Dubai – Es geht schon wieder los
Dubai hat ein schwieriges Frühjahr hinter sich. Jetzt kehrt der Alltag zurück, und mit ihm die Lust auf diese Stadt. Eine Reise zu den Orten und Menschen, die Dubai gerade wieder zum Leuchten bringen.
Morgens um sieben gehört Dubai den Frühaufstehern. Am Strand von Jumeirah drehen Läufer ihre Runden, bevor die Hitze kommt. In den Cafés zischen die ersten Espressomaschinen, und über den Baustellen setzen sich die Kräne in Bewegung. Das sind keine spektakulären Bilder, aber in diesem Herbst wirken sie wie ein kleines Versprechen.

Das Frühjahr war für die Stadt nämlich ein Einschnitt. Als Ende Februar der Krieg zwischen den USA und dem Iran begann, erreichten Drohnen und Raketen auch die Emirate. Flüge fielen aus, und die Gäste blieben weg. Dubai hatte sich lange als sicherer Hafen verstanden und musste nun mit Unsicherheit leben. Seit April gilt eine Waffenruhe, im Mai hob Berlin die Reisewarnung auf.
Seitdem kehrt der Alltag zurück, und zwar schneller, als viele erwartet hatten. Die Hotels füllen sich wieder, Restaurants ziehen um oder eröffnen neu, und für den Winter stehen Festivals, Messen und Läufe im Kalender. Lange stillstehen kann diese Stadt nicht. Diese Geschichte erzählt von den Orten und Menschen, die dafür sorgen, dass es weitergeht.
Die Luftbrücke
Wer dieses Comeback verstehen will, fängt am besten am Gate an. Emirates ist für Dubai, was der Hafen für Hamburg ist: der Grund, warum die Stadt so groß werden konnte. Im Frühjahr halbierte sich zeitweise die Zahl der Airlines, die Dubai anflogen. Emirates flog weiter, mit ausgedünntem Plan.
An den Passagierzahlen lässt sich ablesen, wie die Stadt wieder Luft holt. Im März und April zählte Emirates 4,7 Millionen Fluggäste, im Juli und August waren es 8,7 Millionen. Fast das gesamte frühere Streckennetz ist wieder in Betrieb, und am 1. Oktober kam mit Helsinki sogar ein neues Ziel dazu. „Dubai will come back“, sagte Emirates-Vize Adnan Kazim im September. In diesem Jahr klingt der Satz fast trotzig.
Aus Deutschland starten jeden Tag neun Nonstopflüge an den Golf, aus Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg. Nach rund sechs Stunden setzt die A380, die A350 oder die 777 in Dubai auf.
Ein Haus über der Autobahn

Wer über die Sheikh Zayed Road in die Stadt fährt, fährt irgendwann unter einem Gebäude hindurch. In hundert Metern Höhe hängt The Link, ein 230 Meter langer Querriegel zwischen den beiden Türmen von One Za’abeel. An seinem Ende ragt er 67,5 Meter frei in die Luft, weiter als jede andere Auskragung der Welt. Entworfen hat ihn das japanische Büro Nikken Sekkei. 2020, mitten in der Pandemie, zogen Ingenieure das 900 Tonnen schwere Endstück innerhalb von vier Tagen nach oben. Auch dieses Gebäude ist also in einer Krise entstanden.
In den Türmen haben sich zwei Hotels der Kerzner-Gruppe eingerichtet. Sie geben zwei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was Luxus heute bedeutet.
SIRO: Erholung als Programm

Das SIRO One Za’abeel ist für Menschen gebaut, die morgens ihre Schlafdaten prüfen, bevor sie ihre Mails lesen. Die Betten sind ein Stück länger als üblich, und die Matratzen regulieren die Temperatur. Wer die Klimaanlage nicht mag, schaltet den Holzventilator an der Decke ein. In jedem der 132 Zimmer steht ein Schrank mit Yogamatte, Widerstandsbändern und Sprossenwand, und in der Minibar steht Kombucha statt Wodka. Im 30. Stock trainiert man mit Blick über die Stadt. Ein Stockwerk höher geht es in die Kältekammer, unter die Kompressionsmanschetten oder an den Tropf mit Vitaminen.
Man kann das als Spielerei für Selbstoptimierer abtun. Nach diesem Jahr bekommt das Konzept aber eine neue Bedeutung. Eine Stadt, die monatelang unter Spannung stand, braucht Orte, an denen man zur Ruhe kommt, und das gilt für die Bewohner genauso wie für die Gäste.
One&Only: Die große Geste
Nebenan im One&Only One Za’abeel ist das Gegenteil zu Hause, die Fülle. Die Marke ist für Inseln und Strände bekannt, hier hat sie ihr Resort in die Höhe gebaut. Elf Restaurants und Bars verteilen sich über den Turm und den Link, darunter Ableger von Anne-Sophie Pic, Tetsuya Wakuda und Dabiz Muñoz. Im Food Court Culinara kochen junge Konzepte aus der Stadt, hundert Meter über dem Verkehr. Ganz oben liegt ein Infinity-Pool, der über der Stadt zu schweben scheint. Wer einen Abend lang zwischen den Etagen unterwegs ist, versteht schnell, dass Dubai sich nicht kleiner machen will, nur weil es ein schweres Jahr war.
Was in den Küchen passiert
Von Dubai kennt man vor allem die Fassaden aus Glas. Was die Stadt zusammenhält, sieht man aber eher in ihren Küchen. Dort arbeiten Menschen aus aller Welt, die hergekommen sind, weil man ihnen Freiheit ließ. Und sie sind geblieben, als es schwierig wurde.
Lowe: Der Schein des Feuers

