Ablage Meer als Büro: Wie das Verlassen des Arbeitsplatzes den Ideenfluss fördern kann

Meer als Büro: Wie das Verlassen des Arbeitsplatzes den Ideenfluss fördern kann

Dann schaltet José einen Gang zurück und beleuchtet erst einmal die Balearen als Ganzes. „148 Inseln“, sagt José. Man würde ja meistens nur fünf kennen, und ich denke, dass ich gerade mal drei namentlich zusammenbekomme, behalte das aber lieber für mich. Nicht gleich am zweiten Tag als Trottel bekannt sein, der sich seit Jahren schwertut, auch nur einen Fuß vor die Stadtgrenze Berlins zu setzen.

José erzählt weiter: Vor genau 50 Jahren sind die Blumenkinder, wie er wunderbar altmodisch sagt, nach Formentera gekommen. Pink Floyd, Bob Dylan, Jimmy Page hat noch immer hier ein Haus. Damals ließen die sich hier inspirieren – so wie ich! King Crimson, die unwichtigsten der Reihe, haben hier sogar ein schwieriges Konzeptalbum aufgenommen.

Ich frage mich, ob es in 50 Jahren wasserstoffgetriebene Touristenbus-Pods geben wird, in denen dann Rentner der Jugendkultur des Jahres 2019 nachspüren wollen. Besuche bei ikonischen Veganern, legendär Depressiven, erfolgreichen Langstreckenflugverbietern.

Tatsächlich inspirierend wird es dann aber beim sagenumwobenen Künstler ­Firefox, einem deutschen Rentner, der seit Menschengedenken am Straßenrand der einen Inselstraße sitzt und stoisch Bild um Bild malt. Er trägt Gehörschutz, weil die Touristenbusse ihn anhupen, damit er kurz zu ihnen hinaufguckt. Als wäre er ein Fisch im Aquarium, dem man an die Scheibe klopft. José erklärt, dass die mittlerweile gealterten Blumenkinder auf der Insel „Survivor“ genannt werden. Mood: Wenn Firefox es schafft, seit Jahren Kunst an Urlauber zu verticken, werde ich doch wohl bitte die Resilienz aufweisen, eine Plattform neu aufzubauen.

Wieder an Bord, setze ich mich gleich in meine Kabine. Später läuft das Schiff aus, was ich ohne die Durchsage vom Captain gar nicht mitbekommen würde. Der Captain hat die entspannteste Stimme der Welt und klingt, als wüsste er selber nicht so richtig, was er sagen soll. „Jaaaa, einen schönen Abend zusammen.“ Dann sagt er den Satz, den er die folgenden Tage immer wieder durchsagen wird: „Genießen Sie das Boot, genießen Sie den Service, genießen Sie das Leben.“ Er seufzt die Wörter, es ist nur eine kurze Erinnerung, nicht einmal ein Angebot, auf gar keinen Fall ein Befehl. Denn ohnehin hat sich hier jeder schon dafür entschieden, das Leben sehr zu genießen. Wir schleichen danach lautlos über das Wasser.

Am Morgen versuche ich an Deck, mir ein paar Claims für Deliverdog auszudenken, und bin dabei gefühlt komplett alleine an Bord. Alle anderen sind beim Essen. Dann überfährt mich vom Nachbardeck eine mächtige Synthesizer-Welle, als würde man kurz einen Teppich ausklopfen und wieder hinlegen. Grundton mit Sexten und Nonen, ein unentschiedener Hauch-Sound, der im Zusammenspiel mit der Tupf-Bassdrum diesen „unbeschwerten“ und lebensbejahenden Klang ergibt, wo alles „gut“ ist.

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