Brand & Brilliance Kein Master, kein Makel – wie Timo Fischer mit Dyslexie zum CEO wurde

Kein Master, kein Makel – wie Timo Fischer mit Dyslexie zum CEO wurde

Timo Fischer schreibt keine langen Mails – er schreibt Geschichte. Der CEO von Sierra Madre hat keine klassische Karriere hingelegt, sondern eine, die Mut macht: ohne Uniabschluss, mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, aber mit maximaler Macher-Mentalität. Statt sich in Theorien zu verlieren, hat er gemeinsam mit Gründer Guido Klaumann aus einem Großhändler eine echte Markenagentur geformt. Heute steht er für Führung mit Gefühl, Authentizität und die simple Wahrheit: Erfolg ist keine Frage von Rechtschreibung, sondern von Haltung.

Timo, viele schreiben ihr Erfolgsrezept in Hochglanz-Businesspläne – du hattest eher Probleme mit Rechtschreibung als mit Richtungsgefühl. Wann hast du gelernt, dass man Erfolg auch anders buchstabieren kann?

Ich habe ziemlich früh gemerkt, dass Erfolg nicht daran hängt, wie perfekt man formulieren kann. Mein Opa – mein großes Vorbild – war Markthändler, und ich habe von klein auf bei ihm am Stand mitgeholfen. Da lernst du nicht nur rechnen, du lernst unterschiedlichste Menschen kennen. Du lernst zuzuhören, zu verhandeln und Situationen schnell einzuschätzen. Dieses Bauchgefühl hat mich stärker geprägt als jeder Businessplan. Und mal ehrlich, kaufmännisches Verhandlungsgeschick lernst du nicht an der Uni – das lernst du im echten Leben, im direkten Kontakt, in Gesprächen, im täglichen Abwägen. Später hat mich auch meine Kochlehre geprägt. Da ging es stärker um Fleiß, Disziplin und darum, unter Druck einen kühlen Kopf zu bewahren. Perfekte Rechtschreibung bringt dir da wenig, aber Zuverlässigkeit und Teamgeist umso mehr.

Was mich rückblickend wirklich getragen hat, waren erstens Fleiß, zweitens Menschen, die an mich geglaubt haben und drittens das Quäntchen Glück. Ohne die Leute, die mir Rückenwind und Vorschusslorbeeren gegeben haben, wäre ich heute nicht hier. Auch meine Frau hat mich auf jedem Schritt unterstützt. Wenn du jemanden hast, der in den schwierigen Momenten sagt: ‚Mach weiter, du kannst das‘, dann verändert das vieles. Ja und Glück war am Ende des Tages auch dabei. Manchmal steht eine Tür zufällig offen, reingehen muss Du aber selbst. All das bringt jedoch wenig, wenn man nicht bereit ist, richtig Gas zu geben. Ich musste oft mehr arbeiten, um meine Schwächen auszugleichen. Irgendwann wurde das zu meinem eigenen Motor.

Wie war das: eine Lese-Rechtschreib-Schwäche in einer Branche, in der Kommunikation und Präsentation alles sind – eher Handicap oder heimlicher Superpower-Filter für Bullshit?

Man entwickelt tatsächlich andere Fähigkeiten. Bei mir war es vor allem Schnelligkeit und dieses permanente Vorausschauen. Schon in der Grundschule, wenn reihum vorgelesen wurde, habe ich immer im Stillen ausgezählt, an welchem Satz ich dran bin. Nicht, weil ich besonders fleißig war, sondern weil ich genau wusste: Wenn ich nicht vorbereitet bin, stolpere ich. Heute merke ich, dass ich dieses Muster mitgenommen habe. Ich denke oft ein paar Schritte voraus, erkenne Trends, bewerte Situationen schneller, erkenne, wo etwas hakt oder wo Konflikte entstehen könnten. Das ist vielleicht der unerwartete Vorteil: Wenn du eine Schwäche kompensieren musst, trainierst du andere Muskeln, die später im Berufsleben plötzlich richtig wertvoll sind. Wo andere zum Beispiel Mails schreiben oder Präsentationen vorbereiten, habe ich schon immer eher den Kunden angerufen. Dabei versuche ich mich in den Kunden hinein zu versetzten, d.h. zu verstehen, was er braucht, um so gezielter voranzukommen. Fakt ist, man muss mit der Schwäche immer 120 Prozent geben, um das auszugleichen. Also ja, ausgerechnet die Lese-Rechtschreib-Schwäche hat mir Dinge beigebracht, die ich anders wahrscheinlich nie gelernt hätte. Das Gute an unserer Zeit ist, dass es mittlerweile schon in der Schule Förderangebote gibt und auf diese speziellen Talente, die die Lese-Rechtschreibschwäche mit sich bringt, eingegangen wird.

