Ablage Vom türkischen Gastarbeiterkind zur Venture-Capital-Investorin

Vom türkischen Gastarbeiterkind zur Venture-Capital-Investorin

Sevilay Wilhelm hat sich vom Kind türkischer Gastarbeiter zur Venture-Capital-Investorin im Climate-Tech-Sektor entwickelt. Heute unterstützt sie gezielt Gründerinnen und setzt auf Innovationen in Bereichen wie nachhaltige Lebensmittel und Gesundheit. Warum sie bei Investments auf Charakter statt auf große Auftritte setzt und weshalb Verträge auch unter Freunden unverzichtbar sind, erklärt sie im Gespräch.

Text – Franca Lehfeldt

Frau Wilhelm, nach 25 Jahren als Unternehmerin sitzen Sie auf der anderen Seite des Tisches. Wie findet man, gerade als Frau, den Weg in diese Branche?

Rückblickend war es eine glückliche Überschneidung meiner beiden Leidenschaften. Als Unternehmerin habe ich erlebt, wie essenziell Kapital für die Entwicklung eines Unternehmens ist. Gleichzeitig faszinierten mich Themen wie der Klimawandel und erneuerbare Energien. Was als privates Investment im Freundeskreis begann, wurde zur professionellen Überzeugung: Wer im Klimaschutz etwas bewegen will, muss dort investieren.

Können Sie von Ihrem ersten Deal erzählen?

Mein erstes Investment war 2017 im Bereich Elektromobilität für den Logistiksektor. Warenkühlung via Solarpanels auf Lkw-Dächern – eine Idee, die später viele Retailer übernahmen. Wir investierten 500.000 Dollar in ein Joint Venture der Türkei und Großbritanniens. Wir hoffen Ende des Jahres auf einen erfolgreichen Exit.

Viele trennen Business und Privates strikt. Sie auch?

Ein erfahrener Freund sagte mir mal: „Freundschaft ist etwas anderes als Wirtschaft. Wir brauchen von Anfang an feste Verträge. Die sind für schlechte Zeiten, aber wenn wir sie brauchen, weiß jeder, woran er ist.“ Heute handhabe ich das genauso: Bei Investments mit Freunden gibt es von Anwälten ausgehandelte Verträge. Einfach um dieses wertvolle Gut der Freundschaft zu schützen.

Business Punk: Mit Ihrem Unternehmen Beyond Equal fokussieren Sie sich auf Climate Tech und weibliche Start-ups. Ein Goodwill-Projekt?

Nein, das ist keine philanthropische Arbeit, ich will damit Geld verdienen. Ich habe mich früh für Climate Tech und Frauenrechte interessiert, dann bin ich über einen UNIDO-Bericht gestolpert: Frauen und Kinder sind am stärksten vom Klimawandel betroffen, werden aber am wenigsten unterstützt. Das war für mich der Auslöser, beides zusammenzubringen. Zudem werden Frauen ökonomisch unterschätzt. Eine BCG-Studie zeigt: Frauen generieren pro investiertem Dollar 78 Cent Umsatz, Männer nur 31 Cent. Trotzdem bekommen Frauen weniger Kapital. Wir geben Gründerinnen den Vorrang, wenn Produkt und Skalierbarkeit gleichauf sind.

Business Punk: In welchen Innovationsfeldern sehen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren das meiste Investmentpotenzial?

Ich fokussiere mich auf Food und Gesundheit. Der Klimawandel wird die Lebensmittelproduktion und -verfügbarkeit stark unter Druck setzen, Nahrung wird knapper und teurer. Im Food-Bereich interessieren mich deshalb vor allem Innovationen, die Ressourcen sparen: Technologien, die deutlich weniger Wasser benötigen oder pflanzenbasierte Entwicklungen. Ich bin mir sicher, dass auch große Konzerne längst an Alternativen arbeiten, die das kompensieren sollen, was heutige Systeme anrichten.

Business Punk: Was muss ein Gründer mitbringen, damit Sie investieren?

Der Unternehmer steht bei mir im Mittelpunkt. Wie lernbereit ist die Person? Was hat er oder sie selbst investiert? Was ist die Vorgeschichte und wie tief ist der Gründer in seinem Markt verwurzelt? Ich habe ironischerweise mehr Geld an Menschen verloren, die in Räume gekommen sind und wirkten, als hätten sie die Welt erobert. Man denkt: „Die wissen, was sie tun.“ Und dann verliert man Geld. Frauen dagegen liefern oft 110 Prozent, verkaufen aber nur 40 Prozent.

Business Punk: Ihre Begleitung als Mentorin hat etwas von einer Mutter mit vielen Kindern. Entsteht da eine intensive Bindung?

Der Vergleich passt. Ich habe als Unternehmerin alle Höhen und Tiefen durchlebt. Fehler, die damals schmerzhaft waren, lassen mich heute schmunzeln. Dennoch: Man sollte Gründer nicht von diesen Fehlern abhalten. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen – genau wie Kinder. Mein Job ist es, die Weichen so zu stellen, dass die Fallhöhe nicht zu groß wird. Ich helfe beim Netzwerken, der Struktur und begleite moralisch schmerzhafte Prozesse wie Downsizing. Investoren wollen Ordnung sehen: Verträge, Verbindlichkeiten, Auskünfte an einem Ort. Chaos schreckt ab. Erfolg ist für mich untrennbar mit charakterlicher Weiterentwicklung verbunden.

Business Punk: Sie sind in München aufgewachsen, haben türkische Wurzeln. Ist das ein Wettbewerbsvorteil beim Risiko?

Absolut. In der Türkei steht die Familie geschlossen hinter dir, wenn du fällst. Ein Fehler ist dort nie Versagen eines Einzelnen, sondern eine Herausforderung für die gesamte Familie. Das reduziert die Angst vor dem Nichts. Als Gastarbeiterkind der ersten Generation habe ich mich immer zugehörig gefühlt. Ich glaube nicht, dass ich jemals bewusst Rassismus erlebt habe – im Gegenteil. Und doch war man anders. Und der Wille, aus diesem „Anderssein“ herauszukommen, hat zu einer höheren Risikobereitschaft geführt. Deshalb bin ich nicht den klassischen Weg der Anstellung gegangen. Ich trage beide Welten in mir: deutsche Präzision und türkische Mentalität.

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