Das Milliarden-Business mit der Altersbiologie
Eisbäder sind Wellness. Die wirklich große Longevity-Wette läuft im Labor: Wer Medikamente gegen das Altern entwickelt, könnte einen der größten Gesundheitsmärkte der Zukunft bauen. Aus unserem aktuellen Business Punk-Heft It’s a match“.
Text : Oliver Kirch und Marvin Renner
Diese ganze Sache mit den fancy Hotels, Eisbädern und Sportclubs – das ist nicht das, was ich unter Longevity verstehe. Das ist für mich einfach Healthy Lifestyle-Wellness.“ Rumms. Das sitzt. Aber: Für Dr. Alexandra Bause ist das keine Abrechnung, schon gar nicht mit Sport oder gesunder Ernährung, sondern einfach eine klare fachliche Trennlinie. Die promovierte Pharmazeutin forschte an der Harvard Medical School zur zellulären Alterung und ist heute Biotech-Investorin, Unternehmensgründerin und Vordenkerin, die sich der Umsetzung von Erkenntnissen aus der Langlebigkeitsforschung in konkrete medizinische Maßnahmen widmet.
2017 gründete sie Apollo Health Ventures mit und fundet nun Unternehmen, die an der Biologie des Alterns ansetzen, um altersbedingtem Abbau und Erkrankungen entgegenzuwirken. Echte Longevity bedeutet daher für sie: Biologische Mechanismen entschlüsseln und zulassungsfähige Medikamente entwickeln, die uns gesund und damit jung halten. Dass das kein Sci-Fi-Traum ist, beweist ein Rückblick auf die Historie der Altersforschung: Schon 1993 verdoppelte ein verändertes Gen die Lebensdauer eines Fadenwurms. 2009 lebte eine Maus dank D eines Wirkstoffs rund 20 Prozent länger. Kein Beweis für ewige Jugend beim Menschen, aber spannende Präzedenzfälle. Sie zeigen: Alterung ist biologisch beeinflussbar.
Die Blaupause für den Longevity-Markt
Für Venture Capital wird das Thema Longevity spürbar heißer – nicht trotz, sondern wegen der gigantischen Erfolge bei den GLP-1-Medikamenten, also Wirkstoffen, die unter anderem den Blutzucker und das Hungergefühl regulieren. Präparate wie Ozempic und Wegovy von Novo Nordisk oder weitere von Eli Lilly haben bewiesen, wie schnell aus einem Spezialmedikament ein globaler Milliardenmarkt werden kann.
Auch wenn sie nicht als Longevity-Mittel wahrgenommen werden, könnten sie genau das sein: Ursprünglich für Diabetes zugelassen, wirken sie gegen Adipositas und beeinflussen auch Nieren- sowie HerzKreislauf-Erkrankungen positiv, auch hinsichtlich Demenz und Alzheimer wird geforscht. „Sie ahmen pharmakologisch das nach, was im Tierversuch am robustesten die Lebensspanne verlängert hat: Kalorienrestriktion. Damit wirken sie gleichzeitig auf mehrere altersbedingte, chronische Erkrankungen. Für mich ist das aktuell der aussichtsreichste Kandidat für das erste validierte Longevity-Medikament, aber die Langzeitdaten zur Gesamtsterblichkeit stehen noch aus“, ordnet Bause die Entwicklung des bisherigen Influencer-Insta-Hype-Themas ein.
Wann ist Erfolg Erfolg?
Es gibt aber ein grundsätzliches Problem: den Erfolg zu messen. Um zu belegen, dass ein Medikament tat sächlich auf Langlebigkeit wirkt, gibt es bislang nur einen etablierten Weg: eine Mortalitätsstudie. Über Jahre hinweg zählen, wer stirbt. Das ist teuer, dauert lange und ist in der Prävention praktisch nicht machbar. Denn dort soll das Medikament ja wirken, bevor überhaupt eine Krankheit vorliegt. Deshalb braucht es Surrogatmarker: messbare Werte, die verlässlich vorhersagen, wer künftig erkrankt und wer früher stirbt.
