Psychologe Christian Montag: “Nichtstun ist ein wahrer Kreativitäts-Inkubator“
Herr Montag, woran erkennen wir, dass wir ein Problem mit unserer Smartphone-Nutzung haben?
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass „Smartphone-Sucht“ keine anerkannte Diagnose darstellt. Viele Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass einige Symptome aus der klassischen Suchtforschung auf dieses neuartige Phänomen übertragbar sind. Damit sind Symptome gemeint wie ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone oder mit Social Media-Anwendungen, auch wenn ich das Handy gerade nicht in der Hand habe. Zusätzlich stellt sich bei manchen Nutzern eine körperliche Unruhe ein, wenn das Smartphone mal nicht genutzt werden kann.
Ab wann wird es problematisch?
Ein Problemverhalten wird es erst dann geben, wenn es zu signifikanten Beeinträchtigungen im Alltag kommt. Im beruflichen Bereich könnte das bedeuten: Wenn wir zu oft zum Handy greifen, haben wir kaum noch längere Einheiten, in denen wir am Stück etwas wegarbeiten können. Wenn wir ständig unterbrochen werden, können wir kaum noch die Konzentration aufrechterhalten. Am Ende des Tages reden wir dann auch über Produktivitätseinbußen.
Smartphones können aber auch sehr hilfreich sein.
Smartphones sind per se weder gut noch schlecht. Um eine richtige Technikfolgenabschätzung zu tätigen, müssen wir uns die Art und Weise der Smartphone-Nutzung anschauen. Die Frequenz macht den Unterschied. Bei einer „normalen oder gesunden“ Nutzung macht mich das Gerät produktiv – ich finde zum Beispiel über eine App einen schnelleren Weg zwischen A und B. Oder denken Sie an Familien, die Weihnachten nicht zusammen verbringen können. Für die ist das Smartphone mit Videochat-Optionen ein Segen.
Und wenn wir es mit dem Smartphone übertreiben? Wie schafft man es, gerade an den Feiertagen, weniger auf das Handy zu schauen?
Grundsätzlich beobachten wir bei der Smartphone-Nutzung eine Gewohnheitsformierung, die über viele Jahre passiert ist. Stellen Sie sich die Situation vor 2007 vor. Damals gab es noch keine Smartphones. Nach der Arbeit standen Sie zum Beispiel an einer Bushaltestelle und haben auf den Bus gewartet. In dieser Situation waren Sie ganz für sich alleine. Vielleicht kam ein Kollege und Sie haben sich mit ihm unterhalten oder Sie haben ein Buch gelesen.
Und heute?
Heute haben viele Nutzer bereits beim Sichten der Bushaltestelle das Smartphone in der Hand. In jeder Situation des Alltags, in der wir früher auch mal Müßiggang erlebt haben, nehmen wir nun reflexartig das Handy in die Hand. Dieses Verhalten haben wir uns über viele Jahre antrainiert und findet oft „unterbewusst“ statt.

Heißt das: Wir müssen Müßiggang erst wieder lernen?
Ja, für viele von uns wird es aber lange dauern, bis wir uns den Smartphone-Reflex wieder abtrainiert haben. Dies ist meines Erachtens eine Voraussetzung für den Müßiggang.
Warum ist es gut, das Handy auch mal in der Hosentasche zu lassen?
Wir wissen aus der Kreativitätsforschung, dass Phasen, in denen wir nichts machen, in denen wir „Mind-Wandering“ betreiben, wahre Kreativitäts-Inkubatoren sein können. In solchen Phasen denken wir etwa über Alltagsprobleme nach und finden hier und da Lösungen. Smartphones nehmen uns zunehmend diese Phasen der Selbstreflexion.
Um diese kreativen Augenblicke mehr zu erleben – was können Sie uns für die Feiertage mit auf den Weg geben?
Eine Hilfestellung wäre in der Familie zu vereinbaren, dass man das Smartphone unter dem Weihnachtsbaum ausmacht. Oder: Am besten bringen wir das Gerät direkt in einen anderen Raum. Eine neuere Arbeit zeigt: Wenn das Gerät nur physisch anwesend ist, zum Beispiel auf dem Tisch liegt, kann es bereits kognitive Ressourcen abziehen. Man ist ständig in Erwartungshaltung, dass auf dem Bildschirm etwas passiert. Selbst wenn das Handy ausgeschaltet ist, beobachten wir den gleichen Effekt.
Und langfristig? Welche Vorsätze für das neue Jahr helfen?
