She'sPunk · Frauen in Führungspositionen

Better Together

Better Together
Erschienen
Lesezeit6 Min · 1.231 Wörter

Women Support Women, jaja. Hören wir oft, machen auch schon viele. Aber diese Frauen nehmen’s richtig ernst: Und haben mit (Wo-)Mentoring Karriere gemacht. Aus unserem aktuellen Heft Business Punk 3/2026.

Von Inna Hemme

„Dir hört keiner zu.“  Bäm. Vier Wörter, die sitzen. Als die Neurowissenschaftlerin Dr. Laura Wünsch dieses Feedback von ihrem Mentor bekam, war sie zunächst getroffen. Schließlich erforschte sie, wie Gehirne funktionierten, war Unternehmensberaterin bei Kearney, später Global Head of Diversity & Inclusion bei Siemens Healthi-neers und Dozentin an der Cambridge Judge Business School. Und ausgerechnet sie hatte übersehen, dass die Gehirne ihres Publikums längst im Stand-by-Modus waren. Der Rat: „Zu viele Fachwörter. Mach es einfacher, dann kommst du weiter.“ Willkommen beim Mentoring – diesem vermeintlich kuschligen Begriff für eine Jobbeziehung, in der im besten Fall nicht Händchen, sondern Türen gehalten werden. Denn wer im Unternehmen aufsteigen will, muss mehr tun, als hart zu arbeiten und zuverlässig zu liefern. Arbeit spricht nicht immer für sich. Deshalb braucht es Menschen, die Potenzial erkennen, ehrliches Feedback geben und im richtigen Moment sagen: „Nehmt sie!“ Also: gute Mentor:innen.

Für Frauen ist diese Unterstützung besonders wichtig. Laut der US-Studie „Women in the Workplace 2025“ werden auf 100 Männer, die erstmals ins Management aufsteigen, nur 93 Frauen befördert. Unter schwarzen Frauen sind es sogar nur 60. Warum Unternehmen das Interessieren sollte? Studien wie „Diversity Matters Even More“ von McKinsey zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen vielfältig besetzten Führungsteams und wirtschaftlichem Erfolg: Unternehmen mit mehr Frauen und größerer ethnischer Diversität an der Spitze landen überdurchschnittlich häufig bei den finanziellen Top-Performern

Frauen bekommen Marshmallow-Feedback: nett, aber unnütz

Viele Konzerne haben dieses Win-Win erkannt. Adidas will den Frauenanteil in Führungspositionen ab Director-Level bis 2033 weltweit auf 50 Prozent steigern und setzt dafür unter anderem auf das einjährige Sponsoring- und Förderprogramm „ElevateHer“. McKinsey bietet in Deutschland mit „You Grow“ ein dreimonatiges Mentoringprogramm für Studentinnen und Doktorandinnen an, Deloitte fördert weibliche Talente mit „Ensuring Female Leadership“. Die Liste ist lang. Auch die Liste der Erfolge?

Bild: Jannete Flores (Foto: Jakob Stolz)

Eine Antwort liefert die Feedback-Forschung: Frauen bekommen bei gleicher Leistung weiterhin häufig freundlichere, aber weniger konkrete und handlungsorientierte Rückmeldungen als Männer. Wünsch nennt das „Marshmallow-Feedback“: angenehm weich, nur leider kein Baustoff für die nächste Karrierestufe. Gutes Mentoring ist also das Gegenteil von kuschelig. „Als gute Mentee musst du Kritik annehmen können“, sagt sie. „Erst tut es weh, dann wächst du daran.“ Auch Reverse Mentoring hält Wünsch für wichtig. Je höher Menschen aufsteigen, desto seltener erfahren sie, was weiter unten tatsächlich gedacht wird. „Wenn du in einer guten Position bist, bekommst du kein ehrliches Feedback mehr.“ Gerade jüngere Beschäftigte und Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen können Führungskräften zeigen, welche blinden Flecken in der Chefetage längst zur Standardausstattung gehören. Mentoring sollte keine Einbahnstraße von erfahren zu unerfahren sein, sondern ein organisierter Realitätscheck in beide Richtungen. Der beste Mentoring-Tipp, den Jannette Flores jemals gegeben hat, besteht sogar nur als zwei Wörtern: „Sag ICH!“. Seit 15 Jahren arbeitet Flores schon bei Google, berät in ihrer aktuellen Position im Vertrieb die Healthcare-Kunden. Seit zehn Jahren ist sie Facilitator vom #IAmRemarkable-Programm des Unternehmens für land. „Ausgerechnet Frauen sagen öfter ‚wir‘ statt ‚ich‘. Oder sogar ‚man‘“, erklärt Flores. Ihr erster Rat lautet deshalb: „Wenn DU etwas erreicht hast, dann sag auch ICH.“ Erfolge seien keine Angeberei, wenn sie auf Fakten basieren.

