Business & Beyond Agenda 2.0: Söder will Deutschland eine Stunde länger arbeiten lassen

Agenda 2.0: Söder will Deutschland eine Stunde länger arbeiten lassen

CSU-Chef Söder fordert Sozialreformen nach Agenda-Vorbild und eine Stunde mehr Arbeitszeit pro Woche. Die SPD blockt ab – ein Wirtschaftskonflikt mit Symbolkraft für Deutschlands Zukunftsfähigkeit.

Die deutsche Wirtschaft steckt im Transformationsstress. Während die Exportmärkte schwächeln und Energiekosten steigen, entbrennt in Berlin ein Grundsatzstreit um die Wochenarbeitszeit. CSU-Chef Markus Söder prescht mit einem Vorschlag vor, der das Arbeitsmodell Deutschland auf den Prüfstand stellt: Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche soll her – als Teil einer größeren Sozialstaatsreform nach Vorbild der Agenda 2010.

Agenda-Flashback: Söder will Schröders Erbe fortführen

Mit seinem Vorstoß knüpft Söder bewusst an die umstrittenen, aber wirtschaftlich erfolgreichen Reformen der Schröder-Ära an. Er verwies auf die Agenda 2010 aus dem Jahr 2003, die in der Amtszeit des damaligen SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder umgesetzt wurde. Damit habe die SPD dem Land einen großen Dienst erwiesen.

Der CSU-Chef sieht die Notwendigkeit einer ähnlichen Reform angesichts der demografischen Entwicklung und veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen. Söder argumentiert, Deutschland habe sein altes Geschäftsmodell verloren: Die automatische Sicherheit durch die USA, billige Energie aus Russland und „einen riesigen Exportmarkt“ in China – all das sei nicht mehr gegeben, wie „n-tv“ aus dem Interview mit Söder zitiert. Die logische Konsequenz für den CSU-Chef: Wir müssen länger arbeiten.

Arbeitszeitdebatte: Schweizer Modell gegen deutsche Realität

Konkret fordert Söder eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde. Laut „Bild“ argumentiert er mit dem Schweizer Modell, wo die Vollzeitarbeit bei 42 Stunden liegt, während deutsche Vollzeitbeschäftigte im Schnitt nur 40,2 Stunden pro Woche arbeiten.

„Das bedeutet nicht nur, dass man im Leben länger arbeiten muss, sondern auch, vielleicht im Alltag länger arbeiten muss“, so Söder laut „n-tv“. Die Unterstützung aus der Wirtschaft folgt prompt. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, stellt sich hinter Söders Vorstoß und erklärt, mehr Arbeit bedeute mehr Wohlstand und soziale Sicherheit. Auch Wolfgang Steiger vom CDU-Wirtschaftsrat unterstützt die Initiative, wie „Bild“ berichtet.

Widerstand von SPD und Gewerkschaften

Die SPD reagiert ablehnend. Wirtschaftsexperte Armand Zorn kontert, Wirtschaftsleistung entstehe durch neue Technologien, nicht durch pauschale Arbeitszeitverlängerungen. SPD-Fraktionsvize Siemtje Möller verweist auf die bereits hohe Arbeitsbelastung: In Deutschland gebe es so viele Überstunden wie nie zuvor – viele davon unbezahlt.

Auch die Gewerkschaften laufen Sturm. IG-Metall-Chefin Christiane Benner betont laut „Bild“, der Industriestandort werde nicht durch mehr Arbeit gerettet, sondern durch Investitionen und gesunde Beschäftigte, die Arbeit und Leben vereinbaren können. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt vor negativen Auswirkungen besonders für Frauen, die neben dem Beruf Familienarbeit leisten.

Söders SPD-Strategie: Provokation mit Kalkül

Söder geht mit seiner Forderung bewusst auf Konfrontationskurs zur SPD – und versucht gleichzeitig, die Sozialdemokraten zu einer wirtschaftsfreundlicheren Positionierung zu drängen. „Da hoffe ich, dass die SPD das am Ende versteht“, so Söder laut „n-tv“.