Gab es Momente, in denen du dachtest: „Ich passe hier nicht rein“ – und wie hast du dich trotzdem durchgesetzt?

Ja, solche Momente gab und gibt es. Aber dieses Gefühl hat jeder, der Erfolg will und jeder hat seine eigenen Schwächen. Wenn man ohne Studium unterwegs ist, sitzt man manchmal in Runden, in denen man sich fragt, ob man hier überhaupt richtig ist. Da wird mit Fachbegriffen jongliert, mit Studien argumentiert, aber meine Erfahrung aus solchen Runden zeigt mir: Am Ende des Tages kocht auch die Wissenschaft nur mit Wasser. Und ich bilde mich regelmäßig fort, gerade was Branchenwissen und KI angeht. Ich hole mir mein Wissen eben anders: praxisnäher, direkter und immer aktuell.

Wie gesagt, komme ich vom Marktstand meines Opas. Ich konnte schon immer extrem gut im Kopf rechnen. Während andere erst noch den Taschenrechner suchen, bin ich längst fertig und habe schon Preise und Rabatte bestimmt. Und genau darum geht es im Handel: schnell verstehen, richtig einschätzen, konsequent entscheiden. Kurzum, ich kann mich durchsetzen, weil ich weiß, dass ich Fähigkeiten habe, die im Handel zählen. Am Ende entscheidet nicht der Abschluss, sondern welche Ergebnisse du lieferst. Gerade im Verkauf sind die Ergebnisse wichtig und am 01.01. eines jeden Jahres wird immer alles auf 0 gestellt und man startet neu.

Viele würden mit deiner Geschichte in die Opferrolle rutschen. Du hast sie zum USP gemacht. Wie trainiert man diesen Perspektivwechsel?

Für mich war das kein plötzlicher Aha-Moment, sondern eher eine Frage der Haltung. Ich wollte meine Geschichte nie als Ausrede benutzen. Ja klar, viele rutschen vielleicht auch ungewollt in die Opferrolle. Aber die bringt einen nicht nach vorne. Der Perspektivwechsel fängt damit an, die Situation nicht zu dramatisieren. Ich sag mir immer: Es ist, wie es ist und jetzt mach was draus! Ich kann zwar nicht alles so wie die anderen, aber ich kann einiges, was andere eben nicht können. Mir hat außerdem geholfen, den Blick nicht ständig auf andere zu richten, sondern auf das zu schauen, was ich selbst einbringen kann. Jeder noch so kleine Erfolg erzeugt Momentum und erleichtert den nächsten Schritt. Absolut wichtig sind mir Menschen in meinem Umfeld, die ehrlich zu mir sind. Was ich nicht gebrauchen kann sind Mitleid und Schönreden, sondern echte Unterstützung und konstruktive Kritik. Ich schaue immer nach vorne und weiß um meine Fähigkeiten. Und man wird nach und nach besser und lernt besser damit umzugehen, je älter man wird. Das zeigen auch viele andere erfolgreiche und prominente Leute, wie Jamie Oliver zum Beispiel, die offen dieses Thema ansprechen und aus der Tabuzone holen.

In Zeiten, in denen jeder von „Authentizität“ redet: Wie viel Mut braucht es wirklich, Schwächen offen zu zeigen – vor Investoren, Mitarbeitenden, Partnern?

