Brand & Brilliance Davos diskutiert die Zukunft der Welt. Aber die Welt diskutiert die Brille

Davos diskutiert die Zukunft der Welt. Aber die Welt diskutiert die Brille

Emmanuel Macron ist der Punk der Woche. Die Diskussion über seine Brille sagt mehr über den Zustand der Welt als Trumps Rede. Und eine kleine Manufaktur im französischen Jura triumphiert.

Davos, dieser Hochaltar der Weltvernunft, wo sonst CEOs, Präsidenten und Zentralbanker so tun, als hätten sie das Chaos im Griff, ist für einen kurzen, herrlichen Moment zur modischen Nebenbühne geworden. Nicht Klima, nicht Krieg, nicht Kapitalflüsse. Eine Brille. Emmanuel Macron steht am Rednerpult, indoor, mit dunkler Pilotenbrille im Gesicht, und plötzlich ist das World Economic Forum kein Forum mehr, sondern ein Laufsteg. Die Kameras kleben an seinem Gesicht, Social Media explodiert, internationale Medien drehen durch. Die Weltelite tagt, aber draußen – und ehrlich gesagt auch drinnen – reden alle über dieses eine Accessoire. Das ist kein Nebeneffekt, das ist ein Statement über den Zustand unserer Gegenwart.

Der offizielle Grund ist banal: Augenentzündung, Lichtempfindlichkeit, medizinische Vorsicht. Geschenkt. Niemand interessiert sich ernsthaft dafür. Bilder schlagen Begründungen. Und dieses Bild schlägt ein wie eine Blendgranate. Macron wirkt plötzlich nicht wie der Präsident Frankreichs, sondern wie ein Mensch, der gleich „Highway to the Danger Zone“ aufdreht und ins Cockpit steigt. Top Gun statt Technokratie. Ironischerweise passt das perfekt zu Davos, wo Macht längst nicht mehr nur ausgeübt, sondern inszeniert wird. Wer gesehen wird, existiert. Wer auffällt, gewinnt Aufmerksamkeit. Wer Aufmerksamkeit gewinnt, kontrolliert den Diskurs – wenigstens für ein paar Stunden.

Während Kommentatoren, Karikaturisten und Meme-Künstler Überstunden machen, passiert im Hintergrund etwas sehr Reales. Ein kleines, traditionsreiches Brillenhaus aus Frankreich erlebt den ökonomischen Ausnahmezustand. Henry Jullien, gegründet 1921 im französischen Jura, bislang ein Name für Kenner, für Optiker mit Faible für Handwerk, für Kunden, die lieber über Gold-Laminierung sprechen als über Logos. Auf der eigenen Website erzählt die Marke die Geschichte klassisch französisch: Handarbeit, Präzision, Manufaktur, Generationenwissen, gefertigt in Frankreich, fernab industrieller Massenware. Fachzeitschriften loben seit Jahren die aufwendige Verarbeitung, die geringe Stückzahl, den kompromisslosen Luxusanspruch. Französische Zeitungen führen die Marke eher als kulturelles Erbe denn als Hype-Marke. Kurz: Henry Jullien war respektiert, aber unsichtbar für die große Bühne.

Dann kommt Davos. Dann kommt Macron. Dann bricht das System kurz zusammen. Der Online-Shop ist zeitweise nicht erreichbar, Anfragen aus aller Welt, Kunden wollen wissen, ob es wirklich dieses Modell ist, wie man es bekommt, wie lange man warten muss. Normalerweise entstehen rund hundert Exemplare des Modells „Pacific“ pro Jahr. Plötzlich stehen vierstellige Stückzahlen im Raum. Und niemand zuckt bei einem Preis von 659 Euro. Das ist kein Wunder, das ist Marketing in Reinform. Kein Placement, kein Vertrag, keine Kampagne. Nur ein Bild, zur richtigen Zeit, auf der richtigen Bühne. Das ist der feuchte Traum jedes Markenstrategen und der Albtraum jeder Agentur, die dafür Budgets plant.

Natürlich gibt es Gegenwind. In Frankreich wird gespottet, kritisiert, kommentiert. Le Figaro druckt Leserbriefe, die Macron Eitelkeit vorwerfen oder fragen, ob eine Sonnenbrille wirklich staatsmännisch sei. Manche finden den Auftritt lächerlich, andere unangemessen. In den sozialen Netzwerken laufen alte Witze wieder heiß, inklusive der üblichen, nicht belegten Spekulationen über das Ehepaar Macron. Und Donald Trump greift das Ganze öffentlich auf und macht daraus einen seiner typischen Einzeiler. Politik als Popcornkino.

Die größere Frage aber ist eine andere: Was sagt es über unsere Gesellschaft, wenn ein Treffen der globalen Machteliten visuell auf ein Accessoire reduziert wird? Ist das lustig? Ja. Ist es absurd? Absolut. Ist es armselig? Vielleicht ein bisschen. Es zeigt, wie sehr wir uns an Oberflächen festhalten, weil sie schneller verständlich sind als Inhalte. Davos diskutiert die Zukunft der Welt, aber die Welt diskutiert die Brille. Das ist keine Anklage, das ist eine Zustandsbeschreibung.

Am Ende bleibt ein ironisches Fazit. In Davos deutet sich eine neue Weltordnung an, irgendwo zwischen Raubtierkapitalismus, schwindenden Allianzen und maximaler Inszenierung. Wer überleben will, braucht nicht nur Macht, Geld und Netzwerke, sondern den richtigen Blick. Und manchmal hilft es offenbar, die Welt einfach durch die richtige Brille zu sehen.

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