Brand & Brilliance Warum „Fleischwolf“ der deutschen Filmindustrie gerade den Mittelfinger zeigt – und wir dafür danken sollten

Warum „Fleischwolf“ der deutschen Filmindustrie gerade den Mittelfinger zeigt – und wir dafür danken sollten

Machen wir uns nichts vor: Der deutsche Film gleicht oft einem Besuch beim Bürgeramt. Alles ist korrekt ausgeleuchtet, das Formular stimmt, die Dialoge klingen wie aus einem Deutsch-Leistungskurs abgeschrieben, und am Ende fühlt man sich innerlich leer, hat aber immerhin seine staatsbürgerliche Pflicht erfüllt, „Kulturgut“ zu konsumieren. Die Branche leidet an Verwaltungswut. Drehbücher werden nicht geschrieben, sie werden beantragt.

In diese sterile Welt aus Förderanträgen und Bedenkenträgertum platzen Zino Markarian und Andrej Filatow mit ihrer funk-Serie „Fleischwolf“ wie zwei Besoffene in eine Bibliothekslesung. Und das ist das Beste, was uns passieren konnte. Denn was die beiden Berliner da abliefern, ist mehr als nur eine weitere Webserie für die Generation TikTok.

Es ist die längst überfällige Antithese zum deutschen Sicherheitskino.

Die Kunst des kontrollierten Autounfalls

„Fleischwolf“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Unfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Die Protagonisten stolpern als karrieregeile, moralisch bankrotte Versionen ihrer selbst durch Berlin, immer auf der Jagd nach dem schnellen Fame und dem nächsten Scheck vom Öffentlich-Rechtlichen. Doch dieser Eindruck von Chaos ist die eigentliche Kunst. Während die Branche normalerweise versucht, jede Kante rundzuschleifen, bis auch der letzte Redaktionsleiter beim ZDF ruhig schlafen kann, servieren uns die Macher hier das rohe Mett. Die Grenze zwischen Skript und Realität? Abgeschafft. Wenn Zino und Filatow versuchen, ihre Karriere durch gekaufte Klicks und inszenierte Skandale zu pushen, dann ist dieser „Cringe“ so körperlich spürbar, dass man sich fragt: Ist das Satire oder eine Dokumentation über den geistigen Verfall der Medienbranche?

The Bank Job: Warum Selbermachen der größte Flex ist

Dass dieses Format so radikal anders aussieht, ist kein Zufall, sondern liegt an der Struktur dahinter. Hier werkelt keine träge Großproduktion, die erst drei Gremien fragen muss, ob ein Witz politisch korrekt ist. Produziert wird das Ganze von BANK®, der Firma von Andrej Filatow selbst. Das ist der eigentliche Business-Punk-Moment dieser Geschichte: Die Hauptdarsteller warten nicht auf den Anruf der Industrie, sie sind die Industrie. Zusammen mit Zino Markarian (Idee & Buch) und dem Regisseur Hiua Aloji haben sie ein Ökosystem geschaffen, das völlig autark funktioniert. Aloji ist hier der heimliche MVP (Most Valuable Player). Er schafft es, diesen dokumentarischen „Fly-on-the-Wall“-Stil so präzise zu inszenieren, dass man die gescripteten Lines nicht mehr von der Improvisation unterscheiden kann. Er bändigt den Wahnsinn, ohne ihn zu zähmen. Dazu kommt mit Franz Julius Gleich ein Sidekick vor der Kamera, der als geerdeter Gegenpol das Leiden an der Dummheit der anderen zur Kunstform erhebt. Diese Crew beweist: Man braucht keine riesigen Sets und keine 50-Mann-Teams. Man braucht eine Vision, ein paar gute Freunde und die Eier, es einfach durchzuziehen.

Das Vertical-Paradoxon: Lazy Marketing als Strategie

Dass „Fleischwolf“ primär auf YouTube funktioniert, ist überlebenswichtig. Das klassische Fernsehen würde an der Hektik und der Respektlosigkeit dieses Formats ersticken. Besonders charmant ist dabei die Strategie der Distribution. Wer sich die Social-Media-Kanäle ansieht, findet keine hochglanzpolierten Promo-Trailer. Stattdessen werden oft einfach wahllos wirkende Snippets aus den Folgen ins Netz geworfen. Was jeder klassische Marketing-Berater als „faul“ bezeichnen würde, ist hier genialer Meta-Humor. Es passt perfekt zur Erzählung der Serie: Zwei Typen, die mit minimalem Aufwand maximalen Erfolg wollen, machen sich nicht mal die Mühe, extra Content zu produzieren. Es wirkt hingerotzt – und genau deshalb liebt die Community es. In einer Welt voller gefilterter Perfektion ist diese „Scheißegal“-Attitüde die stärkste Währung.

Ein Weckruf für die Branche

Die deutsche Filmindustrie sollte sich „Fleischwolf“ nicht nur ansehen, sie sollte es studieren. Nicht, weil jetzt jeder Film aussehen muss wie ein wackeliger Vlog. Sondern weil diese Serie etwas hat, was Millionen-Budgets nicht kaufen können: Haltung. Die Macher rund um BANK® beweisen, dass Authentizität durch Kontrollverlust entsteht. Dass funk – also der Gebührenzahler – eine Serie finanziert, die sich permanent über die Mechanismen des Gebührensystems lustig macht, ist dabei die Kirsche auf der Torte. „Fleischwolf“ ist der Beweis, dass deutsche Unterhaltung nicht peinlich sein muss, wenn sie peinlich sein will. Es ist ein kultureller Befreiungsschlag. Danke an Zino, Filatow, Hiua und das ganze Team. Ihr habt verstanden, dass man die Hand beißen muss, die einen füttert, um relevant zu bleiben. Der Rest der Branche darf jetzt gerne aufwachen.

Das könnte dich auch interessieren