Jannete Flores: „FRAUEN SAGEN ÖFTER ‚WIR‘, ALS ‚ICH‘. WENN DU ABER ETWAS ERREICHT HAST, DANN SAG AUCH ‚ICH‘.“

Die Extrafolie sorgt selten für Beförderungen

Das Kernstück des Programms, das heute nicht nur Google-Mitarbeitenden, sondern allen Interessierten offensteht, ist ein 90-minütiger Workshop. Darin üben die Teilnehmenden, ihre Erfolge auszusprechen, statt darauf zu hoffen, dass sie irgendwann zufällig entdeckt werden. Nur so wird man in Unternehmen sichtbar – auch für Beförderungen. Weltweit hat #IAmRemarkable bisher mehr als 800.000 Menschen erreicht. Drei Monate nach dem Workshop fühlten sich 82 Prozent der Befragten selbstbewusster, 89 Prozent vermarkteten sich häufiger und 49 Prozent berichteten von beruflichem Fortschritt. Selbstvermarktung sei kein angeborenes Talent, sondern ein Muskel, den auch sie erst trainieren musste, sagt Flores. „Als Kind und Jugendliche hatte ich oft das Gefühl, falsch zu sein.“ Ihre Eltern kamen von den Philippinen nach Deutschland und arbeiteten als Fahrer und Reinigungskraft. Flores studierte als Erste in der Familie. Zu Hause hieß es dennoch: „Sei bescheiden!“ Nach ihrem Coming-out sprachen ihre Eltern zehn Jahre lang nicht mit ihr. Heute erzählt Flores ihre Geschichte offen – als Frau, Mutter dreier Kinder und Ehefrau einer Frau. „Ich sehe vieles nicht mehr als Makel, sondern als Superkraft.“ Diese Erfahrungen hätten sie empathischer gemacht. Wer selbst weiß, wie Ausschluss klingt, kann leichter einen Raum schaffen, in dem andere ihre Stimme finden. Auch Laura Wünsch musste eine Rolle ablegen: die der oberfleißigen Schülerin mit der Extrafolie. Gerade Frauen glaubten häufig, sie müssten noch härter arbeiten und jede Präsentation perfektionieren. Als Kund:innen in der Stadt waren und Wünsch sich abends vorbereiten wollte, schickte ihr Mentor sie stattdessen zum Dinner. „Es ist oft wirkungsvoller, mit den Klient:innen einen Whisky zu trinken, als der PowerPoint noch eine Folie hinzuzufügen. Danach kannten und mochten mich alle.“ Expertise ist wichtig. Aber Beziehungen öffnen nun einmal mehr Türen als Folie 47.

Bild: Laura Wünsch. Sie ist promovierte Neurowissenschaftlerin und Gründerin von Neuroscience Consulting. Sie hat Erfahrung als Mentee und als Mentorin. 2025 erschien ihr Buch „Kopfsalat und Bauchgefühl – Mental gesund und resilient durch den Tag“ (Vahlen Verlag, 24,90 €) (Foto: Christian Schlüter)

Mentoring lässt den pinken Sex Elefanten verschwinden

Und das ist nicht nur Barfolklore. Studien zeigen, dass charismatische Präsentationsmerkmale die Chance auf eine Finanzierung erhöhen können, während Businesspläne allein nur schwach mit tatsächlichen Investmententscheidungen zusammenhängen. Die Zahlen müssen stimmen – aber bevor Investor:innen den Plan kaufen, kaufen sie den Menschen dahinter. Für echtes Vorankommen brauche es neben Mentoring vor allem Sponsoring, sagt Laura Wünsch. „Das Wort ist etwas irreführend, hat aber nichts mit Geldgeben oder Fußballvereinen zu tun.“ Mentor:innen sprechen mit dir: Sie beraten, teilen Erfahrungen und fördern deine Entwicklung. Sponsor:innen sprechen über dich: Sie empfehlen dich für Projekte, Beförderungen und Führungspositionen – und setzen dafür ihren eigenen Einfluss ein. Laut „Women in the Workplace 2025“ haben 45 Prozent der männlichen Berufseinsteiger einen Sponsor, aber nur 31 Prozent der Frauen. Von den Beschäftigten mit Sponsor wurden binnen zwei Jahren 65 Prozent befördert, ohne Sponsor nur 35 Prozent.„Die wichtigsten Karriereentscheidungen deines Lebens passieren immer, wenn du nicht im Raum bist“, sagt Laura Wünsch. Deshalb sind offizielle Programme mehr als HR-Konfetti: Sie schaffen Rollen, Regeln und Legitimität. Unterstützt ein älterer männlicher Entscheider informell eine jüngere Frau, könne schnell ein Verdacht mitschwingen. Im formellen Mentoring seien die Rollen dagegen klar: „Dann ist nicht mehr dieser pinke Sex-Elefant im Raum. “Also raus aus dem Club der perfekten, bescheidenen Mädchen. „Perfect is the enemy of good“, sagt Flores. Ihr Rat: nicht warten, bis du wirklich jede Job-Anforderung erfüllst. „Zieh dir den Schuh an, der noch zu groß ist – und such dir Mentor:innen, die dir helfen, hineinzuwachsen.“ Sonst ziehen Kollegen – und hier gendern wir jetzt bewusst nicht – an dir vorbei.

Laura Wünsch, Neurowissenschaftlerin: „DIE WICHTIGSTEN KARRIEREENTSCHEIDUNGEN PASSIEREN IMMER DANN, WENN DU NICHT IM RAUM BIST.“

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