top 10 Prozent und merken es nicht
100.719 Euro brutto im Jahr: Ab dieser Schwelle gehören Vollzeitbeschäftigte in Deutschland zu den zehn Prozent mit dem höchsten Verdienst. Gefühlt reich ist trotzdem kaum jemand.
Sie verdienen gut, aber reich fühlen Sie sich nicht? Das ist statistisch fast die Regel. Die Mitte der Gesellschaft hat ein Wahrnehmungsproblem: Wer seine Position falsch einschätzt, diskutiert über Steuern, Entlastung und Gerechtigkeit mit schiefem Kompass. Also lohnt ein Blick auf die Zahlen, mit Stichtag und Kleingedrucktem.
Die Schwelle: 100.719 Euro, aber nicht für alle
Das Statistische Bundesamt beziffert für 2025 die Schwelle zu den oberen zehn Prozent der Bruttojahresverdienste auf 100.719 Euro, zum obersten Prozent auf 219.110 Euro. Die unteren zehn Prozent verdienen bis zu 33.828 Euro. Der Median der Vollzeitbeschäftigten liegt bei 54.066 Euro, der Durchschnitt bei 64.441 Euro.
Das Kleingedruckte entscheidet: Die Zahlen gelten für Vollzeitbeschäftigte, die mindestens sieben Monate im Jahr gearbeitet haben, einschließlich Sonderzahlungen. Selbstständige, Teilzeitkräfte und Rentner fehlen.
Netto sieht die Welt anders aus
Aus Haushaltssicht liegt der Median des Nettoäquivalenzeinkommens laut EU-SILC 2025 bei 28.891 Euro im Jahr, rund 2.400 Euro im Monat. Die Armutsschwelle beträgt 17.334 Euro im Jahr, die Armutsgefährdungsquote 16,1 Prozent.
Eine aktuelle Nettoschwelle für die oberen zehn Prozent haben wir nicht gefunden. Die jüngste IW-Zahl bezieht sich auf Einkommen des Jahres 2018: Singles gehörten damit ab 3.700 Euro netto im Monat dazu, Paare ohne Kinder ab 5.550 Euro Haushaltsnettoeinkommen. Als Größenordnung taugt das, als Stand 2026 nicht.
Für die Oberschicht, definiert als mehr als 250 Prozent des Medians, nennt das IW bei Bezugsjahr 2022 für Singles 5.780 Euro netto im Monat. Das betrifft etwa vier Prozent der Bevölkerung. Die Mittelschicht, 80 bis 150 Prozent des Medians, reicht für Singles von 1.850 bis 3.470 Euro netto und umfasst rund 48 Prozent.
Das Wahrnehmungsproblem
Laut IW erreichen nur etwa vier Prozent der Bevölkerung die Oberschicht-Schwelle. In der Umfrage schätzt die Bevölkerung diesen Anteil auf 25 Prozent. Das DIW fand 2023 auf Basis einer Konstanzer Umfrage: 80 Prozent ordnen sich der Mittelschicht zu.
Wer die Steuerrechnung zahlt
Die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen tragen mehr als die Hälfte der Einkommensteuer: Das Bundesfinanzministerium nennt in seiner Datensammlung zur Steuerpolitik 2026 rund 57 Prozent, das IW kommt in einem Policy Paper vom 30. Juni 2026 auf 52,4 Prozent. Die Abgrenzungen unterscheiden sich, deshalb ist „mehr als die Hälfte“ die belastbare Formulierung. Die oberen fünf Prozent tragen laut IW 39,7 Prozent, bei einem Anteil von 21,9 Prozent am zu versteuernden Einkommen.
Die Reform: Entlastung mit Fußnote
Das Bundeskabinett hat am 2. September 2026 eine Einkommensteuerreform beschlossen, laut Bundesfinanzministerium mit rund 10 Milliarden Euro Entlastung im Jahr, voll wirksam ab 2028. Der Grundfreibetrag soll 2027 auf 12.564 Euro und 2028 auf 12.900 Euro steigen, der Arbeitnehmerpauschbetrag von 1.230 auf 1.430 Euro. Die Spitzensteuersatz-Schwelle steigt laut ZDF auf 70.600 Euro. Zur Gegenfinanzierung gilt künftig 45 Prozent ab 250.000 Euro und 47 Prozent ab 280.000 Euro.
Das ifo-Institut ist skeptisch. In einer Analyse von Stefan Bach sinken die Steuern 2027 und 2028 nominal um gut 7 Milliarden Euro. Bei einer angenommenen Inflation von 5 Prozent, einer Annahme der Studie und keiner Prognose, wirkt die kalte Progression mit 12,6 Milliarden Euro dagegen. Das ifo Institut nennt das „keine Entlastung der Mitte“.
Auf einen Blick
- Vollzeitbeschäftigte zählen 2025 ab 100.719 Euro brutto im Jahr zu den oberen zehn Prozent und ab 219.110 Euro zum obersten Prozent.
- Das Medianeinkommen netto liegt laut EU-SILC 2025 bei 28.891 Euro pro Jahr und die IW-Oberschichtschwelle liegt für Singles bei 5.780 Euro netto im Monat, Bezugsjahr 2022, bei rund vier Prozent der Bevölkerung.
- Die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen tragen mehr als die Hälfte der Einkommensteuer, nach BMF rund 57 Prozent, nach IW 52,4 Prozent.
- Das Kabinett hat am 2. September 2026 eine Einkommensteuerreform mit rund 10 Milliarden Euro Entlastung beschlossen, voll wirksam ab 2028, während das ifo-Institut bei einer angenommenen Inflation von 5 Prozent keine Entlastung der Mitte sieht.
Quellen: Statistisches Bundesamt, IW Köln, DIW Berlin, Bundesfinanzministerium, ZDFheute, ifo Institut, KI-unterstützt