Ablage Die Influencer-Revolution: Warum Substanz wieder sexy ist.

Die Influencer-Revolution: Warum Substanz wieder sexy ist.

Im Zeitalter von „AI Slop“ wandelt sich das alte Reichweiten-Modell der Creator Economy. Algorithmen, Suchmaschinen und zahlende Kunden belohnen jetzt echte Expertise. Die Folge: Eine neue Creator-Klasse übernimmt die Feeds – nicht trotz ihrer Nische, sondern wegen ihr.

Gastbeitrag von Alina Ludwig

Es ist 2026, und wer heute durch seinen Instagram- oder TikTok-Feed scrollt, erlebt ein digitales Delirium. Wir waten knietief in belanglosem Quatsch-Content und sogenanntem „AI Slop“ – massenhaft produzierte, minderwertige Inhalte, die von generativer KI erstellt werden. Laut Prognosen von Europol könnten künftig bis zu 90 Prozent aller neu veröffentlichten Web-Inhalte KI-generiert sein. Die New York Times fand heraus, dass bereits heute bis zu 40 Prozent der YouTube-Empfehlungen für Kinder KI-Quellen entspringen. Die Formel dahinter ist simpel: trivialer Content, der auf einfachste Reize setzt und Reichweite um jeden Preis gewinnen will.

Doch jede Entwicklung kennt ihre Gegenbewegung. Es passiert etwas, das sich anfühlt wie eine digitale Erlösung: Substanz ist plötzlich wieder sexy in Social Media. Das Publikum wird zunehmend ermüdet von der Banalität in den Feeds und belohnt als Gegenreaktion Inhalte mit Tiefgang und Creator mit thematischer Autorität. Eine neue Gattung ist auf dem Vormarsch: der Credibility Creator.

Was ist ein Credibility Creator?

Credibility Creator sind keine klassischen Influencer-Persönlichkeiten, sondern Menschen, die ihre Expertise, die sie oft über Jahre in der „echten“ Welt erworben haben, nun über digitale Kanäle teilen und monetarisieren. Es sind Ärztinnen, Anwälte, Handwerker und Gründerinnen, die ihre Nische besetzen – oder im Fall von HerrAnwalt sogar auf TikTok für viele Zuschauer mehr für News stehen als die Tagesschau. Aber auch Autodidakten, die sich tief in ein Thema eingearbeitet und auf dieser Basis eine Personal Brand aufgebaut haben.

Beispiele DACH:

• Dr. Emi Arpa (@dr.emi, ~644K Follower auf Instagram): Die approbierte Dermatologin mit eigener Praxis in Berlin klärt über Hautmedizin auf und vertreibt mittlerweile eigene Skincare-Produkte.

• Laurin Bock / Der Holzbock (@derholzbock.official, ~500K Instagram): Der Zimmerermeister mit eigenem Betrieb zeigt Handwerk, wie es wirklich ist – und wurde von ZEIT Campus zu den 30 prägendsten Köpfen unter 30 gewählt.

• Saskia Schlemmer / Die Scheidungsanwältin (@diescheidungsanwaeltin, ~125K Instagram): Die Familienrechtsanwältin holt Rechtsthemen rund um Ehe und Familie aus dem Elfenbeinturm und ist mittlerweile Spiegel-Bestseller-Autorin.

• Dejan Garz (@dejangarz, ~1 Mio. Instagram): Der Friseurmeister begeistert mit ehrlichen Tipps zur Haarpflege und ist als Gründer einer eigenen Haarpflegemarke im Handel erfolgreich.

• Tim Hendrik Walter (@herranwalt, plattformübergreifend 9 Mio.) dürfte einer der relevantesten Creator im DACH-Raum sein. Laut einer Appinio-Umfrage aus dem November 2024 kennen 92% der Generation Z und Y HerrAnwalt – womit er Platz 1 aller abgefragten Creator belegte.