Mehr Mut, als viele denken. In einer Welt, die heute noch viel mehr darauf abzielt, dass alles absolut perfekt und auf Hochglanz ist, durch Sozial Media usw., ist es schwer. Alle reden heute über Authentizität, aber sobald man vor Investoren, Mitarbeitern oder Partnern sitzt, spürst du den alten Druck: souverän und möglichst fehlerfrei sein. Schwächen offen anzusprechen fühlt sich da schnell an wie ein Risiko. Für mich war der Wendepunkt die Einsicht, dass man langfristig nichts gewinnt, wenn man versucht, jemand zu sein, der man nicht ist. Menschen merken, wenn du dich verstellst. Und es kostet unheimlich viel Energie, ständig eine Rolle zu spielen. Wenn ich anderen klar sage, was ich kann und was ich nicht kann, entsteht ein viel ehrlicheres Fundament.

Und natürlich habe ich auch Strukturen geschaffen, die mir helfen – zum Beispiel meine Assistentin, die vieles abfängt, sortiert und gewisse Vor- und Nacharbeit leistet. Es gibt heute tolle Software und auch KI ist für mich ein Game Changer. Ich finde, das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität. Jeder erfolgreiche Unternehmer baut sein Umfeld so, dass er sich auf seine Stärken konzentrieren kann. Ehrlichkeit ist die Grundlage für Vertrauen, und Vertrauen ist immer wertvoller als eine Fassade.

Du führst ein wachsendes Unternehmen. Wie gehst du mit deiner Schwäche heute im Führungsalltag um – und wie mit Mitarbeitern, die ihre eigenen haben?

Wichtig ist, dass man offen mit dieser Schwäche umgeht, sie anspricht, und dass das Problem da ist. Oder auch wenn Mitarbeiter mich ansprechen, ist es ja so, alle bekommen das auch mit, dass der Herr Fischer manchmal etwas komisch schreibt, gerade in stressigen Situationen. Es gibt auch Situationen wo Humor hilft und ich mich selbst auf die Schippe nehme. Das macht es lockerer, so dass auch Mitarbeiter keine Angst haben müssen das anzusprechen, wenn sie etwas nicht verstehen. Diese Offenheit hilft natürlich auch umgekehrt.

Klar ist es für mich einfacher, sich in Mitarbeiter rein zu versetzten die eine Schwäche haben. Hier kann ich auch gerade bei jungen Kollegen helfen und sagen: Du bist nicht alleine oder wie können wir als Sierra Madre dich fördern um deine Stärken mehr nach vorne zu stellen.

Hier gibt es keine Standard-Vorgehensweise aber ich weiß, dass Menschen die eine solche Schwäche haben, oft mehr leisten müssen um ans Ziel zu kommen und da fühle ich 100 Prozent mit.

Wie hast du gelernt, dich in einer Welt voller Texte, E-Mails und Präsentationen durchzuschlagen – hast du Tricks, Tools oder einfach verdammt gute Leute um dich?

Ich musste meinen eigenen Weg finden – und der ist anders als bei vielen anderen. Ich bin ein Mensch, der viel über Hören und Sehen lernt. Ich liebe zum Beispiel Podcasts und Dokus, weil Informationen dort viel direkter bei mir ankommen. Ich verschicke auch gerne Sprachnachrichten, das beschleunigt die Kommunikation enorm. Was mir auch noch hilft ist mein Gedächtnis. Ich kann mir unfassbar viel merken, ohne etwas aufzuschreiben. Das ist ein Vorteil, den ich mir nie erarbeitet habe – der war einfach da. Was ich inzwischen auch enorm schätze, ist KI. Sie nimmt mir nicht das Denken ab, aber sie korrigiert, sortiert, strukturiert und filtert. Dinge, für die ich früher gefühlte Ewigkeiten gebraucht habe. Und, ich habe ein verdammt starkes Team um mich herum. Es sind Leute dabei, die genau da stark sind, wo ich es nicht bin, und die meine Arbeitsweise nicht nur akzeptieren, sondern auch nutzen und schätzen. Wir ergänzen uns, statt uns gegenseitig zu korrigieren. Dazu hatte ich in meinem Leben auch Menschen wie Guido Klaumann die in mir was gesehen haben und haben machen lassen und keinen Druck aufgebaut haben. Auch habe ich die Einstellung „einfach erst mal machen!“ Also ich laufe los, ohne mir über Probleme Gedanken zu machen. Dabei habe ich das Ziel vor Augen, egal ob es das Erobern von dem einem neuen Kunden ist oder, oder, oder. Entschuldigen oder rechtfertigen kann ich mich, wenn falsch liege oder etwas schief geht dann immer noch.

