Business & Beyond BASFs 8,7-Milliarden-Wette auf China – Ludwigshafen zahlt die Zeche

BASFs 8,7-Milliarden-Wette auf China – Ludwigshafen zahlt die Zeche

Während in Ludwigshafen über 1.000 Stellen abgebaut werden, lässt BASF in der chinesischen Küstenstadt Zhanjiang die Sektkorken knallen. 8,7 Milliarden Euro hat der Konzern in seinen drittgrößten Verbundstandort weltweit gepumpt – die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Doch die Feierlaune täuscht: Die Rechnung, die 2018 unter Angela Merkel aufging, ist heute Makulatur.

China-Chef Markus Kamieth räumt ein, dass Profitabilität und Margen „deutlich unter“ den ursprünglichen Erwartungen liegen werden. Willkommen in der Realität eines überversorgten Marktes mit historisch niedrigen Preisen.

Fanfaren für eine Fehlinvestition

Die Inszenierung in Zhanjiang gleicht einem Staatsakt: Funktionärssessel, Tribünen, chinesische Politkader in der ersten Reihe. Selbst Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche liefert per Video ein Grußwort ab und schwärmt von „stabilen wirtschaftlichen Beziehungen“ mit China. Was sie verschweigt: Diese Beziehung ist eine Einbahnstraße. BASF erwirtschaftet gerade einmal 14 Prozent seines globalen Umsatzes in China – bei einem Marktanteil von 50 Prozent der weltweiten Chemienachfrage ein desaströses Verhältnis. Das neue Werk soll diese Lücke schließen, doch der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein.

Chinas Chemiemarkt ist nicht mehr das Eldorado der 2000er-Jahre. Überkapazitäten drücken die Preise, lokale Wettbewerber greifen an, die Binnennachfrage schwächelt. Laut n-tv sind die Margen im Chemiesektor in den vergangenen Jahren erheblich gefallen. BASF startet in Zhanjiang also in einen Verdrängungswettbewerb, den chinesische Staatsunternehmen mit billigeren Produktionskosten und politischer Rückendeckung dominieren. Die Strategie „in China für China“ klingt gut – funktioniert aber nur, wenn der Markt mitspielt.

Ludwigshafen blutet, China wächst

Der Kontrast ist brutal: Während BASF in Zhanjiang vier Quadratkilometer Produktionsfläche, einen eigenen Tiefseehafen und Anlagen für Basis- und Spezialchemikalien hochzieht, werden am Stammsitz in Ludwigshafen Anlagen stillgelegt und Sparprogramme durchgepeitscht. Über 1.000 Jobs fielen allein im vergangenen Jahr weg. Kamieths Rechtfertigung? „Eine BASF, die nicht in China investiert ist, ist eine schwächere BASF.“ Übersetzung: Der Heimatmarkt muss bluten, damit der Konzern in Fernost mitspielen kann.

Die Logik dahinter ist ökonomisch nachvollziehbar, politisch aber toxisch. Deutsche Schlüsselindustrien verlagern Kapital und Know-how in ein autokratisches Regime, das Menschenrechte mit Füßen tritt und Taiwan mit Invasion droht. Ein Konflikt um die Inselrepublik würde nicht nur globale Lieferketten zerreißen, sondern auch BASFs Milliardeninvestition gefährden. Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft bringt es auf den Punkt: Im schlimmsten Fall wird das Produktionsvermögen verstaatlicht. Dann ist das Geld weg.

Die China-Falle schnappt zu

BASF ist kein Einzelfall. Laut Tagesschau wollen mehr als die Hälfte der deutschen Chemieunternehmen ihre China-Investitionen in den nächsten zwei Jahren erhöhen. Auch Maschinenbauer und Autohersteller wie Volkswagen – 3,5 Milliarden Euro in Hefei – folgen diesem Muster. Oliver Oehms von der Außenhandelskammer bestätigt: „Deren Zulieferer sehen sich gezwungen, sich stärker im Markt zu engagieren.“ Kostendruck und Kundennähe zwingen deutsche Mittelständler in die Abhängigkeit von Peking. Das Perfide: BASF knickt bereits vor chinesischen Autoritäten ein.

