„Porsche war nie modisch. Immer modern.“
Tobias Sühlmann, Designchef von Porsche, über den Mission S, ein weißes Blatt Papier, Fake-Lufteinlässe, Pasta in Krisenzeiten – und die Frage, was oberhalb des 911 noch Platz hat. Das exklusive Business Punk-Interview mit Susie von den Stemmen.
Seit Februar 2026 leitet Tobias Sühlmann das Design bei Porsche. Er folgte auf Michael Mauer, der die Marke mehr als zwei Jahrzehnte geprägt hat. Sühlmann, 46, kam von McLaren, davor arbeitete er für Volkswagen, Bugatti, Bentley und Aston Martin. Am 15. Oktober hat er in New York sein erstes großes Statement vorgestellt: den Mission S, eine Studie für einen Supersportwagen mit Mittelmotor, positioniert oberhalb des 911. Am Tag danach, zwischen zwei Terminen und noch sichtlich aufgeladen von der Premiere, nimmt er sich Zeit für ein Gespräch.




Kaum angekommen bei Porsche – und schon die erste große Aufgabe. Was war zuerst da: du oder das Konzept?
Ich war zuerst da. Dann kam der Auftrag. Ein Konzept zum Konzept gab es nicht, wir haben mit einem weißen Blatt angefangen.
Wie muss man sich das vorstellen? Kommt da jemand um die Ecke und sagt: Wir brauchen eine Vision?
Grundsätzlich war es mir wichtig, zuerst eine Strategie zu entwickeln. Natürlich habe ich als Autodesigner auch den Wunsch, eine Vision zu verwirklichen, die unsere zukünftige Formensprache zeigt. Aber ganz am Anfang, vor gut sechs bis acht Monaten, hat mich Michael Leiters an einem Wochenende angerufen. Er sagte, er könne sich ein Visionsmodell oberhalb des 911 vorstellen – vielleicht als Mittelmotorkonzept. So haben wir angefangen.
Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon intensiv mit der Marke beschäftigt. Als ich ankam, bin ich ins Archiv gegangen, ins Museum, und habe wirklich studiert: Welche Elemente sind für mich wesentlich? Daraus haben wir im Team die Designstrategie abgeleitet und definiert, welche Elemente wir im Exterieur und im Interieur wichtig sind. Mit dieser Strategie war die grundsätzliche Ausrichtung klar und die Umsetzung konnte starten. Im Anschluss haben wir einen Zeitplan definiert und diesen strikt verfolgt.
Ein halbes Jahr ist für ein solches Projekt sehr wenig. Hilft der Zeitdruck sogar, weil keiner mehr herumspinnen kann?
Das halbe Jahr war kein Dogma. Aber es war wichtig, Kernthemen festzulegen und diese konsequent zu verfolgen. Daraus entsteht die Essenz dessen, was wichtig ist. Bewusst im kleinen Kernteam definiert und entschieden. Das ist der Vorteil. Genauso wichtig war mir aber, von Anfang an die Entwicklungskollegen einzubeziehen. Ich wollte verstehen, was nötig ist, um so ein Konzept überhaupt zu verwirklichen. Was ich nicht wollte: eine reine Studie, eine schöne Form, die keinerlei Bezug zu einem Serienfahrzeug hat.
Also keine reine Showcar-Fantasie?
Nein. Die Herausforderung war, etwas zu realisiseren, das technisch theoretisch eines Tages umsetzbar wäre. Natürlich sind die Proportionen etwas überzeichnet, das ist eine Vision, ein Joker. Aber es ist so umgesetzt, dass klar wird: Eine Realisierung wäre grundsätzlich auf Basis dieser Formensprache denkbar.
Wie nah ist der Mission S an der Realität?