Mehrere Dinge: Zum Beispiel eine Armbanduhr tragen. Wenn ich auf dem Handy nach der Zeit schaue, habe ich es 20 Minuten später immer noch in der Hand – und weiß die Uhrzeit immer noch nicht. Zudem plädiere ich dafür, dass man das Schlafzimmer als Smartphone- und Tablet-freie Zone betrachtet. Denn selbst wenn man das Smartphone nur dazu benutzt, den Wecker zu stellen, fangen viele Nutzer im Bett an, „nur kurz“ bei Social Media etwas nachzuschauen – und auf einmal ist wieder eine halbe Stunde vorbei.
Was hilft im Berufsalltag?
Wenn wir Smartphones nicht hochfrequentiert, sondern strukturiert einsetzen. In einem Experiment wurden zwei Versuchsbedingungen bei Erwachsenen miteinander verglichen. In der einen sollten die Studienteilnehmer E-Mails immer dann beantworten, wenn sie konnten, also wenn möglich auf alles direkt reagieren. In der anderen Bedingung hatten die Teilnehmer, die Aufgabe dieser Tätigkeit strukturiert nachzugehen, das heißt, zum Beispiel einmal etwa um neun Uhr und dann wieder um 16 Uhr. Durch diese Intervention, in denen diese Personen nur zu festen Zeitpunkten mit E-Mails beschäftigt waren, entstand dazwischen auch ein längeres Zeitfenster, in welchem hochkonzentriert ohne Unterbrechungen gearbeitet werden konnte. In dem benannten Experiment führte die strukturierte E-Mail-Bedingung auch zu weniger Stress und mehr Wohlbefinden.
Heute haben wir es nicht nur mit E-Mails zu tun, sondern auch mit Benachrichtigungen über Whatsapp, Instagram oder den Facebook-Messenger. Würden Sie uns empfehlen auch für diese Dienste bestimmte Slots im Alltag einzurichten?
Da Sie Whatsapp ansprechen: Ich finde dieser Dienst wendet einen besonders perfiden Mechanismus an. Stichwort „Nudging“: Dieser Begriff stammt aus der Verhaltensökonomik und bedeutet so viel wie eine Person durch eine Standardeinstellung im Systemdesign, in eine bestimmte Richtung zu schubsen oder zu lenken. Nudging kann durchaus positiv eingesetzt werden, zum Beispiel in einer Kantine. Wenn Sie dort in der Quengelzone Obst parken, dann ernähren sich die Mitarbeiter gesünder. Wenn Sie dort aber den Schokoriegel haben, wie in einem Supermarkt, dann greifen die Mitarbeiter auch eher zu mehr Süßigkeiten.
In Bezug auf Whatsapp bedeutet das was?
Die Standardeinstellung eines Systems gibt vor, wie sich Menschen verhalten. Die vorinstallierte Doppelhaken-Funktion bei Whatsapp spielt hier eine entscheidende Rolle. Wenn ich Ihnen eine Nachricht schicke und an dem Doppelhaken sehe, dass Sie diese gelesen haben, entsteht bei Ihnen sozialer Druck. Denn Sie wissen: Ich habe gesehen, dass Sie die Nachricht gelesen haben, und erwarte, dass Sie gleich antworten. Das sind Mechanismen, um möglichst viele Daten und eine hohe Verweildauer auf der Plattform zu schaffen. Die Betreiber solcher Plattformen haben ein Interesse daran, dass sie möglichst schnell und viel Traffic generieren. Dadurch lernt Sie Whatsapp besser kennen. Natürlich lässt sich die Doppelhaken-Funktion auch ausstellen. Aber das machen die meisten Menschen nicht. Die Standardeinstellung ist einfach zu mächtig.
Wie gehen Sie damit um?
Ich habe alle Nachrichten, die über Messenger auf meinem Smartphone reinkommen, auf stumm geschaltet – bis auf die von meiner Frau. Dadurch werde ich nicht dauernd durch eintrudelnde Nachrichten abgelenkt. Zusätzlich habe ich übrigens auch die Doppelhaken-Funktion ausgestellt.
Wie verändern Smartphones unser Leben? Damit hat sich Christian Montag ausführlich in seinem Buch „Homo Digitalis“ beschäftigt. Darin geht er der Frage nach, warum wir immer mehr Zeit mit Smartphones verbringen – und ob digitale Welten tatsächlich unser Gehirn verändern. Mehr Infos hier.
