Business & Beyond Autoindustrie in der Krise: Die Belegschaft soll das Managementversagen bezahlen

Autoindustrie in der Krise: Die Belegschaft soll das Managementversagen bezahlen

Die deutsche Autoindustrie streicht Jobs, kürzt Gehälter und fordert mehr Arbeit für weniger Geld. Über 33.000 Beschäftigte gehen auf die Straße, die IG Metall kündigt einen heißen Sommer an.

Die deutsche Autoindustrie steckt in der Krise. Doch statt strategischer Antworten gibt es Kahlschlag. Mercedes verschiebt Sonderzahlungen, VW plant angeblich die Schließung von vier Werken, und überall wird Personal abgebaut. Die Rechnung für jahrelange strategische Fehlentscheidungen soll nun die Belegschaft begleichen. Über 33.000 Beschäftigte haben bereits protestiert – und das ist erst der Anfang.

Stellenabbau als Strategie-Ersatz

VW hat bereits 50.000 Stellen bis 2030 zur Disposition gestellt. 35.000 Jobs sollen allein bei der Kernmarke wegfallen, der Rest bei Audi und Porsche. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben bereits unterschrieben. Doch das reicht dem Management offenbar nicht: Laut n-tv könnte sich die Zahl auf bis zu 100.000 Stellen weltweit verdoppeln. Vier deutschen Werken, Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm, droht Medienberichten zufolge die Schließung.

Die Begründung: China-Geschäft schwächelt, US-Zölle drücken die Marge, E-Mobilität läuft schleppend. Alles Probleme, die nicht die Beschäftigten verursacht haben. Mercedes setzt ebenfalls auf Personalabbau und hat ein Abfindungsprogramm aufgelegt. Beim Zulieferer Mahle verzichteten 4.000 Beschäftigte auf Tariferhöhungen und Weihnachtsgeld – im Gegenzug gibt es Kündigungsschutz bis Ende 2029. Ein Deal aus der Not heraus.

Fünf Stunden mehr für null Euro mehr

Mercedes-Chefaufseher Martin Brudermüller hatte in einem Interview mit dem Handelsblatt eine Debatte losgetreten, die für Empörung sorgt: Zurück zur 40-Stunden-Woche, für dasselbe Gehalt. Der Vorstand schrieb an die Belegschaft, die Arbeitsstunde müsse günstiger werden. „Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten“, so die Botschaft. In der deutschen Autoindustrie gilt bei tarifgebundenen Unternehmen die 35-Stunden-Woche als Standard. Gesetzlich verpflichtend ist sie nicht – aber hart erkämpft.

Die IG Metall mobilisierte daraufhin mehr als 33.000 Mercedes-Beschäftigte zu bundesweiten Protesten. „Hallo Management: So läuft es nicht! Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern? Sicher nicht!“, sagte Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, laut Igmetall in Düsseldorf. Die Gewerkschaft kündigt einen „heißen Sommer“ an – und das vor der Tarifrunde im Herbst.

Weniger Geld, mehr Unsicherheit

Die Sparmaßnahmen treffen die Beschäftigten auch finanziell. Mercedes verschiebt eine tarifliche Sonderzahlung von Juli auf April 2026 – mit dem Vorbehalt, sie ganz zu streichen. Die traditionell üppigen Mitarbeiterboni bei deutschen Autobauern fallen deutlich niedriger aus oder werden komplett gestrichen, wie bei Porsche. „Das Vorgehen des Unternehmens verunsichert und demotiviert viele Kolleginnen und Kollegen massiv. Statt Perspektiven für Standorte und Beschäftigung zu schaffen, wird Druck aufgebaut“, kritisierte Ergun Lümali, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Mercedes-Benz, vor dem Werkstor in Sindelfingen, gegenüber IGMetall.

Die IG Metall macht klar: Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Misere. „Die Ursachen der aktuellen Herausforderungen liegen nicht bei den Beschäftigten. Weder die Entwicklung in China, geopolitische Spannungen noch steigende Energiepreise wurden von ihnen verursacht“, so der Gesamtbetriebsrat von Mercedes-Benz. Barbara Resch, Leiterin der IG Metall Baden-Württemberg, brachte es auf den Punkt: „Mercedes zeigt gerade eindrucksvoll, wie man es nicht macht. Die 35-Stunden-Woche ist kein Auslaufmodell, gute Tarifverträge sind kein Standortnachteil, und Beschäftigte sind keine Verfügungsmasse.“

Proteste weiten sich aus

In Bremen, Hamburg und Emden gingen Tausende Beschäftigte auf die Straße. Allein in Bremen beteiligten sich laut Heise rund 5.000 Menschen, in Emden mehr als 4.000 VW-Mitarbeiter. Das Bremer Mercedes-Werk beschäftigt 11.000 Menschen und ist der größte private Arbeitgeber der Region. Weitere Aktionen fanden in Sindelfingen, Stuttgart, Rastatt, Kuppenheim, Düsseldorf, Berlin, Hamburg und Germersheim statt. „Ob Mercedes oder Volkswagen, die Beschäftigten sind nicht bereit, die Zeche für das Managerversagen zu zahlen“, sagte Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, laut heise. Die Gewerkschaft fordert von den Vorständen echte Zukunftsstrategien statt Kahlschlag.

„Wer Wettbewerbsfähigkeit sichern will, muss in starke Produkte, moderne Technologien und die deutschen Standorte investieren. Zukunft entsteht durch Innovation, kluge Strategie und die Einbindung der Beschäftigten“, so Ergun Lümali. Christiane Benner ergänzte: „Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die Transformation absichert – mit Investitionen, klaren Standortzusagen und guten Jobs. Renditeinteressen dürfen nicht über die Zukunftsfähigkeit ganzer Standorte gestellt werden.“.

Business Punk Check

Die deutsche Autoindustrie hat ein Managementproblem, kein Kostenproblem. Jahrelang wurde der Wandel zur E-Mobilität verschlafen, China-Strategien erwiesen sich als Fehlkalkulation, und nun soll die Belegschaft die Rechnung zahlen. Fünf Stunden mehr Arbeit für null Euro mehr Gehalt – das ist kein Sparkurs, das ist Kapitulation vor der eigenen Unfähigkeit. Die Wahrheit ist: Wer heute Werke schließt und Zehntausende Jobs streicht, hat morgen keine Belegschaft mehr, die den Turnaround stemmen kann.

Die IG Metall hat recht, wenn sie Investitionen in Produkte und Standorte fordert statt Kahlschlag. Denn während Mercedes und VW sparen, investieren chinesische Hersteller Milliarden in neue Technologien und Produktionskapazitäten. Die Politik muss jetzt liefern: Eine aktive Industriepolitik mit klaren Standortzusagen, Investitionsanreizen und einer Transformation, die nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Sonst wird aus dem „heißen Sommer“ der IG Metall ein langer, kalter Winter für die deutsche Autoindustrie.

Quellen: n-tv, Igmetall, Heise

Das könnte dich auch interessieren