Business & Beyond 2029 frisst den Staat: Warum Deutschland bald alles bezahlt – außer seine Zukunft

2029 frisst den Staat: Warum Deutschland bald alles bezahlt – außer seine Zukunft

2029 liegt jenseits des politischen Horizonts der aktuellen Regierung. Für Ökonomen ist dieses Jahr allerdings beängstigend nah. Eine von ihnen ist Veronika Grimm. Die Wirtschaftsweise hat kürzlich im Fernsehen einen Satz gesagt, der hängen bleibt, weil er so wenig Spielraum lässt: „Schon 2029 werden die Ausgaben für Soziales, Verteidigung und für die Zinsen, die wir gerade jetzt bezahlen müssen, die gesamten Einnahmen des Bundes auffressen.“

Die Zahlen geben ihr recht. Der Bundeshaushalt 2025 lag bei rund 493 Milliarden Euro, die Einnahmen bei knapp 428 Milliarden. Die reinen Steuereinnahmen des Bundes betrugen 2024 gut 385 Milliarden Euro. Fast die Hälfte davon – rund 175 Milliarden – fließt bereits heute in Arbeit und Soziales. Tendenz steigend. Dazu kommen Verteidigungsausgaben, die laut Finanzplanung bis 2028 auf mehr als 70 Milliarden Euro anwachsen sollen, zusätzlich zum Sondervermögen für die Bundeswehr. Und dann sind da die Zinsen. Nach Jahren der Nullnummer zahlt der Bund seit 2024 wieder über 40 Milliarden Euro jährlich für den Schuldendienst. Mit jeder Refinanzierung zu höheren Zinsen wächst dieser Posten weiter.

Addiert man diese drei Blöcke, wird klar, was Grimm meint. Nach Schätzungen des Finanzministeriums steigen die Sozialausgaben des Bundes bis 2028 auf über 200 Milliarden Euro. Die Zinsausgaben könnten sich in wenigen Jahren nahezu verdoppeln. Gleichzeitig wächst der Verteidigungshaushalt strukturell. Bleibt dieser Kurs bestehen, sind die laufenden Einnahmen des Bundes weitgehend verplant – bevor überhaupt über neue politische Projekte gesprochen wird. Der Staat wäre nicht pleite, aber gelähmt.

Die Ursache liegt nicht in Tagespolitik, sondern in der Demografie und im Zinsumfeld. Seit 2025 gehen die Babyboomer schrittweise in Rente. Schon heute kommen auf 100 Erwerbstätige rund 54 Rentner. Bis 2035 werden es über 65 sein. Jeder zusätzliche Rentner erhöht die Ausgaben, während die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Gleichzeitig holen steigende Zinsen die Vergangenheit ein. Schulden, die lange kaum Kosten verursachten, schlagen nun dauerhaft im Haushalt durch. Ifo-Präsident Clemens Fuest bringt es trocken auf den Punkt: Bei höherer Zinslast bleibt weniger Geld für andere Aufgaben. Das ist keine Ideologie, das ist Arithmetik.

Die Rechnung ist brutal simpel

Rächt sich nun die große Investitionsoffensive der neuen Regierung? 2025 hat der Bundestag ein lange undenkbares Paket beschlossen: eine Reform der Schuldenbremse und ein kreditfinanziertes Sondervermögen von rund 500 Milliarden Euro für Infrastruktur, Klimaschutz und Modernisierung. Historisch in der Dimension, überfällig in der Sache. Marode Straßen, kaputte Schulen, veraltete Schienen und digitale Funklöcher lassen grüßen.

Doch dieses Paket löst Grimms Problem nicht, es verschiebt es. Denn das Sondervermögen ist für Investitionen reserviert, nicht für laufende Ausgaben. Es schafft Zeit, aber keine strukturelle Entlastung. Wenn Soziales, Verteidigung und Zinsen den Regelhaushalt dominieren, hilft auch eine halbe Billion Euro nur begrenzt. Die Bindung der ordentlichen Haushaltsmittel bleibt bestehen.

Die Zahlen dahinter sind gnadenlos. Selbst ohne neue Krisen steigt die Zinslast laut Projektionen von rund 29 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf über 45 Milliarden Euro bis 2028. Gleichzeitig wachsen Renten-, Pflege- und Gesundheitsausgaben. Und der Investitionsbedarf bleibt enorm: Allein die Bahn benötigt bis 2029 deutlich über 100 Milliarden Euro für Modernisierung.

Grimms Satz ist deshalb kein Pessimismus, sondern eine Diagnose. Die Investitionsoffensive ist ein Kraftakt – aber sie ersetzt keine Reform des Regelhaushalts. Wer nur Schuldenregeln lockert, pumpt Luft in einen Ballon, ohne das Material zu verstärken. DIW-Ökonom Marcel Fratzscher warnt genau davor: Investitionen brauchen Spielraum, aber auch klare Anreize zur Konsolidierung. Sonst gibt der Staat immer mehr aus, ohne wirklich steuern zu können.

Der Punkt ist simpel und brutal zugleich: Wer 2029 noch gestalten will, muss jetzt entscheiden. Renten, Krankenkassen, Effizienz des Staates – alles steht auf dem Tisch. Die Einnahmeseite hilft nur begrenzt. Die Steuer- und Abgabenquote liegt bereits bei rund 40 Prozent des BIP. Steuererhöhungen sind möglich, aber riskant. Selbst die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, schließt sie nicht mehr aus und warnt, der Bundeshaushalt sei ab 2029 nicht mehr ausfinanziert.

2029 ist kein Weltuntergang. Aber es ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob Deutschland handelt oder nur noch verwaltet. Wenn Soziales, Zinsen und Verteidigung alles binden, wird jede Idee zur Finanzfrage. Und jede Finanzfrage zur Machtfrage. Grimms Warnung ist keine Panik. Sie ist ein Stresstest. Und der läuft bereits.

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