Crime: Maria Licciardi – die Konzernchefin der Camorra

Waffen als wirtschaftliche Größe

Als schließlich vier Mitglieder von Licciardis Clan auf ihrem eigenen Territorium erschossen wurden schickte die so Besonnene ihr Killerschwadron los. Die Zeitungen schrieben von den aufgeschlitzten, geschlagenen und von Kugeln durchsiebten Toten, die die städtischen Leichenhallen füllten. Die Bilanz bis Ende 2000: 118 Tote rund um Neapel. Damals wurde den Behörden langsam klar, welche Rolle Licciardi eigentlich spielte.

Der Krieg ist für die Mafia ein schlechtes Geschäft. Denn so verdient im System niemand. Die Geschäfte brechen ein, während gleichzeitig die Kosten steigen. Sold für die Fußsoldaten, steigende Security-Kosten für die Bosse und Capos, Pensionszahlungen für die Familien Getöteter. Doch manchmal ist der Krieg unvermeidbar, um neue Geschäfte möglich zu machen. Licciardi fuhr nun so eine Alles-oder-nichts-Strategie. Entweder, sie würde den Krieg dadurch beenden, dass sie die Hölle auf alle niederfahren ließ oder es sollten einfach alle sterben.

Es ist die absolute Logik des kriminellen Unternehmertums, und die militante Auseinandersetzung ist nur ein Mittel zur Wiederherstellung absoluter Macht. Monopol durch Gewalt. Zwei Dinge, die ein moderner, regulierter Kapitalismus nicht mehr als wirtschaftliche Größen kennt. Und Macht bedeutet, das einem alles und jeder gehört. Die Allianz war nie als Demokratie angelegt. Die Lo Russos hatten nun einen Preis zu zahlen, weil sie das vergessen hatten.

Die Pionierin

Dass jemand wie Licciardi in einem der patriarchalischsten und chauvinistischsten Systeme überhaupt zu solcher Macht aufsteigen konnte, ist dabei auch dem System selbst geschuldet. Denn Frauen haben immer verstanden, die ihnen zugewiesenen passiven Rollen als Mutter und Schmuck aktiv für sich zu nutzen. Nie waren Frauen nur auf männliches Tun reagierende Stichwortgeber und Tröster, auch nicht innerhalb der Camorra.

Nie inaktiv: Die erste, über Italien hinaus bekannte Camorristin war Assunta „Pupetta“ Maresca. Sie erschoss 1955, im sechsten Monat schwanger, den Mörder ihres Mannes auf offener Straße. Das Kind brachte sie im Gefängnis zur Welt. Foto: unbekannt

Als eine Pionierin im System kann ab 1976 Anna Mazza gelten, die mehr als 20 Jahre lang unumstrittene Bossin des Moccia-Clans aus Afragola war. Ohne sie wäre vielleicht auch die Karriere der Maria Licciardi gar nicht erst möglich gewesen. Die „schwarze Witwe der Camorra“ stieg an die Spitze des Clans, nachdem ihr Mann Gennaro Moccia umgebracht worden war und baute eine der mächtigsten kriminellen Vereinigungen überhaupt auf.

Sie, ihre Vertraute Immacolata Capone, Maria Licciardi oder auch Erminia „Eisauge“ Giuliano, nutzten aus, was Roberto Saviano so analysierte: „Sie begriff[en], dass sie die kulturelle Rückständigkeit der Bosse der Camorra ausnutzen und eine Straflosigkeit genießen konnte[n], die den Frauen vorenthalten blieb. Diese kulturelle Rückständigkeit schützte sie vor Anschlägen, Neid und Konflikten.“ Das bis zum Klischee verzerrte Bild der Frau als matronenhafte Mutter und als stets treue Begleiterin des Camorristen hatte sich real längst gewandelt. Wenn es überhaupt jemals ganz der Wahrheit entsprach.

Per Hinrichtung in die Moderne

Aber es ist nach wie vor ein Bild in den Köpfen vieler Menschen. Daher kam es auch niemandem in den Sinn, Licciardi könnte eine so wichtige Rolle im Clan spielen, als sie mit dem Geldkoffer erwischt wurde. Erst als Anna Mazza Ende der Neunziger Jahre verhaftet wurde, dämmerte den Menschen so langsam die neue Rolle der Frauen, die sie sich erarbeitet hatten. Und spätestens nachdem Immacolata Capone 2004 von einem Kommando mit zwei Schüssen in den Nacken hingerichtet wurde, war es endgültig vorbei mit der kulturellen Rückständigkeit, die Frauen bisher schützte.

Da saß Maria Licciardi bereits im Gefängnis. Der Krieg der Clans seit 1999 hatte ihr so viel Aufmerksamkeit beschert, dass seither intensiv nach ihr gefahndet wurde. Am 14. Juni 2001 wurde sie schließlich verhaftet, wieder im Straßenverkehr. Sie war mit einem Pärchen in Melito in der Nähe von Neapel mit dem Auto unterwegs und wurde von Carabinieri erwischt. Prozess, Gefängnis. Aber Mauern sind für die Camorra oft durchlässig. Es heißt, dass sie bis heute noch das Sagen hat.


Mehr Crime-Geschichten gefällig? Wie wäre es mit dem Mann, der den Eiffelturm verkaufte? Oder dem tiefen Fall des Boyband-Architekten Lou Perlman?


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder