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Atom-Hammer: Amazon lässt die Reaktoren los

Atom-Hammer: Amazon lässt die Reaktoren los
KI-generiert
Erschienen
Lesezeit3 Min · 573 Wörter

Kohle war gestern, jetzt wird gespalten. Amazon finanziert zwölf neue Atomreaktoren in den USA und will damit seinen gigantischen Stromhunger stillen – doch die nukleare Offensive ist eine Wette mit verdammt vielen Unbekannten.

Amazon macht ernst mit der Atomkraft. Auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerks in Indiana soll ein nuklearer Kraftwerkskomplex entstehen, der nicht nur Rechenzentren versorgt, sondern auch Strom ins öffentliche Netz pumpt.

Zwölf Reaktoren statt alter Kohleschlote

960 Megawatt Leistung, zwölf kleine Atomreaktoren und ein Tech-Gigant als Geldgeber: Südlich von Terre Haute soll ein stillgelegter Kohlekraftwerksstandort zum nuklearen Neustart werden. Amazon finanziert die Entwicklung und wird erster Stromabnehmer. Der Energieversorger American Electric Power (AEP) soll die Anlage betreiben, das Unternehmen X-energy liefert die zwölf Reaktoren vom Typ Xe-100. Der Deal ist bereits die zweite kommerzielle Vereinbarung zwischen Amazon und X-energy – und dreimal so groß wie die erste von 2024.

Amazons Stromhunger kennt keine Grenzen

Hinter dem Atomkurs steckt knallhartes Kalkül. Rechenzentren verschlingen gewaltige Strommengen, und Amazon braucht Energie, möglichst rund um die Uhr. Bereits im Oktober 2024 führte der Konzern eine Finanzierungsrunde über 700 Millionen Dollar bei X-energy an. Bis 2039 wollen beide Unternehmen in den USA insgesamt fünf Gigawatt neue Atomkraftkapazität schaffen. Anders als bei manchen Rechenzentrumsprojekten soll der Strom aus Indiana auch ins öffentliche Netz fließen. Amazon sichert sich damit Zugang zu Energie, ohne die Anlage ausschließlich für sich zu beanspruchen.

Große Atomträume, kleine Fortschritte

Doch zwischen Ankündigung und Atomstrom klafft eine gewaltige Lücke. X-energy muss erst beweisen, dass seine Technologie im kommerziellen Maßstab funktioniert. Das erste Kraftwerksprojekt entsteht auf dem Gelände eines Chemiewerks von Dow südöstlich von Houston. In Seadrift sollen vier Xe-100-Reaktoren künftig Strom und Prozesswärme liefern. Gebaut wird allerdings noch nicht. Die Genehmigung befindet sich nach Unternehmensangaben in der Endphase der Prüfung durch die US-Atomaufsicht NRC. Zusätzliche Brisanz: Der Bundesstaat Texas hat wegen mutmaßlich wiederholter Verstöße gegen Wasser- und Abfallvorschriften Klage gegen das Chemiewerk eingereicht.

Mini-Reaktoren, Mega-Risiko

Small Modular Reactors, kurz SMRs, gelten als Hoffnungsträger einer angeschlagenen Atomindustrie. Statt gigantischer Einzelanlagen sollen kleinere, möglichst serienmäßig gefertigte Reaktoren Bauzeiten verkürzen und Kosten drücken. Klingt nach industrieller Revolution. Nur hat die Atombranche mit explodierenden Budgets und jahrelangen Verzögerungen eine ziemlich miserable Bilanz. Experten warnen zudem, dass die erhofften Kostenvorteile durch Serienfertigung möglicherweise erst nach rund zehn Jahren greifen. Bis dahin bleibt das Versprechen vor allem eines: teuer.

Börsenhype trifft harte Realität

Auch an der Börse ist die Atom-Euphorie längst auf dem Prüfstand. X-energy ging im April 2026 mit einem Ausgabepreis von 23 Dollar je Aktie an die Nasdaq. Am ersten Handelstag schoss der Kurs um 27 Prozent nach oben. Danach folgte der Absturz: Seit dem Börsengang verloren die Papiere zeitweise fast zwei Drittel ihres Werts. Die neue Amazon-Vereinbarung sorgte vorbörslich zunächst für ein Plus von rund zehn Prozent. Zum Veröffentlichungszeitpunkt lag die Aktie allerdings bereits knapp zwei Prozent im Minus.

Die Atomwette ist eröffnet

Amazon setzt auf eine Technologie, die den Energiehunger der KI-Ära stillen soll, deren wirtschaftlicher Durchbruch aber noch aussteht. Zwölf Reaktoren auf einem ehemaligen Kohlegelände sind ein gewaltiges Signal. Ob daraus tatsächlich bezahlbarer Atomstrom wird, entscheiden nicht die Milliarden eines Tech-Konzerns, sondern Genehmigungen, Baukosten und die Realität auf der Baustelle. Die Atom-Zukunft wird gerade groß verkauft. Geliefert werden muss sie erst noch.

Günther Suchy

Head of Digital Editorial

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist der promovierte Volkswirt Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Als gelernter Redakteur kennt er den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: An der DHBW Ravensburg leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die staatliche Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder an Universitäten und Hochschulen in aller Welt, u.a. nach Shanghai/China, Chile oder Marrakesh/Marokko. Im Königreich Bhutan lehrte er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College und gab Seminare am Nationalen Olympischen Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“. An der Universität Durban in Südafrika unterrichtet er regelmäßig das Thema "Green Startups" und vermittelt in Praxis-Workshops Know-how zu innovativen Gründerthemen. Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.