Nach der Eröffnungsfeier untersagte ein Firmensprecher Journalisten, Inhalte aus einem Interview mit einem ranghohen chinesischen Politiker zu verwenden – auf Verlangen der chinesischen Seite. Wer so agiert, hat die Kontrolle längst abgegeben. Die Frage ist nicht mehr, ob BASF sich abhängig macht, sondern wie teuer diese Abhängigkeit wird.

Business Punk Check

8,7 Milliarden Euro in einen überversorgten Markt mit Preisverfall zu pumpen, während der Heimatstandort ausblutet, ist keine Zukunftssicherung – es ist Kapitalvernichtung mit Ansage. Die geopolitischen Risiken sind real: Taiwan, Menschenrechtsverletzungen, Abhängigkeit von einem Regime, das westliche Unternehmen als Geiseln nutzen kann. Kamieths Argument, ohne China sei BASF schwächer, ist richtig – aber mit China wird der Konzern erpressbar. Die unbequeme Wahrheit: Deutsche Chemieriesen haben den Zeitpunkt verpasst, in dem China noch ein Wachstumsmarkt war. Heute ist es ein Schlachtfeld, auf dem lokale Player mit Staatssubventionen und Dumpingpreisen dominieren.

BASF hätte das Geld besser in Ludwigshafen investiert – in Automatisierung, Kreislaufwirtschaft, grüne Chemie. Stattdessen finanziert der Konzern seinen eigenen Bedeutungsverlust in Fernost. Wer jetzt noch auf China setzt, sollte wissen: Der Exit wird teurer als der Einstieg.

Häufig gestellte Fragen

Warum investiert BASF trotz schwieriger Marktlage weiter in China?

BASF setzt auf den langfristigen Zugang zu 50 Prozent der weltweiten Chemienachfrage, die in China liegt. Der Konzern erwirtschaftet bislang nur 14 Prozent seines Umsatzes dort und will diesen Anteil massiv steigern. Das Problem: Der Markt ist überversorgt, Preise und Margen befinden sich auf historischen Tiefständen. Die Strategie basiert auf der Annahme, dass sich der chinesische Markt erholt – eine Wette mit ungewissem Ausgang.

Welche Risiken birgt die China-Abhängigkeit für deutsche Chemieunternehmen?

Die Risiken sind massiv: geopolitische Spannungen um Taiwan könnten Lieferketten zerreißen, autokratische Strukturen ermöglichen willkürliche Eingriffe bis hin zur Verstaatlichung. Mehr als die Hälfte der deutschen Chemieunternehmen erhöht trotzdem ihre China-Investitionen. Wer heute einsteigt, muss mit Kapitalverlust rechnen, wenn Peking die Spielregeln ändert oder ein Taiwan-Konflikt eskaliert.

Wie rechtfertigt BASF den Stellenabbau in Ludwigshafen bei gleichzeitiger Milliarden-Investition in China?

BASF-Chef Kamieth argumentiert, dass eine schwache BASF auch dem Standort Deutschland schade. Die Realität: In Ludwigshafen verschwinden über 1.000 Jobs, während in Zhanjiang Produktionskapazitäten aufgebaut werden. Der Konzern verlagert Kapital in einen Markt mit niedrigeren Kosten und höherer Nachfrage – auf Kosten des Heimatstandorts. Für Beschäftigte in Deutschland ist das eine Bankrotterklärung.

Was bedeutet BASFs China-Strategie für den deutschen Mittelstand?

Der Mittelstand gerät unter Druck: Zulieferer und Maschinenbauer folgen ihren Großkunden nach China, um Kundennähe zu wahren. Laut Außenhandelskammer sehen sich viele Unternehmen gezwungen, in China zu investieren – getrieben von Kostendruck und Wettbewerb. Das Ergebnis: Auch kleinere Firmen machen sich abhängig von einem Markt, dessen Regeln Peking diktiert. Wer nicht mitgeht, verliert Aufträge. Wer mitgeht, riskiert sein Kapital.

Quellen: n-tv, Tagesschau

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