Grundsätzlich zeigen wir mit dem Mission S, wie wir die ikonische Designidentität der Marke in die Zukunft tragen wollen. Einzelne Elemente fließen perspektivisch in unser Produktportfolio ein. Ein Beispiel ist der Porsche-Schriftzug im Heck, der wieder in Wagenfarbe ausgeführt ist. Oder das klare Markengesicht, das dem Sportwagen einen sehr Porsche-typischen Auftritt verleiht. Dazu kommen Flächen und Volumen, die man gerne anfassen möchte. Das ist mir besonders wichtig. Im Vordergrund stehen die Visulisierung der Funktionen, eine gewisse Spannung, die Aerodynamik und das Spiel mit Licht und Schatten.
Der Drehzahlmesser, der auf dich zukommt
Man spürt, wie viel Lust dieses Projekt gemacht hat. Gibt es eine Idee, die besonders spontan entstanden ist?
Der Drehzahlmesser im Interieur, der sich je nach gewählten Drive Mode auf den Fahrer zubewegt.. Die Idee ist an einem Abend geboren. Wir haben überlegt, es einfach ausprobiert – und es hat funktioniert. Dann haben wir entschieden: Das ist für dieses Modell das richtige Konzept. Ein weiteres Beispiel ist der „On your own“-Button im Lenkrad. Die Idee dahinter: Ein zentrales Bedienelement, dass die Assistenzsysteme auf ein Minumum reduziert. Man könnte auch sagen: Fahrspaß pur…
„Das Auto ist ein bisschen wie Soulfood“
Warum gerade jetzt so ein Auto?
Das Auto ist ein bisschen wie Soulfood. Bei allem, was die Welt aktuell bewegt – politische Unsicherheiten , Krisen.. hat die Welt stellenweise Orientierung verloren.. Porsche war immer geerdet, konsequent im eigenen Tun, sehr authentisch. Formal muss es ein Visionsmodell sein, bei dem man auch in zehn, fünfzehn Jahren noch sagt: Das ist ein schönes Auto. Dafür stehen die drei Begriffe, die ich bei der Premiere genannt habe: authentisch, konsequent, zeitlos. Und besonders wichtig: Den Kunden zuhören, verstehen, was sie bewegt und was sie von Porsche erwarten.
Wenn es einem mies geht, kocht man sich einen Teller Pasta.
Genau. Einfach, und es schmeckt. Es ist perfekt. Bei der Premiere hat jemand zu mir gesagt: Das macht Hoffnung. Über dieses Feedback habe ich mich sehr gefreut. Insgesamt sind die Rückmeldungen sehr positiv. Der Mission S wird als echter Porsche wahrgenommen – als Teil der Marke, an die wir glauben. Und genau diese Konsequenz ist unsere Stärke.
Der 911 als Halo
Für viele Fans ist der 911 unantastbar. Wo ist die Grenze, an der du sagst: Don’t touch the heritage?
Angst vor dem 911 habe ich nicht. Er ist unser Halo-Car, und man kann ihn wunderbar weiterentwickeln – mit Feingefühl. Dass der 911 immer der 911 bleiben muss, ist klar, da sind wir uns alle einig. Früher hat man den 928 entwickelt, weil man dachte, das Konzept 911 würde sich überleben. Heute haben wir mit Panamera, Macan, Cayenne und Taycan so viele Modelle im Programm, dass der 911 konsequent 911 bleiben kann. Darüber hinaus haben wirh Potenziale identifiziert und sind überzeugt, dass oberhalb des 911 ein weiterer Sportwagen sehr gut zur Marke passen würde.
Eine Erkenntnis, die du und Michael Leiters aus euren früheren Stationen mitbringt?
Ja. Ich war bei McLaren, er war bei McLaren und bei Ferrari, ich war bei Aston Martin, Bentley, Bugatti. Man weiß, dass es oberhalb des Elfers einen Markt gibt. Aber es muss nicht immer gleich das Hypercar sein, nicht immer das Unerreichbare. Es kann ein Sportwagen sein, das für eine bestimmte Klientel noch erreichbar ist.
