Ablage Südtirol: Da, wo es brummt

Südtirol: Da, wo es brummt

Ein Blick in die jüngere Vergangenheit Südtirols ist erstmal hilfreich. Nichts hier ist über Nacht aus dem Boden geschossen, Beharrlichkeit und ein selbstverständlicher Fleiß haben Südtirol dahin geführt, wo es heute steht: oben.

Dyfed Loesche kann das bestätigen. Der Datenjournalist hat sich intensiv mit Italien beschäftigt und für das Statistische Bundesamt gefühlt bis zur vierten Stelle hinterm Komma alles berechnet: Südtirol, die nördlichste Provinz der Republica Italia, hat das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Das Ergebnis veröffentlichte er in seiner Studie „Wo in Italien die Wirtschaft brummt“. Das war vor knapp zehn Jahren.

Fest steht, auch heute nimmt Südtirol in Sachen Kaufkraft und Vermögen im italienischen und europäischen Vergleich einen Spitzenplatz ein. Sicher ist auch, dass diese Position – wie im Goldlöckchen-Szenario – nicht zu langsam gewachsen ist und erst recht nicht zu schnell gereift und schon gar nicht Ergebnis eines Rechenfehlers.

Südtirol kennt nur eine Richtung: steil nach oben

Die wirtschaftliche Entwicklung kennt dort seit Jahren (eigentlich Jahrzehnten) nur eine Richtung. Nach oben. Warum aber ist das so? Schaut man genauer hin, bemerkt man schnell: Südtirol liegt an einem besonderen Punkt zwischen Sprach- und Kulturräumen, noch in den Bergen und doch am Tor, gen Süden und gen Norden. Aus einer ungemütlichen Situation „dazwischen“ haben seine Bewohner, versehen mit Disziplin und Handschlagqualität das Beste aus den Welten herausgeholt. Man hat sich hier nicht nur einfach angepasst. Dennoch ist man bescheiden geblieben, keine lauten Töne, Pomp und Trara, keine Luftsprünge. Und vielleicht ist gerade das der Grund, warum diese unbekannteren Seiten die eigentliche Stärke Südtirols sind.

Mehr als „fließend Warmwasser“

Die bekannteren Seiten Südtirols werden auch so schon innig geliebt. Das Urlaubsversprechen, das in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders noch „fließend Deutsch und Warmwasser“ war, hat sich heute zu einer komplexen, multidisziplinären Aufgabe entwickelt, die offensichtlich gut beherrscht wird. Von den acht Millionen Gästen im Jahr 2024 kommen sehr viele immer wieder. Fragt man sie nach ihren Gründen, sind es vor allem die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Südtiroler. Bei rund 12.000 Betrieben kann man guten Gewissens von einer gelungenen Gemeinschaftsleistung sprechen.

High-Tech im Alpenland Südtirol

Südtirols großer Vorteil ist seine Autonomie

Die Volkswirte der Investmentbanken machen einen weiteren Vorteil aus: Die Autonomie. Denn seit mehr als 50 Jahren – ganz genau seit 1972 – ist Südtirol autonom, von der Regierung in Rom in vielen Dingen unabhängig. Entscheidungen, die die Bereiche Bildung, Kultur oder öffentlichen Nahverkehr betreffen, werden lokal gefällt. Damit können Gelder zielgerichtet und effizient eingesetzt werden.

„Die Geschichte war prägend für das, was Südtirol heute ist“, sagt Erwin Hinteregger, CEO des Wirtschaftsentwicklers IDM Südtirol. In seiner Funktion ist er seit 2019 für die nachhaltige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Südtirol und der Marke „Südtirol“ verantwortlich. Mit Geschichte meint er die Brücke zwischen kulturellen Gegensätzen. Zwischen gewachsenen Traditionen und gegenwärtigen Strömungen. Zwischen tiefen Wurzeln und neuen Identitäten. Ein Blick in seine Vita zeigt, warum gerade er die Marke auch international gut repräsentieren kann: Hinteregger ist sehr bodenständig auf einem Bauernhof in Lüsen, einem Ort mit gera-de mal 1.500 Einwohnern, aufgewachsen. Danach jedoch hat er jedoch einiges von Welt gesehen. Für Global Player wie den Multimilliarden-Konzern Mars war er in den USA, ebenso für das Brillen-Imperium Luxottica (u.a. Ray-Ban, Prada), bevor er nach Europa zurückkehrte und in Hamburg den Tchibo-Konzern mit leitete.