Beispiele International:

• Ali Abdaal (@aliabdaal, ~6.5 Mio. YouTube): Startete als Medizinstudent in Cambridge einen YouTube-Kanal und wurde zur globalen Instanz für Produktivität.

• CatGPT / Catherine Goetze (@askcatgpt, ~530K TikTok): Die Stanford-Absolventin macht komplexe KI-Themen massentauglich, ohne an Tiefe zu verlieren.

• Caroline Winkler (@thegoodsitter, ~1 Mio. YouTube): Ausgebildete Programmiererin, die Interior Design zu ihrem zweiten Beruf machte und Ästhetik mit Analyse verbindet.

Dass Creator auf Social Media ihr Wissen teilen, ist natürlich nicht neu und die Barriere, aus Expertise ein skalierbares Business zu machen, ist so niedrig wie nie: Sowohl der Zugang als auch die Kosten für Content-Produktion sinken von Jahr zu Jahr, ebenso wird die Monetarisierung – etwa via Substack und Patreon – immer einfacher. Doch es gibt drei fundamentale Kräfte, die den Credibility Creatorn gerade jetzt einen neuen Boom verschaffen.

Von der Attention Economy zur Credibility Economy

Der Strukturwandel lässt sich in zwei Begriffen fassen: Weg von der Attention Economy – Reichweite um jeden Preis – hin zur Credibility Economy: Vertrauen durch belegbare Expertise. Dass Informationsautorität heute kein Buzzword mehr ist, sondern das neue Fundament, liegt an drei Verschiebungen, die weit über einen flüchtigen Trend hinausgehen.

1. Der strukturelle Filter: Von SEO zu GEO

KI verändert fundamental unser Online-Suchverhalten und wie Unternehmen und Marken gefunden werden. ChatGPT, Gemini oder Claude müssen entscheiden: Wen empfehle ich und wen zitiere ich als Quelle? Genau hier wird das E-E-A-T-Framework (Experience, Expertise, Authoritativeness, Trustworthiness) zur härtesten Währung im Netz. Denn KI-Suchsysteme bewerten Quellen nach deren Zitierfähigkeit – und zitierfähig ist nur, wer nachweisbare Expertise mitbringt. Credibility Creator werden damit zu wichtigen Quellen der neuen Suchmaschinen. Für Marken bedeutet das: Wer mit zitierfähigen Creatorn zusammenarbeitet, sichert sich Sichtbarkeit in einer Welt, in der Algorithmen nicht mehr nur Reichweite belohnen, sondern Informationsautorität.

2. Die technologische Selektion: Algorithmische Tiefe

Plattformen wie TikTok oder YouTube haben ihre Metriken radikal verschoben: Algorithmen messen heute nicht mehr nur den schnellen Klick, sondern die Qualität der Verweildauer. Laut aktuellen Analysen von Sprout Social und vidIQ (2026) gewichten TikTok und YouTube Saves, Shares und Completion-Rate inzwischen deutlich stärker als reine Klick- oder Like-Zahlen – fachspezifischer Content, der „durchgearbeitet“ wird, korreliert stärker mit nachhaltigem Wachstum als virale Kurzzeit-Hits. Heutzutage suchen Algorithmen nach der menschlichen Signatur – nach Inhalten, die einen erkennbaren Aufwand an Recherche, Erfahrung und Fallhöhe aufweisen. Wer nur oberflächlich entertaint, verliert langfristig an Sichtbarkeit und Relevanz.

3. Der ökonomische Hebel: B2B erobert das Creator Marketing

Was lange eine B2C-Domäne war, professionalisiert sich im Business-Kontext mit brachialer Geschwindigkeit. Laut dem Corporate Influencer Summit 2025 existieren in der DACH-Region bereits über 157 aktive Corporate-Influencer-Programme – und 63 Prozent planen den weiteren Ausbau. 73 Prozent der B2B-Entscheider halten Thought-Leadership-Content für weitaus vertrauenswürdiger als klassisches Marketing (Edelman, 2025). Und diese Glaubwürdigkeit schlägt direkt in harte Zahlen um: 60 Prozent der Entscheider geben an, für die Expertise eines anerkannten Nischen-Creators einen Preisaufschlag zu zahlen. Wahre Autorität erzeugt Pricing Power.

