Crime: “Dieses Monster hat einen Namen für mich – Bernard Madoff“
Der Sturz vom gefeierten Helden der Wirtschaft zum verurteilten Kriminellen kommt manchmal ziemlich abrupt. Doch nur weil ein Deal vielleicht nicht ganz legal war oder die Expansionsstrategie ein bisschen mafiös, bedeutet das ja nicht, das dahinter kein smarter Geschäftsmann gesteckt hat. Aus diesem Grund schicken wir in unserer Reihe Business Punk Crime die Fälle berühmter Verbrecher:innen in die Revision. Diesmal mit dem Godfather der Börsenbetrüger: Bernard „Bernie“ Lawrence Madoff.
New York. 29. Juni 2009. Bundesgericht. Der Angeklagte sitzt mit dem Rücken zu seinen Opfern. Hört sich an, wie er ihre Leben ruiniert hat. „Es tut mir leid. Ich weiß, das hilft Ihnen nichts“, sagt er. „Ich habe für mein Verhalten keine echte Entschuldigung anzubieten.“ Bereits drei Monate zuvor hatte er alles gestanden. Sein fünfseitiges Schuldbekenntnis nahezu emotionslos vor dem Richter abgelesen.
Das Urteil kommt daher nicht überraschend: Schuldig. In allen elf Anklagepunkten. Darunter Wertpapierbetrug, Geldwäsche, Meineid und Falschaussagen gegenüber der Börsenaufsicht. „Dieser Terror, dieses Monster, dieser Schrecken, dieses Tier hat einen Namen für mich, und es ist Bernard L. Madoff“, sagt Sheryl Weinstein, eines seiner Opfer, bei seiner Verurteilung. Wenn auch das Urteil nicht verwundert, so überrascht das Ausmaß der Strafe: 150 Jahre Haft. sechsmal lebenslänglich – für den größten Finanzbetrug an der Wall Street.
Bernard Madoff errichtete in den 90er-Jahren ein gigantisches Schneeballsystem. Er versprach seinen Kund:innen, ihr Geld zu investieren, damit zu wirtschaften. Doch das Versprechen war eine Lüge. Aktiendeals? Fehlanzeige. Stattdessen packte er die Kohle auf ein Bankkonto und nutzte das Geld von neuen Investor:innen, um die alten auszuzahlen. Und das 20 Jahre lang. 65 Milliarden Dollar – das ist die Summe, um die Madoff seine Anleger:innen geprellt hatte.
Vom Underdog zum Ehrenmann an der Wall Street
Dabei passte Madoff wunderbar in das Klischee des American Dream. Er war ein Underdog. Hatte keine reichen Eltern. 1938 in Queens geboren, wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf, besuchte eine staatliche Schule. Seinen Bachelor in Politikwissenschaft absolvierte er zwar an einer Privatuni, aber von einem elitären Umfeld war er weit entfernt.
Schon neben seinem Studium arbeitete Madoff nebenher im Sommer als Rettungsschwimmer. Im Winter installierte er Sprinkleranlagen. Was genau er vom Leben wollte, wusste er nicht. Außer eins: Erfolg. Dank seiner Aushilfsjobs konnte er etwas Geld zur Seite legen und gründete 1960 im Alter von 22 Jahren und mit einem Startkapital von 5.000 Dollar seine eigene Investmentfirma: Madoff Investment Securities LLC.
Sein Job bestand darin, Papiere zu kaufen und verkaufen, die kaum von Wert waren. Meist handelte es sich um Anleihen. Madoff verdiente an der Differenz zwischen Kaufs- und Verkaufspreis. Lächerliche Centbeträge. Darum spekulierte er zusätzlich an der Börse. Es zeigte sich: Madoff hatte ein gutes Gespür für Aktien, ihren Handel und die Marktentwicklung.
Madoff arbeitete sich hoch – langsam, aber sicher und wurde zum Pionier in Sachen Digitalisierung an der Börse. Er erkannte, welche Vorteile die Technologie der Branche bringen würde, und holte seinen Bruder Peter in die Firma, der ein System entwickelte, das Händler:innen und Käufer:innen auf digitalen Weg miteinander vernetzte – eine Art Börsentinder. Damit fuhr er große Gewinne ein.

Ende der 80er-Jahre war Madoff reich. Verdiente nach eigenen Angaben über 100 Millionen Dollar pro Jahr. Er hatte den Aufstieg geschafft: Vom Rettungsschwimmer zum angesehenen Broker und Privatinvestor an der Wall Street. Große Firmen wie Goldman Sachs wollten mit ihm Geschäfte machen.