Vom Tourismus zum Innovations- und Wirtschaftsstandort

Still und leise hat sich die Region gewandelt und ist so neben einem beliebten Tourismusziel auch zu einem Innovations- und Wirtschaftsstandort geworden. Dass die mehr als 20.000 Bauern und Bäuerinnen erfolgreich arbeiten und wirtschaften, dürfte bekannt sein: Sie haben gezeigt, dass auch viele kleine Betriebe mit Beharrlichkeit und Zusammenarbeit in der 7.300 Quadratkilometern großen Region zu einem kleinen Riesen wachsen können. In Südtirol kommt man schnell ins Tun, der Konjunktiv interessiert die Menschen hier nicht. Südtirol, so Hinteregger, hat sich die Vision gegeben, zum „begehrtesten nachhaltigen Lebensraum Europas“ zu werden. Dabei stützt der CEO von IDM Südtirol seine Markenführung auf drei Säulen: Innovation, Nachhaltigkeit, Qualität. Drängt man ihn zu konkretisieren, was er damit meint, versteht es jeder: „Wirklich gut ist nur, was auch gut für die Zukunft des Landes ist. Wirklich gut ist nur, was für alle gut ist.“

„DIE GESCHICHTE WAR PRÄGEND FÜR DAS, WAS SÜDTIROL HEUTE IST.“ (Erwin Hinteregger, CEO des Wirtschaftsentwicklers IDM)

Heimat Südtirol für echte Unternehmer

Auf die Frage, wie viele Reisetage er in den knapp 25 Jahren auf Seiten der Großkonzerne hatte, muss Hinteregger kurz überlegen. Nach einer Weile antwortet er knapp: „3.800 Reisetage, mehr als 50 Länder“. Punkt. Aus. Schluss. Warum er aber wieder zurück nach Südtirol ist? „Das Land hat mir in meiner Kindheit sehr viel gegeben und ich durfte in meinen internationalen Jobs viel lernen“, sagt er. Nun ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Und das will nicht nur er. In den Vereinen, bei Feuerwehren, in den Konsortien organisieren und helfen sich die Menschen. Das klingt nach Gemeinschaft. Niemand macht aber groß Aufhebens darum, sie feiern – laut Hinteregger – schon immer mehr „nach innen“.

Südtirol punktet mit Weltmarktführern und Start-up-Szene

Hinteregger ist keiner, dem das reicht. Er will mehr. Zusammen mit Hunderten von Unternehmen startet er in die nächste große Entwicklungsphase. „Nun starten wir die nächste Phase: Internationalisierung“, erklärt Hinteregger, der im Kopf schon im Jahr 2035 ist. Er will die Marke noch internationaler aufstellen, die Unternehmen sollen noch mehr expandieren. Mit diesen Gedanken und Plänen steht er nicht allein da. Heiner Oberrauch, der Gründer des Outdoor-Konzerns Salewa etwa sagt: „Seit jeher führe ich die Gruppe enkeltauglich“. Heißt: Er trifft alle Entscheidungen unter der Prämisse, welche Auswirkungen sie in 20, 30, 40, Jahren haben. Das Problem unserer Zeit sei das kurzfristige Denken, findet der Unternehmer. Das sei der große Unterschied zwischen inhabergeführten Unternehmen, die in Generationen denken würden. Politiker oder Vorstandschefs von börsennotierten Unternehmen müssten die nächste Wahl gewinnen, das beste Quartalsergebnis der Geschichte vorweisen. Oberrauch hingegen will nur so wirtschaften, dass auch seine Enkel noch etwas davon haben.

