AnlagePunk Das Bitcoin-Märchen bekommt Risse: Strategy verabschiedet sich von Never Sell

Das Bitcoin-Märchen bekommt Risse: Strategy verabschiedet sich von Never Sell

Michael Saylors Strategy kippt die „Never Sell“-Doktrin und genehmigt Bitcoin-Verkäufe bis 1,25 Milliarden Dollar. Die Aktie steigt trotzdem um zwölf Prozent. Was nach Erleichterung aussieht, ist der Anfang vom Ende.

Michael Saylor hat jahrelang gepredigt, Bitcoin niemals zu verkaufen, lieber eine Niere. Jetzt genehmigt sein Unternehmen Strategy Bitcoin-Verkäufe im Milliardenwert. Die Begründung: Liquiditätssicherung, Dividendenzahlungen, Aktienrückkäufe. Der Markt reagiert mit einem Kurssprung von zwölf Prozent. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Das ist kein strategischer Schachzug, sondern ein Notausgang.

Strategy sitzt auf 847.000 Bitcoin, eingekauft zu durchschnittlich 75.000 Dollar pro Münze. Bei einem aktuellen Kurs um 60.000 Dollar bedeutet das einen Buchverlust von rund 20 Prozent. Die Aktie hat seit Jahresbeginn 45 Prozent verloren, über zwölf Monate sogar 80 Prozent. Aus dem Bitcoin-Bunker ist eine Schuldenfalle geworden.

Wenn das Geschäftsmodell zur Existenzfrage wird

Das Prinzip war simpel: Schulden aufnehmen, Bitcoin kaufen, auf steigende Kurse warten. Solange der Kryptomarkt boomte, funktionierte das. Strategy wurde zum Hebelprodukt auf Bitcoin, die Aktie lieferte zeitweise mehr Rendite als die Kryptowährung selbst. Doch seit Oktober hat Bitcoin die Hälfte seines Werts verloren – und Strategy mehr als 70 Prozent. Das Problem: Strategy finanziert sich über Anleihen, neue Aktien und eine Vorzugsaktie namens STRC, die eine Dividende von zwölf Prozent verspricht.

Bitcoin selbst wirft keine Erträge ab. Die Dividende soll aus dem Softwaregeschäft, aus Cash-Reserven oder aus neuen Kapitalmaßnahmen kommen. Nur: Das Softwaregeschäft bringt laut WirtschaftsWoche gerade mal 500 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr. Die Cash-Reserve lag zuletzt bei 1,4 Milliarden Dollar. Für Dividendenzahlungen bräuchte Strategy aber 1,7 Milliarden Dollar jährlich. Die Reserve reicht keine zehn Monate.

Der Notfallplan mit drei Sollbruchstellen

Strategy hat jetzt einen neuen Kapitalrahmen vorgestellt, das „Digital Credit Capital Framework“. Erstens: Die Cash-Reserve steigt auf 2,55 Milliarden Dollar, genug für 17,4 Monate Dividenden und Zinsen. Klingt solide, ist aber ein Rückzug. Ursprünglich sollte die Reserve zwei bis drei Jahre abdecken. Zweitens: Aktienrückkäufe bis zu einer Milliarde Dollar für Stamm- und Vorzugsaktien.

Finanziert nicht aus der Reserve, sondern aus – ja, woher eigentlich? Drittens: Bitcoin-Verkäufe bis 1,25 Milliarden Dollar sind ab sofort möglich. Das entspricht etwa 20.800 Bitcoin, rund 2,5 Prozent des Gesamtbestands. Klingt nach wenig, wäre aber eine der größten institutionellen Bitcoin-Transaktionen der letzten Jahre. Und ein kompletter Bruch mit Saylors „Never Sell“-Maxime.

Warum der Kurssprung eine Falle ist

Die Strategy-Aktie legte nach der Ankündigung um zwölf Prozent zu, der modifizierte Nettovermögenswert (mNAV) stieg wieder über 1. Heißt: Der Markt bewertet das Unternehmen jetzt wieder so hoch wie seinen Bitcoin-Bestand. Klingt nach Erleichterung, ist aber trügerisch. Strategy gehört zu den am stärksten leerverkauften Werten an der Wall Street.

Ein Teil des Kursanstiegs dürfte auf Eindeckungen von Short-Positionen zurückgehen, nicht auf echtes Vertrauen. Außerdem: Die Rückkäufe sind genehmigt, aber unverbindlich. Die Bitcoin-Verkäufe sind eine Option, kein fester Plan. Und die Reserve von 17 Monaten schrumpft, sobald die Dividende auf zwölf Prozent steigt – was ab Juli der Fall ist. Sollte der Bitcoin-Kurs weiter fallen oder die STRC-Aktie unter Druck geraten, muss Strategy entweder neue Aktien zu miesen Kursen ausgeben oder tatsächlich Bitcoin verkaufen. Beides würde das Narrativ endgültig zerstören.

Was das für Anleger bedeutet

Strategy ist kein Investment mehr, sondern eine Wette darauf, dass Bitcoin schnell genug steigt, um das Finanzierungsmodell zu retten. Wer auf schnelle Gewinne hofft, sollte wissen: Die Aktie ist extrem volatil, stark gehebelt und von einem einzigen Asset abhängig. Konservative Anleger sollten einen großen Bogen machen. Denn wenn ein Unternehmen an der Substanz nagt, um Dividenden zu zahlen, ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Zeit abläuft.

Business Punk Check

Strategy verkauft das Bitcoin-Märchen – und der Markt kauft es noch immer. Ein Unternehmen, das jahrelang „Never Sell“ predigte, genehmigt jetzt Milliarden-Verkäufe. Die Aktie steigt trotzdem um zwölf Prozent. Das zeigt: Viele Anleger verstehen nicht, was hier wirklich passiert. Strategy ist kein cleveres Bitcoin-Investment mehr, sondern ein Finanzierungsmodell auf Messers Schneide. Die Cash-Reserve reicht keine 18 Monate, die Dividende frisst mehr Geld als das Softwaregeschäft einbringt, und der Bitcoin-Bestand liegt 20 Prozent im Minus.

Die Wahrheit: Strategy hat sich in eine Ecke manövriert, aus der es nur zwei Auswege gibt – eine massive Bitcoin-Rallye oder den kontrollierten Abbau der Position. Beides widerspricht dem ursprünglichen Narrativ. Wer jetzt noch auf Strategy setzt, wettet nicht auf Bitcoin, sondern darauf, dass Michael Saylor einen Rettungsplan aus dem Hut zaubert. Die Realität sieht anders aus: Wenn ein Unternehmen seine Kernüberzeugung über Bord wirft, um Liquidität zu sichern, ist das kein Zeichen von Flexibilität. Es ist ein Zeichen von Panik. Anleger, die echte finanzielle Unabhängigkeit suchen, sollten sich fragen: Warum eine gehebelte, verschuldete Aktie kaufen, wenn man Bitcoin direkt haben kann – ohne Dividendenverpflichtungen, ohne Management-Risiko, ohne Notverkäufe?

Quellen: WirtschaftsWoche, Wallstreet Online, Finanzen.net

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