Der CSU-Chef geht noch weiter und erklärt, er wolle „der SPD ein bisschen helfen, dass sie wieder eine Arbeitnehmerpartei wird“, wie „n-tv“ berichtet. Die Debatte offenbart einen fundamentalen wirtschaftspolitischen Konflikt: Während Söder auf klassische Leistungssteigerung durch mehr Arbeit setzt, verweist die SPD auf Produktivitätsgewinne durch Technologie und die Bedeutung der Work-Life-Balance.

Business Punk Check

Söders Agenda-Nostalgie ignoriert die Realität moderner Arbeitswelten. Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche klingt nach wenig, würde aber jährlich über 40 zusätzliche Arbeitsstunden pro Vollzeitkraft bedeuten – ohne Garantie für entsprechende Produktivitätssteigerungen. Die eigentlichen Wachstumsbremsen liegen woanders: überbordende Bürokratie, mangelnde Digitalisierung und fehlende Fachkräfte.

Progressive Unternehmen setzen längst auf flexiblere Modelle wie 4-Tage-Wochen bei gleicher Produktivität. Statt pauschal die Arbeitszeit zu verlängern, wäre eine Flexibilisierung mit individuellen Optionen der klügere Weg. Für Arbeitgeber bedeutet das: Wer im Wettbewerb um Talente bestehen will, sollte auf moderne Arbeitsmodelle setzen, nicht auf Mehrarbeit.

Häufig gestellte Fragen

  • Würde eine Stunde mehr Arbeitszeit pro Woche die deutsche Wirtschaft wirklich stärken?
    Eine pauschale Arbeitszeitverlängerung garantiert keine Produktivitätssteigerung. Studien zeigen, dass fokussierte Arbeit in kürzerer Zeit oft effizienter ist. Unternehmen sollten stattdessen auf Prozessoptimierung, Digitalisierung und flexible Arbeitszeitmodelle setzen.
  • Wie könnten Unternehmen statt längerer Arbeitszeiten ihre Produktivität steigern?
    Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und Weiterbildung bringen nachhaltigere Produktivitätsgewinne als pure Arbeitszeitverlängerung. Zudem zeigen Studien, dass flexible Arbeitsmodelle und bessere Work-Life-Balance die Mitarbeitermotivation und damit die Leistung steigern.
  • Welche Branchen würden von einer Arbeitszeitverlängerung profitieren, welche nicht?
    Arbeitsintensive Dienstleistungsbranchen könnten kurzfristig profitieren. Wissensintensive Bereiche wie IT oder Kreativwirtschaft würden dagegen kaum Mehrwert generieren, da hier Qualität statt Quantität entscheidet. Der Mittelstand müsste zwischen Produktivitätsgewinn und höheren Personalkosten abwägen.
  • Wie positionieren sich zukunftsorientierte Unternehmen in dieser Debatte?
    Progressive Unternehmen setzen auf ergebnisorientierte statt zeitbasierte Arbeitsmodelle. Sie experimentieren mit 4-Tage-Wochen, flexiblen Arbeitszeiten und hybriden Arbeitsorten. Für sie ist die Arbeitszeitdebatte ein Anachronismus – sie messen Erfolg an Ergebnissen, nicht an Anwesenheitsstunden.
  • Was bedeutet die Debatte für den Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Vergleich?
    Während andere Industrienationen in Digitalisierung, KI und neue Arbeitsmodelle investieren, verharrt Deutschland in einer Debatte aus den 2000er Jahren. Für den Standort wäre eine Modernisierungsoffensive mit Fokus auf Digitalisierung, Bürokratieabbau und Fachkräftegewinnung wertvoller als eine Stunde mehr Arbeit.

Quellen: „Bild“, „n-tv“

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