Weltmarktführer „im Schnee“

Die Strategie geht auf. Ein paar Beispiele: Der Druckmaschinenhersteller Durst steigerte allein den vergangenen fünf Jahren den Umsatz um 70 Prozent. Technoalpin ist seit vielen Jahren Weltmarktführer bei Schneegeräten. Nun kommt in Bozen noch eine ansehnliche Start-up-Szene hinzu. Auch die Preisträger der Manager des Jahres lesen sich wie das Who-is-Who der Business-Szene. 2024 stand Bernhard Schweitzer, Chef der internationalen Schweitzer-Gruppe, ganz oben auf dem Podium. Zuvor waren es Matthias Moser, Chef von Italiens größter Autogruppe Eurocar, und Josef Gostner, der Windräder und Wasserkraftwerke baut. Ihnen fällt es laut deutschen Headhunter-Agenturen besonders leicht, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Hohe Lebensqualität und die höchste Kaufkraft Italiens

Mit entscheidend dafür ist auch die hohe Lebensqualität in Südtirol. Die Provinz hat im Jahr 2024 mit 28807 Euro je Einwohner die höchste Kaufkraft in Italien – vor Mailand und Bologna. Vielleicht noch schnell zur Erklärung: Die Kaufkraft bezeichnet das verfügbare Einkommen – ohne Steuern und Sozialabgaben. Von dieser Kaufkraft, also dem was übrigbleibt, werden alle Ausgaben für Essen, Wohnen und Co bestritten.

Nettovermögen pro Kopf über EU-Durchschnitt

Auch der Besitz – Immobilien, Bankeinlagen, Wertpapiere – ist in Italien nirgendwo höher als in Südtirol. Im Schnitt verfügt jede und jeder über mehr als eine Viertelmillion an Vermögen. Vom Baby bis zum Greis. Wir von Business Punk wollen es aber ganz genau wissen. Und deshalb haben wir mal schnell die Banca d’Italia gefragt. Die Antwort: Das durchschnittliche Nettovermögen pro Kopf liegt bei 353.000 Euro. Zum Vergleich: Im italienischen Schnitt liegt das Pro-Kopf-Nettovermögen bei 191.000 Euro. Im Schnitt hat ein Südtiroler ein Bruttoeinkommen von 62.100 Euro im Jahr – das sind mehr als 50 Prozent mehr als der EU-Durchschnitt. Auch Deutschland kann da nicht mithalten. In der Bundesrepublik sind es nur 44.200 Euro, nur ein bisschen mehr als Gesamt-Italien mit 37.500 Euro.

Wertvolle Wirtschaftliche Beziehungen mit Deutschland

Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass Südtirol doch sehr abhängig von Deutschland ist. Fast ein Drittel aller Exporte gehen über den Brenner, mehr als 40 Prozent der Importe kommen aus Deutschland. Ein Problem sei auch die Abwanderung der jungen Südtiroler und Südtirolerinnen, heißt es beim Institut für Wirtschaftsforschung. Südtirol – und das wissen die wenigsten – war ja schon immer ein Durchgangsland und ein Treffpunkt zwischen den Völkern. Bereits zu Zeiten der Römer war Südtirol – dank des Baus der „Via Claudia Augusta“-Straße ein wichtiger Handelsknoten.

Vor Kurzem erfolgte der Spatenstich für den Brenner-Basistunnel mit einer unglaublichen Länge von 64 Kilometern. Wenn er 2032 fertig ist, wird er die längste unterirdische Bahnverbindung der Welt sein. Warum das so wichtig ist? Eine Antwort hat Werner Bätzing, Professor für Kulturgeografie: „Die Alpen liegen auf der Intensivstation.” Er warnt davor, dass Transitstraßen wie der Brenner durch Lawinen und Erdrutsche zerstört werden könnten. Mit dem Brenner-Tunnel sei der Transport jedoch auf Jahrzehnte gesichert. Und damit der Handel.

Gut gemacht: Gelungene Transformation über 150 Jahre hinweg

Trotz der geographisch guten Lage war Südtirol lange Zeit eine arme Region. Das Bild änderte sich ab 1850, als die Unternehmen auf Holz und die Landwirtschaft setzten. Und heute? Heute verschönern Unternehmen wie Barth die angesehensten Museen und schicksten Boutiquen dieser Welt mit ihren Innenausbauten. Wie es Barth derzeit geht? „Wir sind zufrieden“, sagt Firmenchef Ivo Barth. Auf die Frage, wieviel Umsatz er mache, antwortet er: „Genauso viel, dass hier alle glücklich sind.“ Angeben ist nicht. Die einzige Frage, die sich nun stellt, ist: Was macht eigentlich Dyfed Loesche? Er hat es irgendwann aufgegeben, die Statistiken für Italien und Südtirol zu erstellen.

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