Neben dem Handel mit Wertpapieren legte Madoff das Geld anderer Leute an. Er hatte sich einen beachtlichen Kund:innenstamm aufgebaut. Ganz legal verschaffte er seinen Anleger:innen in den 80er-Jahren jährliche Renditen von bis zu 20 Prozent. Seine Strategie: Arbitragegeschäfte. Madoff kaufte Wertpapiere an einem Markt für wenig Geld ein und verkaufte sie an einem anderen Markt für einen höheren Preis. Der Gewinn beruhte also auf Kurs-, Zins- und Preisunterschieden. Solche Geschäfte gelten als risikolos, da dem Finanzjongleur sämtliche Informationen zugänglich sind. „Mein Selbstvertrauen hatte ein Niveau erreicht, auf dem ich glaubte, dass es Nichts gab, das ich nicht erreichen konnte“, sagte Madoff einige Zeit später im Gefängnis-Interview mit Harvard-Professor Eugene Soltes. Dieser führte eine Investigativ-Untersuchung zum Thema Wirtschaftskriminalität durch.
Das Schneeballsystem kommt ins Rollen
Wie konnte es passieren, dass Bernie Madoff zum Kriminellen wurde? Die Antwort ist so simpel wie logisch: Börsencrash 1987. Seine Arbitragegeschäfte brachten kaum noch Erträge. Klient:innen zogen ihr Geld aus seiner Investmentfirma ab. Die amerikanische Börse war eine Flaute. Die Kuh war leer gemolken. Statt seinen Anlegern die Situation zu erklären, entschied sich Madoff, ihnen die versprochenen Gewinne irgendwie auszuzahlen.
Die Lösung: das Schneeballsystem. Im Interview mit Soltes sagte er darüber: „Ich war überzeugt davon, dass das nur eine vorübergehende Situation war.“ Deswegen schien es für Madoff okay. Er erweiterte seinen Kundenstamm, was für den Börsenmakler kein Problem war, schließlich genoss er großes Ansehen. Leute, die mit Madoff in Kontakt waren, bezeichneten ihn als smart, sozial engagiert, zurückhaltend und bescheiden.
Er war ein Mann von tadellosem Ruf. Sein Image machte es möglich, dass ihm die Menschen ihr Geld anvertrauten, vor allem die Superreichen aus dem Palm Beach Country Club in Florida, ehemalige Wall Street-Mitarbeiter. Madoff war selbst Mitglied in dem Club. Um dazuzugehören, musste man sich einem Background-Check unterziehen, sein Geld auf saubere Art und Weise verdienen. Madoff schien sehr vertrauenswürdig.
Er schuf sich ein exklusives Klientel. Lehnte bestimmte Investor:innen sogar ab, nahm nicht alle sofort in seinen Fonds auf. Manchen gab Madoff erst nach einem zweiten Gespräch die Möglichkeit, ihr Geld anzulegen. Die Masche funktionierte. Was man nicht haben kann, will man schließlich umso mehr. Irgendwann musste Madoff sich gar nicht mehr um Investor:innen bemühen, sie schmissen ihm ihre Ersparnisse regelrecht vor die Füße.

Es war ein abgekartetes Spiel. Nicht jedoch, wenn man die Sache aus Madoffs Perspektive betrachtet: „Ich habe ihnen allen gesagt: ‚Investiert nicht mehr Geld, als ihr euch leisten könnt zu verlieren. Das ist die Börse. Hier kann immer irgendwas passieren. Maklerfirmen können sich irren. Ich könnte verrückt werden und etwas Dummes machen. Wenn ihr etwas Sicheres wollt, investiert euer Geld in Staatsanleihen‘“, erzählte Bernie Madoff zwei Jahre nach seiner Verhaftung 2009 dem US-Journalisten Steven Fishman in einem Interview.
Die Bombe platzt – mit schweren Folgen
Doch nicht nur superreiche Privatleute investierten in Madoffs Investmentfirma. Auch Banken, Hedgefonds und Wohltätigkeitsorganisationen. So kam es, dass auch Kleinbürger:innen, die ihre Ersparnisse einer Bank anvertrauten, indirekt Opfer von Madoffs Schneeballsystem wurden. Er hat sie also alle hintergangen: Prominente wie Steven Spielberg, Superreiche und sogar seine eigenen Freund:innen. Heute, zehn Jahre später, weiß man: Insgesamt sollen bis zu 65.000 Opfer aus 136 Ländern eine Entschädigung fordern.
Madoffs Verbrechen brachte nicht nur ein finanzielles Desaster mit sich. Es forderte mehrere Menschenleben. Der französische Vermögensberater Thierry Magon de la Villehuchet schnitt sich die Pulsadern auf, kurz nachdem die Schneballsystem-Bombe platzte. William Foxtor, ein ehemaliger britischer Offizier, hatte sich erschossen. Seine gesamten Ersparnisse hatte er dank Madoff verloren. Und sogar Madoffs eigener Sohn Mark beging Selbstmord. Zwei Jahre nach Madoffs Beichte im Dezember 2008. Auf den Tag genau. Sein anderer Sohn starb 2014 an Krebs. Seine Frau möchte nichts mehr von ihm wissen.
