Bewerbungsgespräch mit Charlotte Mellahn alias Visa Vie
Sie haben mittlerweile Ihren eigenen YouTube-Blog „Zum Goldenen V“, bei dem Sie sich mit Musikern und Menschen aus der Hip-Hop-Szene treffen. Dort sind Sie ihr eigener Boss. Fühlen Sie sich wohl in dieser Führungsposition?
Irgendwie schon. Ich bin aber auch ein Kontrollfreak und habe wirklich ein Problem damit, Dinge abzugeben. Daher ist es auch einfach sehr belastend, da man nie wirklich Feierabend hat.
Was machen Sie, wenn Sie mal Zeit für sich haben?
Also in meiner Freizeit besuche ich auf jeden Fall meine Familie. Ich habe eben eine riesige Patch-Work-Familie. Ich verbringe dann gerne Zeit mit meinen Geschwistern und Nichten. Natürlich reise ich auch gerne. Und im Sommer, so bald ich auch nur eine halbe Stunde Zeit habe, gehe ich Boot fahren. Entweder Tretboot auf der Spree oder raus auf irgendwelche Seen.
Welche drei positiven Charaktereigenschaften fehlen Ihnen?
Mir fehlt so ein bisschen die Eigenschaft, „Nein“ zu sagen. Und ich hab ein riesengroßes Problem mit Kommunikation. Whatsapp, Facebook, Emails: Es überfordert mich so krass, dass ich teilweise eine Woche nicht auf Nachrichten antworten kann.
Welche Macken von anderen Menschen irritieren Sie?
Ich habe ein riesen Problem damit, wenn Menschen laut Kaugummi kauen. Es macht mich einfach wahnsinnig und wütend.
Wie würden Sie damit umgehen, mit jemandem zu arbeiten, der weniger weiß als Sie?
Ich würde versuchen, Menschen von meinem Wissen teilhaben zu lassen. Aber in den meisten Fällen, sind die Menschen, mit denen ich zusammen arbeite sehr auf meiner Wellenlänge.
Sie rappen, moderieren, führen Interviews, schauspielern, legen in Clubs auf: Gibt es irgendetwas, was Sie nicht können?
Ja, voll. Ich kann nicht rechnen. Überhaupt nicht… Also alles was mit Steuern und Zahlen zu tun hat, ist für mich ein Albtraum. Ich kann zwar gut organisieren, aber bei allem Bürokratischen bin ich völlig unfähig. Wenn ich keinen Steuerberater hätte, ich würde schon im Knast sitzen. Ich kann auch nicht singen. Nicht tanzen. Ich fände es schön, singen zu können.
Worin sehen Sie ihre größten Stärken?
Dass ich sehr umgänglich bin und gut mit Stress umgehen kann: egal, wie anstrengend etwas ist, selbst wenn man die ganze Nacht dreht, selbst wenn Dinge schief gehen. Vielleicht denke ich dann mal kurz „Oh Gott!“, aber ich krieg das dann irgendwie auf die Reihe und lasse das nicht an anderen Menschen aus.
Was war Ihr größter Misserfolg?
Was so richtig beschissen gelaufen ist… (kurzes Schweigen) Das ist schon Ewigkeiten her! Also ich hab mal eine Zeit lang auch gerappt und es gab mal ein Auftritt in der Max-Schmeling-Halle auf dem „KISS Cup“ von dem Radiosender „KISS FM“. Da haben die Radiomoderatoren immer Fußball gespielt. Und ich hab die Hymne unseres Teams dort performt. Und ich dachte, es wäre so richtig authentisch und real, wenn man das ohne Backup macht. Einfach nur pur ich mit Mikrofon und Text – vor 15.000 Leuten. Es klang halt wie Scheiße.
Was haben Sie daraus gelernt?
(Lacht) Also ich kann andere Ding auf jeden Fall besser als live zu rappen.
Sie sind mit die Frau im deutschen Hip-Hop-Geschäft. Sie haben viele die Ihnen zuhören, viele mit denen Sie sich rumschlagen müssen, vor allem online: Wie gehen Sie mit Kritik um?
Eigentlich kann ich ganz gut mit Kritik umgehen. Aber du musst konstruktiv sein. Und dieses Internet ist halt einfach nicht so konstruktiv. Es gibt auf jeden Fall Dinge, die mich sehr, sehr belasten. Ich stehe da auch voll dazu. Was ich für mich gelernt habe, ist, dass ich mich auf mich selbst konzentriere: Kann ich in den Spiegel gucken und guten Gewissens behaupten, dass ich ein guter Mensch bin und dass ich niemandem etwas Böses will? Wenn man das kann, dann werden diese negativen Kommentare immer weniger wert.
Wovor haben Sie am meisten Angst?