Was einen Credibility Creator ausmacht

Diese Sortierung begünstigt eine Klasse von Creatorn, die sich über drei Kriterien definiert:

  1. Ein Proof of Concept jenseits der Plattform schafft Legitimation – Approbation, Meisterbrief, ein erfolgreicher Exit oder echte Berufserfahrung.
  2. Direkter ROI für die Audience: Der Content bietet Wissensvorsprung oder Problemlösung statt bloßem Entertainment.
  3. Expertise vor Privatleben – das Wissen steht im Zentrum. Die Persönlichkeit des Creators ist eher Vehikel als Fixpunkt. Das Motto lautet nicht: „Schau dir mein Leben an“, sondern „Schau, was ich verstanden habe.“

Die Gegenthese: Wenn Expertise zur Maske wird

Doch Vorsicht vor den „Fake-Experten“. Wer ehrlich ist, muss zugeben: Expertenstatus ist heute auch ein Content-Format. Wer auf LinkedIn verlässlich Fachbegriffe einbaut und Studien-Screenshots postet, simuliert oft nur Substanz. Besonders heikel wird das beispielsweise, wenn es um sensitive Empfehlungen im Finanz- oder Medizinbereich geht: In Letzterem nennen sich auch Medizinstudenten gerne mal „Doc Alex“ und suggerieren eine Autorität, die sie de facto (noch) nicht besitzen.

Zudem zeigt die Source Credibility Theory (Hovland, Janis & Kelley, 1953) auch: Expertise allein reicht nicht. Fachwissen erzeugt häufig Distanz und ohne emotionale Zugänglichkeit bleibt der Experte ein fremder Kopf im Elfenbeinturm. Wir vertrauen Menschen nicht nur, weil sie klug sind, sondern weil wir glauben, dass sie unsere Probleme verstehen.

Erfahrung ist nicht kopierbar

Wer eine Credibility-Creator-Karriere im Blick hat, kann auf Persönlichkeit also nicht verzichten. Jack Conte, CEO von Patreon, hat es auf den Punkt gebracht: Wer Information reproduziert, konkurriert mit Google und KI. Wer hingegen seine gelebte Erfahrung teilt, hat keine Konkurrenz – denn niemand sonst hat dasselbe Leben gelebt.

Genau das ist auch die entscheidende Trennlinie für Marken: Die drei tektonischen Verschiebungen – algorithmische Belohnung von Tiefe, KI-Suchsysteme, die Autoritäten zitieren, und ein professionalisierter B2B-Creator-Markt machen Credibility Creator zum strategischen Asset. Die Frage bei der Creator-Auswahl lautet dann nicht mehr „Wie viele Follower hat diese Person?“, sondern: „Besitzt diese Person ein Informations- und Vertrauensmonopol in ihrer Nische, das wir als Marke hebeln können?“

Wer das versteht, kauft Glaubwürdigkeit. Und die ist im Zeitalter des Content-Slops das wichtigste Gut überhaupt.

Lust auf mehr? Am 4. Mai findet das Branchentreffen der Creator Economy in der Hamburger Fischauktionshalle statt. Auf dem 9:16® Summit spricht Alina Ludwig mit Emma Svenningson, L’Oal Manager Simon Preuß und Zum Goldenen Hirschen Valley CEO Jonathan Goutkin zum Thema „Driving the Creator Economy: Wie L’Oréal mit über 6.000 Creators jährlich zusammenarbeitet.“ – das gesamte Programm des 9:16® Summits gibt’s hier.

Über die Autorin: Alina Ludwig hostet den Podcast Influence!, in dem sie wöchentlich mit den wichtigsten Köpfen der Creator Economy über Strategie, Daten und die Zukunft des Marketings spricht. Ihr Buch Influence! ist im Haufe Verlag erschienen.

Quellen:

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