Vielleicht hätte das alles vermieden werden können. Dass Madoffs Investmentversprechen zu schön waren, um wahr zu sein, hätten Banken wissen müssen – sagt er. Sie wollten lieber wegschauen, schließlich war es ja gewinnbringend. Eine jährliche Rendite von zehn Prozent war zwar nicht der große Coup, dennoch gut. Madoffs Buchführung war tadellos. Punkte, bei denen man hätte skeptisch werden müssen. Erste Hinweise in den 90er-Jahren von Harry Markopolos, der auf eigene Faust Finanzbetrüge ermittelt, dass Madoffs Fonds reinster Betrug sein könnte, wurden von der Börsenaufsicht SEC schlichtweg ignoriert. Markopolos sollte für die Investmentfirma, in der er arbeitete, eine Strategie entwickeln, um ähnlich wie Madoff, Kunden eine jährliche Rendite von zwölf Prozent bieten zu können. Dabei wurde ihm schnell klar: Madoff verfügte entweder über ein krasses Insiderwissen oder zockte seine Anleger durch ein Schneeballsystem ab.

Doch erst 2008 kam Madoffs tiefer Fall – durch den Höhepunkt der Finanzkrise. Anleger wollten ihr Geld aus dem Fonds Anfang Dezember abziehen. Insgesamt sieben Milliarden Dollar musste Madoff ihnen zurückzahlen. Geld, das er nicht hatte. Madoff wusste: Der Punkt, an dem sein Lügenkartenhaus zusammenbricht, war gekommen. Wer hoch pokert, kann nun mal auch alles verspielen. Er gestand den Betrug seinen Söhnen Mark und Andrew, die Teil seiner Firma waren. Erlaubte ihnen, ihn anzuzeigen.
Einmal Geschäftsmann immer Geschäftsmann: Madoff errichtet Kakaomonopol im Gefängnis
Madoffs Karriere entwickelte sich vom Rettungsschwimmer zum Jungunternehmer, zum gefeierten Broker an der Wall Street, bis hin zum Kriminellen mit der Gefangenennummer: 61727-054.
Seit mittlerweile neun Jahren sitzt er seine Strafe im Butner-Gefängnis in North Carolina ab, trägt Sträflingskleidung statt teurer Anzüge, wohnt in einem trostlosen Trakt statt in seiner Luxuswohnung. Doch dass er, der einstige Star an der Börse, sich das Gefängnis nicht mit Gewalttäter:innen teilt, ist klar. Stattdessen verbringt er seine Zeit dort mit alten Bekannten, mit Leuten seinesgleichen – mit anderen Wall Street-Betrüger:innen.
Selbst im Knast lebt Madoff das Motto: „Einmal Geschäftsmann immer Geschäftsmann.“ Laut Medienangaben berät der Betrüger andere Gefangene in Sachen Finanzen, gibt ihnen Tipps für das Anlegen von Geld. Seinen Blick für lohnenswerte Geschäfte hat Madoff ebenfalls nicht verloren: Andere dealen im Knast mit Drogen – Madoff mit Kakao. Denn Kakao ist im Butner äußerst beliebt.

Genauer gesagt hatte er seine Mitinsass:innen abgezockt, indem er ein Kakaomonopol errichtete. Seinen monatlichen Gefängnislohn von 40 Dollar hatte er so lange zur Seite gelegt, bis er sämtliche Kakao-Packungen von „Swiss Miss“ aufkaufen konnte, um sie dann auf dem Knasthof zu verticken. Teurer als der Einkaufspreis, versteht sich. Im Grunde machte er einfach wieder Arbitragegeschäfte, nur eben mit Kakao und nicht mit Wertpapieren.
Bei guter Führung kann Madoff theoretisch 2139 entlassen werden. Also 20 Jahre vor Ende der 150-Jährigen Haftstrafe. Damit der 80-Jährige das erlebt, müsste er unsterblich sein.
Was von dem Fall Madoff, dem Godfather der Börsenbetrüger, bleibt? Entschädigungszahlungen an die Opfer. Das US-Justizministerum verwaltet dafür extra einen Madoff-Opfer-Fond. Vier Milliarden Dollar hat der Fonds zur Verfügung, die zum Teil aus Madoffs eigenem Vermögen gerettet wurden, zum anderen Teil von Investor:innen stammen, die durch Madoff sagenhafte Gewinne machten. Längst sind nicht alle Opfer entschädigt. Ob das jemals geschehen wird, bleibt fraglich. Auch offene Fragen bleiben. Madoff beteuerte immer, das Schneeballsystem alleine betrieben zu haben. Dass niemand aus seiner Firma, der Familie oder von den Banken und Hedgefonds davon wusste. Gab es wirklich keine Mittäter? Und wohin ist das ganze Geld verschwunden?
Anmerkung der Redaktion: Bernard Madoff starb im Alter von 82 Jahren im Gefängnis gestorben.
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