Problem: Genau die fehlen. Für Diabetes gibt es Glukosewerte, für Nieren spezifische Marker. Für den Alterungsprozess existiert so etwas laut Bause bislang nicht. Alterung ist kein anerkannter klinischer Endpunkt. Deshalb müssen Longevity-Medikamente den Umweg über konkrete Diagnosen nehmen – dort, wo Zulassungspfade existieren und Messgrößen geübte Praxis sind. Hier sieht Bause eine Lücke zwischen markigen Werbesprüchen und echter Evidenz. Tests, die online gekauft werden und angeblich das „biologische Alter“ bestimmen, nur um dann Supplemente zu empfehlen? Kritisch. „Die Kommerzialisierung hat vor der Evidenz stattgefunden“, ist sie überzeugt. Und schiebt die Begründung gleich nach: „Ein Biomarker muss erst beweisen, dass er Risiken verlässlich prognostiziert und therapeutisch beeinflussbar ist. Erst dann kann ich zuverlässig messen, wo ich in meinem Alterungsverlauf stehe, und ob eine Intervention daran etwas ändert.“
Das Ringen um den großen Durchbruch an dieser Front läuft bereits: In einem international ausgeschriebenen Wettbewerb mit 101 Mio. US-Dollar Preisgeld sollen Teams die Funktion von Muskulatur, Kognition und Immunsystem auf das Niveau eines ein bis zwei Dekaden jüngeren Menschen zurückbringen. Also faktisch eine Verjüngung um zehn bis zwanzig Jahre, nachzuweisen in einer klinischen Studie am Menschen. Extrem ambitioniert, aber so könnte man einige der Longevity-Therapien und Marker endlich validieren. Parallel dazu läuft ein staatlich finanziertes US-Programm mit 144 Mio. US-Dollar, das die andere Hälfte des Problems angeht: einen validierten Surrogat-Biomarker für Alterung, der Funktion und Kapazität abbildet und sich als Endpunkt in klinischen Studien einsetzen lässt. Statt Jahrzehnten würde eine Studie damit ein bis drei Jahre dauern.
Deutschlands Engpass
Und geht da auch was in Deutschland? Oder haben USA und Co. wieder mal die Nase vorn? Laut Bause haben wir brillante Köpfe und Top-Forschung. Aber es fehlt an skalierbarem Risikokapital. Im Vergleich zu den USA gibt es für sie hierzulande zu wenige große Biotech-Fonds und zu kleine Finanzierungsrunden. Das bremst das Tempo. Aber: Mehr Geld allein reicht nicht. Es drängen derzeit viele Investor:innen in das Feld, die den Longevity-Trend mitnehmen wollen, ohne Biotech und Arzneimittelentwicklung wirklich zu verstehen. Finanziert wird dann, was sich gut erzählen lässt. „Wir sehen derzeit viele Deals, die wir nach unseren Investmentkriterien so nie machen würden. Gerade in den USA. Das macht mir Sorgen, weil es genau diese Geschichten in die Nachrichten schaffen. Wenn sie irgendwann auf die Realität treffen, ziehen sich Investor:innen enttäuscht zurück, und der Begriff Longevity ist beschädigt.“ Deshalb sei Fachwissen so wichtig, auch für Investor:innen. Nur so könnten sie Risiken und Erfolgschancen realistisch einschätzen und am Ende die besseren Wetten platzieren.
Der VC-Filter: Drei Fragen vor dem Invest
Wer in einem Markt investiert, dessen Durchbrüche noch Jahre entfernt liegen, braucht einen harten Realitätscheck. Für Apollo entscheiden nicht gute Storys über ein Investment, sondern drei knallharte Kriterien. Erstens: solide Wissenschaft. Daten aus Würmern oder Mäusen reichen nicht, entscheidend ist der Bezug zu konkreten Erkrankungsprozessen beim Menschen. Zweitens: Intellectual Property, denn ohne eigene geschützte Moleküle und Patente lässt sich schlicht kein nachhaltiger Unternehmenswert aufbauen. Drittens: ein realistischer klinischer Entwicklungspfad inklusive Exit-Strategie. Da VC-Fonds teure Zulassungsstudien selten bis zur Marktreife durchfinanzieren können, führt der finanzielle Erfolg am Ende meistens über einen Deal mit etablierten Pharmakonzernen.
Die eigentliche Longevity-Welle läuft laut Bause bereits. Leiser, aber substanzieller. Nicht im Spa, sondern in Laboren und klinischen Zentren. Ihr Ziel ist nicht der exklusive Jetset-Trip zur Stammzelltherapie, sondern Medikamente auf Kassenrezept. Nur so erreicht man die Masse. Nur so entsteht ein Markt, der den Namen verdient. Durch belastbare Daten und klare Regulierung wird daraus eine Medizin, die für alle funktioniert – und kein Influencer-Chichi.
Diesen Artikel und weitere spannende Themen gibt’s in unserem aktuellen Heft It’s a match“ 3/2026 unter https://www.business-punk.com/ausgabe/