Lowe liegt weit weg vom Glanz der Innenstadt, am Rand von Al Barari in einem Komplex namens KOA Canvas. Der Raum ist hell, aus Holz und Beton, und nichts glitzert. Kate Christou und Jesse Blake kamen 2017 aus Australien nach Dubai. Der emiratische Unternehmer Mohammed Zaal hatte ihnen ein Restaurant angeboten und freie Hand gelassen. Den Namen hatten sie lange für genau diesen Moment aufgehoben: Lowe ist ein altes schottisches Wort für den Schein eines Feuers.
Gekocht wird über offener Flamme, im Holzofen und am Drehspieß. Bekannt wurde Lowe aber mit dem, was andere wegwerfen. Aus Fleischabschnitten werden Köfte, aus Zitrusschalen wird ein Pudding, und aus verbranntem Toast entstand ein Sauerteig-Eis, das heute als das Gericht des Hauses gilt. „Wir haben uns nie als nachhaltiges Restaurant vermarktet“, sagt Christou. „Uns ist einfach aufgefallen, wie viel Essen im Müll landet.“ Michelin hat das mit einem grünen Stern gewürdigt. Dubai spielt gern mit dem Überfluss, und Lowe hält leise dagegen. Vielleicht ist es gerade deshalb eine der spannendsten Adressen der Stadt.
StreetXO: Der Lautsprecher
Dabiz Muñoz ist das Gegenteil von leise. Sein DiverXO ist das einzige Drei-Sterne-Restaurant Madrids, und er wurde mehrfach zum besten Koch der Welt gewählt. Im vierten Stock des One&Only betreibt er sein StreetXO. An den Wänden ist Graffiti, die Polster stammen von Jean-Paul Gaultier, Cocktails kommen in Keramikherzen, und ab dem frühen Abend legt ein DJ auf. Der Raum hat 177 Plätze und fühlt sich an guten Abenden an wie ein Club, in dem zufällig hervorragend gekocht wird. Hier merkt man, dass Dubai auch anders kann als poliert und höflich.
Andaliman: Der Umzug nach oben
Die schönste Geschichte dieser Reise spielt im 24. Stock. Andaliman ist ein indonesisches Restaurant, das dem Ehepaar Gianluigi und Mutianah Susapti gehört. Bis zum Sommer lag es unten am Pool des One&Only. Dann zog es hinauf in die Räume eines früheren Thai-Restaurants, ausgerechnet in diesem Jahr. Die offene Küche ist jetzt die Bühne. Küchenchef Ismawan Dzabir grillt über glühenden Kokosnussschalen, an den Woks zischt es, und rundherum gibt es Seilgeflecht, rohen Stein und Teakholz.
Den Namen hat das Restaurant von einem Pfeffer aus dem Hochland Nordsumatras. Er ist mit dem Szechuanpfeffer verwandt und lässt die Zunge leicht kribbeln. Man schmeckt ihn im Sambal Andaliman, einem von acht Sambals, die ein eigener Sambal-Sommelier erklärt. Danach kommen Rendang aus lange geschmorter Rinderbacke und Nasi Goreng mit winzigen Sardellen. Zum Schluss gibt es Es Tung-Tung, ein Eis aus Pandan, Kokos und schwarzem Reis.
Comptoir 102: Das Haus in Jumeirah
Am nächsten Morgen geht es nach Old Jumeirah. Dort gibt es noch Villen mit Gärten, und das Meer ist nur eine Straße entfernt. Comptoir 102 wirkt wie ein Haus, in dem jemand mit gutem Geschmack wohnt, und genau das ist die Idee. Die Pariserin Emmanuelle Sawko eröffnete ihren Concept Store 2012. Gesundes Essen bedeutete in Dubai damals meist einen Salat im Hotel. Heute wird in ihrer Küche bio gekocht, und in den Räumen liegen Kleider, Keramik, Naturkosmetik und Schmuck von rund 250 unabhängigen Labels. Sawko hat in der Stadt eine Bewegung angestoßen, lange bevor es Bowls und Kombucha an jeder Ecke gab. Nach diesem Frühjahr ist Comptoir 102 vor allem ein Ort, an dem man sich wiedersieht.
Durchatmen
Al Quoz ist ein Viertel aus Lagerhallen, Werkstätten und Galerien, direkt an der Stadtautobahn. Ausgerechnet hier hat Tanya Mansotra auf knapp 2.000 Quadratmetern einen Ort für Ruhe gebaut. Sohum ist ein Ayurveda-Zentrum mit Yogaräumen, Ölmassagen, Panchakarma-Kuren und einem Café, in dem nur pflanzlich gekocht wird. Zwei Jahre lang hat Mansotra nach dem passenden Gebäude gesucht.
Die Gründerin kommt aus Indien und gab während der Pandemie Meditationsstunden über den Bildschirm. Diese Zeit habe ihr gezeigt, sagt sie, dass die Hektik, in der wir vorher lebten, nicht normal war. Normal sollte der Zustand sein, in dem man mit sich im Einklang ist. Damals meinte sie die Pandemie, nach diesem Frühjahr passt der Satz auf die ganze Stadt.
Die Straße zurückerobern