Authentisch, konsequent, zeitlos
Welcher der drei Begriffe war am schwersten umzusetzen?
Die waren eigentlich gleichwertig.
Authentisch, weil ich keine Fakes, keine reinen Stylingelemente, mag. Ich möchte Autos realisieren, bei denen alles eine Funktion hat. Wenn ein Lufteinlass nicht gebraucht wird, lasse ich ihn lieber weg, als ihn aus rein optischen Gründen hinzuzufügen. Konsequent, weil alles am Auto stimmig sein muss – bei diesem und bei jedem zukünftigen. Ich kann nicht auf der einen Seite eine riesige Digitalwelt bauen und auf der anderen Seite Dinge ins Auto bringen, die bewusst analog sein sollen. Das Konzept muss in sich stimmigsein.
Und zeitlos, weil ich Dinge kreieren will, die man sich in Jahren noch anschaut und sagt: Das ist immer noch ein schönes Auto. Für Schönheit gibt es Grundprinzipien, die sich nie ändern. Wenn Form mit Funktion gepaart ist – analog zum Bauhaus-Prinzip –, dann ergibt es Sinn. Und wenn ein Zweck dahintersteckt, entsteht Zeitlosigkeit. Porsche war nie modisch. Porsche war modern, aber nie modisch. Deshalb sind diese Autos immer in Würde gealtert. Ein gutes Beispiel sind die Leuchten: Heute gibt es technische Möglichkeiten, die es vor zehn, fünfzehn Jahren nicht gab.Und in zehn, fünfzehn Jahren wird es wieder neue, technische Möglichkeiten geben. So entwickelt sich die Marke weiter. Aber ich muss etwas schaffen, das wiedererkennbar ist. Ein Produkt, das Orientierung bietet und klar dem Kern der Marke folgt.

Verantwortung
Du setzt deinen Namen unter etwas, das in die Welt hinausgeht. Ist der Druck gewachsen – gerade bei Porsche, gerade in dieser Phase der Branche?
Ich habe eine große Verantwortung, weil Design bei Porsche ein sehr wichtiger Teil der Marke ist. Das Erste, was man sieht, wenn man auf ein Auto zuläuft. Gefällt es mir, schaue ich genauer hin. Gefällt es mir nicht, gehe ich gar nicht erst näher ran – oder gar nicht erst in ein Porsche Zentrum. Und wenn ich mich dann reinsetze und mich wohlfühle, dann bin ich wirklich interessiert. Das Design muss Attraktivität ausstrahlen und eine gewisse Begehrlichkeit wecken.
Diese große Marke in die Zukunft zu führen, ist eine Verantwortung. Aber vor allem eine tolle Herausforderung. Ich komme mit viel Erfahrung – ohne Arroganz: Ich weiß, wie man ein Auto realisiert. Ich habe große und kleine Teams geleitet, bei sehr unterschiedlichen Marken. Jede hat ihre eigenen Regeln und Herausforderungen. Aber das hier ist für mich ein Traumjob.
Was hast du aus Wolfsburg und von deinen anderen Stationen mitgebracht?
Vor allem Erfahrung. Learning by doing. Jede Firma prägt dich. Du lernst, mit unterschiedlichen Formensprachen umzugehen, mit unterschiedlichen Historien und Kulturen. Und ich habe gelernt, dass man offenbleiben muss, immer weiter zu lernen. Mit Sturheit kommt man nicht weit, man muss flexibel sein.
Wenn ich neu in eine Firma komme, ein neues Team kennen lerne, ist es mir wichtig, zuzuhören. Prozesse und Abläufe zu verstehen. Die Kommunikation untereinander ist ein ganz entscheidender Faktor. Ich habe viele verschiedene Fahrzeugtypen realisiert, von großen SUVs über Limousinen für den amerikanischen und chinesischen Markt bis hin zu Einsitzern bei McLaren. Was mich prägt, ist die Liebe zum Auto – und die Bereitschaft, sich auf eine Marke einzulassen.
