Ablage Meer als Büro: Wie das Verlassen des Arbeitsplatzes den Ideenfluss fördern kann

Meer als Büro: Wie das Verlassen des Arbeitsplatzes den Ideenfluss fördern kann

Schiller probt

Richtig, Elektrokünstler Schiller ist an Bord und probt für die Show am Abend. Seit dem ersten Tag steht Schiller auf Gängen herum und hat irgendwas zu besprechen. Oder ein Fan hält ihn an, und Schiller nimmt sich Zeit für einen kurzen Talk. Das kann mich täuschen, weil ich an Bord bereits drei andere Männer gesehen habe, die ungefähr so aussehen wie er: groß, Glatze, Brille mit Rand, unter anderem auch der Bordpianist, der jeden Nachmittag schöne Melodien zu Kaffee und Kuchen untermalt und auch das Treffen für Alleinreisende musikalisch begleitet.

Später am Vormittag kann ich ein paar Minuten mit Schiller reden. Er sagt, dass er seit Jahren keinen festen Wohnsitz mehr hat. Seit vor knapp 20 Jahren sein erstes Album „Weltreise“ Ultraplatinstatus bekommen hat und alle weiteren Projekte souverän Platz eins der Albumcharts abonniert haben, kann er sich aussuchen, von wo aus er arbeitet. Lange bevor es den Begriff Digitalnomade gab, saß er schon mit Midi-Keyboard und Laptop an exotischen Orten und hat Alben produziert. Neulich war er auf einem Expeditionsschiff.

Es ist ein interessantes Gespräch, weil das Gefälle zwischen nachweislichem langjährigem Welterfolg hin zu Deliverdog gigantisch ist.

(Credits: Alexander Langer)

Problem vertagen

Aber Schiller hat tatsächlich ein paar Tipps parat. Zum einen hat er gelernt, sich ex­trem zu konzentrieren und in Schüben zu arbeiten. „Alles ausblenden und machen“, sagt Schiller. Er ist seit Beginn der Reise noch keinmal an Land gewesen, hat es auch nicht vor. Das stimmt, andauernd wimmeln Leute um ihn herum, die dann nach dem Gespräch anfangen, Palmen zu verrücken oder Sachen zu verkabeln. ­Außerdem muss einer wie Schiller bestimmt nicht zum x-ten Mal Cannes sehen.

Er sagt, dass er sich die ersten Jahre gefreut hätte, dass Arbeiten von überall und zu jeder Zeit möglich sei. Aber mittlerweile hat er das Gefühl, dass daraus ein Problem entsteht: „Das Problem des Vertagens. Wenn ich bei einem Stück nicht weiterkomme, dann klappe ich den Laptop zu und mache es morgen – vielleicht. Ich komme vielleicht nicht weiter, verliere aber in dem Moment nicht mein Gesicht.“ Ich fühle mich sehr ertappt. Schiller sagt, dass keine Logistik dranhängt und somit auch keine Verbindlichkeit entsteht. Das macht das Arbeiten schwieriger. Deswegen mietet er sich mittlerweile in Studios ein, wo er weiß, dass die nächste Band draußen schon auf die Uhr guckt. „Da ist keine Zeit, nebenbei noch zu telefonieren oder E-Mails zu lesen.“ Beim Wohnsitz will er sich weiterhin nicht festlegen, beim Arbeiten lieber schon, und ich sehe, dass ich mich wohl echt an einem Ort mit zu vielen Verführungen befinde.

Aber am Ende ist es nicht das Wo, sagt Schiller, sondern das Wie. Er sagt nicht „Mindset“, aber der Begriff steht groß im Raum: „Neugier auf die Welt ist wichtig“, sagt er. „Das ist der Ausgangspunkt.“ Gut, neue Geschäftsidee: Müsste es nicht statt Motivationsseminaren lieber Neugierseminare geben, wo Menschen lernen, wieder ein gesundes Interesse an Dingen zu entwickeln? Schiller findet die Idee gut. Aber er hat eben auch die Show am Abend und muss jetzt echt los.

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