Wenn du heute einen Brief an dein 15-jähriges Ich schreiben würdest – würdest du ihn diktieren oder einfach sagen: „Mach’s auf deine Weise“?

Auf keinem Fall würde ich meinem 15-jährigen Ich einen langen Brief schreiben – so ein Brief hätte mich in dem Alter total genervt. Ich würde mich eher hinstellen oder eine Videobotschaft schicken und sagen: „Lass dich nicht verrückt machen, nur weil du anders lernst oder andere Wege gehst. Vertraue auf dein Bauchgefühl, denn das bringt dich weiter als jedes Lehrbuch. Du musst nicht perfekt sein, um erfolgreich zu sein. Bleib dir treu und sei fleißig. Der Rest wächst automatisch mit dir.“

Sierra Madre hat sich vom klassischen Großhändler zur Markenagentur gewandelt – was war der Moment, an dem du wusstest: Wir müssen das ganze Ding neu denken, sonst bleiben wir stehen?

Ich muss zugeben den ersten Impuls dazu hat Guido Klaumann, unser Gründer, gegeben. Wir haben zusammen vor mehr als 17 Jahren darüber gesprochen was wir eigentlich wollen und wohin die Reise gehen soll. Wir haben erkannt, dass wir etwas tun müssen, weil wir sonst auf der Strecke bleiben. Wir wollten mehr sein, als nur ein klassischer Großhändler im Lebensmittelbereich. Die Spirituose hatte uns immer gefallen und damit war klar, lass uns damit mal anfangen. Wie so oft, hatten wir erst nur einen groben Plan und haben mit Tequila 100 % Agave losgelegt und der Durchbruch kam dann mit den Premium Rums zum Beispiel Don Papa oder Botucal. Wir hatten in vielen Dingen keine Erfahrung und haben gemeinsam später auch mit Marcus da Costa die richtigen Bauchentscheidungen getroffen. Natürlich hatten wir eine Idee, wie das ungefähr aussehen soll, aber dass das alles so gekommen ist, können wir heute oft noch nicht glauben.

Ihr steht heute für Spirituosen mit Haltung, nicht für Massenware mit Rabattcode – wie gelingt es euch, im Haifischbecken der Branche eigenständig zu bleiben, ohne den Spirit zu verlieren?

Ich glaube, in unserer DNA ist fest verankert, dass wir versuchen immer anders zu sein und auch mal Dinge schneller auszuprobieren. Oft hat man nicht viel zu verlieren, wenn man mal auf die Nase fällt, dann machen wir was anderes tolles Neues. Es spielt auch viel eine Rolle, wo wir herkommen. Sierra Madre ist immer noch jung im Spirituosen Game und wir müssen immer schneller und kreativer sein, weil wir nicht die gleichen Budgets wie Mitbewerber haben und das schärft die Sinne auf andere Argumente, die wir raustellen müssen.

Dazu kommt, dass wir glaube ich alle im Team auch hungrig sind und Sierra Madre gut positionieren wollen. Wichtig ist aber, dass wir immer versuchen Produkte zu haben hinter denen wir selbst stehen können. Wenn wir und das Team nicht dahinterstehen, dann kann es nichts werden. Alles in allem sind wir gut aufgestellt und müssen auch nicht jeden Deal machen, weil wir auch eine Verantwortung gegenüber unseren Markenpartnern haben, die auch sehen wollen, dass wir mit Ihrer Marke gewissenhaft umgehen. Da muss man wie bei meiner Schwäche auch andere Wege gehen und das tun wir.

Am Ende des Tages zählt aber, dass wir das alles machen, weil es uns Spaß macht und nur so können wir weiter erfolgreich sein.

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