Beäugt man sich unter Kollegen? Man kennt sich ja.
Klar, man schaut immer hin. Die Branche ist klein, man sieht sich auf Messen. Nach der Premiere habe ich viele E-Mails und viel Zuspruch auf Instagram bekommen, viele Kollegen haben gratuliert. Das ist eine schöne Bestätigung dafür, dass wir auf einem guten Weg sind.
Warum New York und nicht Paris?
Diesmal wollten wir etwas ganz Eigenes machen. Ein solches Auto braucht einen besonderen Auftritt. In einer Messehalle hätte das nicht gepasst.
Was schwebt, hat eine Aufgabe
Das Motiv des Schwebens zieht sich durch das ganze Auto. Wie erklärst du das deinen Kindern?
So einfach wie bei der Präsentation. Nimm den Kotflügel: Er hat gleich mehrere Funktionen. Du siehst beim Fahren, wo deine Räder sind. Darin sitzen die Scheinwerfer. Und er ist ein Aerodynamik-Element, die Luft strömt hier durch das Auto. Genauso im Innenraum: Das Dashboard scheint zu schweben, die Instrumente schweben. Das gehört alles zusammen. Wir wollten ein ganzheitliches Konzept. Deshalb haben das Interieur- und Exterieur-Team von Beginn an sehr eng zusammengearbeitet. Wenn du das Auto von außen siehst und dann die Tür öffnest, sollst du nicht erschrecken, sondern sagen: Das passt. It’s a match.
Man kann ja richtig hineingreifen.
Genau, das ist alles offen. Man sieht, wie die Luft um die Kabine strömt und unten wieder ins Auto geführt wird. Auch hinten ist alles optisch fliegend gestaltet. Es geht um Leichtigkeit – um die Symbiose aus Form und Funktion.
Und die Farbe?
Schwarz, Weiß und Rot sind typische Porsche-Farben mit einem klaren Link zum Motorsport. Wir haben uns für ein Weiß entschieden, das ins Silber geht, mit sehr viel Flop. Das heißt: Wenn du das Auto ins Licht drehst, bricht sich das Licht schön auf den Flächen, und du siehst die Form mit all ihrem Licht und Schatten.
Gab es überhaupt noch ein klassisches Tonmodell?
Wir waren im Prozess sehr schnell. So viel darf ich verraten: Wir hatten eine Schaumfräsung als Kontrollmodell, danach haben wir in Daten weitergearbeitet, auch mit VR-Brillen. Das spart enorm viel Zeit. Neben einer klaren Vision und Strategie geht es für mich auch darum, von anderen Firmen zu lernen und Prozesse so umzubauen, sodass wir noch effizienter werden. Der überwiegend digitale Prozess hat hier super funktioniert.
Und dann?
Die naive Frage zum Schluss: Kommt der irgendwann auf die Straße?
Wir haben hier ein Visionsmodell gezeigt, das grundsätzlich zeigt, wie eine Supersportwagenplattform oberhalb des 911 aussehen könnte. Michael Leiters hat bei der Premiere gesagt: Ein Konzept dieser Art wäre als dauerhaftes Mitglied der Porsche Produktfamilie durchaus denkbar. .
Fällst du nach so einer Premiere in ein Loch?
Ich fliege Sonntag nach Hause, Montag lande ich und fahre direkt nach Weissach. Es geht schon weiter, wir haben gerade sehr viele Themen und sind mit Vollgas dabei. Aber übernächste Woche habe ich eine Woche Urlaub.
Über Tobias Sühlmann
Tobias Sühlmann, 46, studierte Design an der Hochschule Pforzheim. Nach Stationen bei Volkswagen, Bugatti, Bentley, Aston Martin und McLaren – dort zuletzt als Chief Design Officer – leitet er seit 1. Februar 2026 das Design der Porsche AG.