Ich habe Angst davor, dass Menschen Unwahrheiten über mich verbreiten. In dieser Szene, ist es leider sehr beliebt, sich auf jemanden einzuschießen und Menschen öffentlich zu diffamieren, bis die ganze Fan-Schar auch noch mit macht – und man kann einfach nichts dagegen tun.
Welche Vorbilder hatten Sie in Ihrer Kindheit?
Als Kind wusste ich auf jeden Fall noch nicht, dass ich Moderatorin werden möchte. Es waren eher diese klassischen Kleinemädchen-Vorbilder: Spice Girls, TikTakTo, relativ oberflächlich.
Und heute?
Es gibt Frauen, die ich einfach von ihrer Ausstrahlung und dem was sie repräsentieren mag. Zum Beispiel Lena Dunham, die ist glaube ich jünger als ich und hat sich diese Serie „Girls“ ausgedacht und produziert. Ich mag das, was sie verkörpert: Ich bin nicht die perfekte Frau, mein Körper ist so wie er ist und ich mache völlig wahnsinnige Sache. Sie schert sich nicht darum, ob sie in irgendein Konzept passt. Ich würde gerne noch mehr davon abhaben. Ich mag Frauen sehr, die – um das jetzt mal ganz plump zu sagen – einfach einen Fick darauf geben, was andere Menschen und Rollenbilder von ihnen erwarten.
Sie stehen viel im Blickfeld der Öffentlichkeit und Ihrer Fans. Sehen Sie sich in diesem Sinne selbst als Vorbild?
Ja. Und dessen bin ich mir auch bewusst. Es gibt oft genug Mädels, die ich treffe oder die unter Bilder schreiben, dass ich ein Vorbild für sie bin. Und ich versuche auf jeden Fall, durch Dinge die ich schreibe oder mache, dem gerecht zu werden. Es gibt Punkte, da werde ich meiner Vorbildrolle nicht gerecht, wenn ich zum Beispiel in meiner Sendung einen Schnaps trinke. Und ich habe dabei auch immer ein schlechtes Gewissen und hoffe die Zuschauer können das differenzieren. Am aller wichtigsten: Ich verlasse mich als Frau nicht auf mein Äußeres, sondern ich verlasse mich darauf, was in mir ist.
Weiter zum Thema Vorbild. Sie haben neulich ein Video mit Ihrer Nichte veröffentlicht zum Thema Flüchtlinge. Das wurde viel geliked und geteilt. Gab es einen Anlass für dieses doch recht politisches Video?
Also ich finde es schön, dass es nicht direkt politisch ist. Es ist ja eigentlich wirklich eine komplett vorurteilsfreie, naive, kindliche Sicht auf die Dinge. Das Thema Flüchtlinge entstand auch eher spontan. Ich habe mir die ganze Nacht Gedanken gemacht, ob ich das Video veröffentlichen soll. Es gibt halt einfach zu viele Menschen, die vor lauter Angst und Indoktrination durch unaufgeklärte Menschen, durch Politik, völlig vergessen haben, worum es geht. Das ist ja auch der wichtigste Satz am Ende des Videos: Die Liebe, das Mitgefühl und die Menschlichkeit.
Neben Mitgefühl und deinem Motto„seid lieb“. Was würden Sie Menschen gerne noch weiter mitgeben?
Aber „seid lieb“ bringt es doch einfach auf den Punkt. Das ersetzt für mich alle Regeln und Vorschriften, weil wenn man wirklich einfach lieb ist – auch im ursprünglichsten kindlichsten Ansatz – dann ist „lieb sein“ irgendwie die Lösung für alles.
Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft würden Sie wählen?
Das klingt jetzt so mega pathetisch und kitschig, aber ich wäre nicht so der Action-Superheld. Ich wäre eine Art Glücksbärchen-Superheld. Auf meinem Anzug steht drauf „Seid Lieb!“. Es wäre mega gut, wenn ich Menschen auf den Kopf fassen könnte, um ihnen positive Gedanken einzupflanzen.
Haben Sie Lebensträume?
Ich schreibe gerade ein Buch und möchte, dass das irgendwann veröffentlicht wird und ein Besteller wird.
Verraten Sie worum es geht?
Nur im Ansatz. Es ist ein fiktiver Episodenroman. Aus der Sicht eines Ich-Erzählers, der nicht weiter von mir weg sein könnte. Damit verrate ich ja eigentlich schon recht viel.
Letzte Frage: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ich glaube in zehn Jahren habe ich ein Haus am Meer. Ich weiß nicht wo. Auf jeden Fall am Meer. Ich bin verheiratet. Habe zwei Kinder. Vielleicht sogar einen Hund, obwohl ich Angst vor Hunden habe. Und ich bin Schriftstellerin. Ich sitze am Strand, schreibe und Abends gibt es frisch gegrillten Fisch und man muss sich einfach keine Sorgen machen. Ja. Genau so muss es sein.