Wie Dubai sich selbst Mut macht, lässt sich am 22. November beobachten. An diesem Morgen gehört die Sheikh Zayed Road den Läufern. Um halb sieben fällt am Museum of the Future der Startschuss zum Dubai Run, dem Abschluss der Dubai Fitness Challenge, die Kronprinz Scheich Hamdan 2017 ins Leben gerufen hat. Die fünf Kilometer führen nach Downtown bis an den Fuß des Burj Khalifa. Die zehn Kilometer gehen weiter über die Stadtautobahn bis zum Gate Building im Finanzdistrikt.
In den vergangenen Jahren liefen jedes Mal Zehntausende mit, Emiratis, Expats, Familien mit Kinderwagen und Touristen in geliehenen Laufschuhen. In diesem Jahr bedeutet der Lauf mehr als Sport. Im März fragten sich viele, ob diese Stadt je wieder so unbeschwert sein würde. Im November stehen sie dann im Morgenlicht mitten auf der Straße, die sonst den Autos gehört.
Benzin im Blut
Am Abend davor geht es um Motoren. Auf dem Gelände The Square in Nad Al Sheba findet am 21. und 22. November zum sechsten Mal Icons of Porsche statt, zum ersten Mal an diesem Ort. Es ist längst keine Autoschau mehr, sondern ein Festival mit Klassikern neben aktuellen Modellen, Kunst, Musik, Streetfood und Rennsportgeschichte. Mehr als 105.000 Menschen sind bisher gekommen, und über 1.280 Autos standen auf den Flächen. Porsche hat hier mehr als ein Dutzend Welt- und Regionalpremieren gezeigt, und im vergangenen Jahr kamen über 30.000 Besucher.
In Dubai sind Autos Popkultur, sie werden gesammelt, gezeigt und gefeiert. Ein deutscher Hersteller hätte sein Festival in diesem Jahr leicht absagen können. Stattdessen bringt er es an einen neuen Ort, und die Szene versteht das Signal: Hier wird weiter geplant.
Es geht wieder los
Dubai hat in diesem Jahr etwas verloren, das sich nicht zurückkaufen lässt: das Gefühl, unantastbar zu sein. Aus Europa kommen weniger Gäste als früher, gebucht wird kurzfristiger, und einige Regierungen raten weiter zur Vorsicht. Die Hotelanalysten von CoStar erwarten, dass die Häuser erst 2028 wieder so voll sind wie vor dem Krieg.
Auf Prognosen hat diese Stadt allerdings nie gewartet. Die Reisemesse Arabian Travel Market war wegen des Krieges vom Mai verschoben worden und fand im September statt. Bis Jahresende stehen mehr als hundert Messen im Kalender. Wer in Dubai lebt und Freunde oder Familie einlädt, bekommt von der Stadt Gutscheine für Hotels und Restaurants. In den ersten zwei Tagen gingen über 10.000 Anträge ein.
Am meisten erzählen aber die kleinen Entscheidungen. Ein Restaurant zieht in den 24. Stock, eine Köchin macht weiter aus verbranntem Brot Eiscreme, und ein Autofestival sucht sich einen neuen Platz. Hinter den Fassaden aus Glas und Superlativen lebt eine Stadt aus Menschen, die nicht gegangen sind.
Wer jetzt kommt, erlebt Dubai in einem seltenen Moment: offen, ein wenig verletzlich und hungriger als lange zuvor.