Business & Beyond EU vs. Social Media: Rettet Regulierung unsere Kids – oder killt sie die Freiheit?

EU vs. Social Media: Rettet Regulierung unsere Kids – oder killt sie die Freiheit?

Zwei Perspektiven prallen aufeinander: Ist die EU-Regulierung von Social Media ein Angriff auf die Meinungsfreiheit oder notwendiger Jugendschutz? Die Debatte zeigt die Grenzen digitaler Demokratie. Business Punk Chefredakteur Oli Stock und Uli Weißgerber zeigen beide Seiten der Medaille und warum das Thema die Gemüter vollkommen zurecht bewegt.

Oliver Stock sieht die Meinungsfreiheit in Gefahr:

Mensch Uli, weißt du: Meinungsfreiheit ist kein Unterpunkt im politischen Betrieb. Sie ist das Betriebssystem der Demokratie. Wer hier schraubt, verändert alles. Gerade deshalb beginnt jede ernsthafte Debatte über die Einschränkung des Zugangs zu Social Media an der falschen Stelle. Es geht nicht um wohlklingende Begründungen.

Es geht nicht um „Jugendschutz“, „Sicherheit“, oder „Schutz vor schädlichen Inhalten“. Natürlich sind das legitime Ziele, da gibt es keine zwei Meinungen. Aber sie beantworten nicht die entscheidende Frage: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn der Zugang zur öffentlichen Debatte reguliert wird? Wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen darüber spricht, digitale Identitätsmodelle auszuweiten, um den Zugang zu Online-Räumen stärker zu organisieren, dann ist das zunächst Politik. Und Politik darf das.

Aber Journalismus darf sich hier nicht mit der Oberfläche zufriedengeben. Denn Social Media ist längst kein Spielplatz mehr. Es ist die Agora unserer Zeit. Wer hier Zugang kontrolliert, kontrolliert nicht nur Inhalte, sondern Sichtbarkeit, Reichweite und im Zweifel auch, wer überhaupt noch spricht. Die entscheidende Verschiebung, die von der Leyen gerade anstößt, passiert leise: Aus einem offenen Raum wird ein konditionierter Raum.

Aus freier Rede wird freigegebene Rede. Und das willst Du doch auch nicht, oder? Natürlich kannst Du argumentieren, dass Altersverifikation sinnvoll ist. Natürlich kann man darüber sprechen, wie man Minderjährige schützt. Aber sobald der Zugang zu Meinungsräumen an Identität geknüpft wird, entsteht ein System, das weit über den ursprünglichen Zweck hinausgeht.

Denn es geht nicht nur darum, wer etwas sehen darf. Es geht darum, wer sich noch traut, etwas zu sagen. Ein Mensch, der weiß, dass seine Äußerung jederzeit eindeutig zu ihm zurückverfolgt werden kann, spricht anders. Vorsichtiger. Angepasster.

Genau das ist der Punkt, an dem Regulierung in Einschüchterung kippen kann, selbst wenn sie nicht so gemeint ist. Und hier wird es für Journalisten unbequem. Denn ihr Job ist nicht, sich reflexhaft auf eine Seite zu schlagen. Ein Journalist muss in der Lage sein, jedes Thema ohne ideologisches Vorab-Urteil zu betrachten. Er muss prüfen, hinterfragen, kontextualisieren auch dann, wenn es gegen die eigene Komfortzone geht.

Aber es gibt eine Grenze: Bei der Meinungsfreiheit endet die Neutralität. Und zwar nicht, weil Journalisten Aktivisten sein sollten. Sondern weil ihre eigene Existenz davon abhängt. Ohne freie Rede gibt es keine kritische Berichterstattung, keine unbequemen Fragen, keine Machtkontrolle. Deshalb gilt: Ein Journalist kann zu allem offen sein, zu jeder politischen Idee, zu jedem Vorschlag, zu jeder Reform.

Nur nicht zu Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Hier braucht es keine Ausgewogenheit im Sinne von „beide Seiten haben recht“. Hier braucht es zur Abwechslung wirklich Haltung. Unmissverständlich. Und im Zweifel unbequem.

Denn wenn der Zugang zur Rede erst reguliert ist, kommt der Rest von allein. Als nächstes geht es darum, wer was sagen darf. Und am Ende darum, wer entscheidet, was gesagt werden darf. Und das will ich nicht, lieber Uli.

Uli Weißgerber sieht in Social Media die (vielleicht) größte Bedrohung überhaupt für unsere Kinder

Mensch, Oli – ich verstehe den Reflex. Sobald Regulierung im Netz kommt, geht bei vielen sofort das Stichwort Meinungsfreiheit an.

Aber genau darum geht es hier eben nicht. Social Media wirkt heute oft subtiler, aber nicht weniger stark als Zucker: Es triggert Belohnungssysteme, verändert Verhalten – und kann abhängig machen. Plattformen wie TikTok oder Meta sind längst keine neutralen Tools mehr, sondern hochoptimierte Umgebungen, die auf maximale Nutzung ausgelegt sind. Wenn wir das ernst nehmen, dann brauchen wir auch klare Leitplanken – gerade für junge Nutzer. Und genau da setzt die EU an: Zugangskontrollen, echte Altersverifikation, mehr Verantwortung.

Im übrigen ist es naiv zu denken, dass man auf Social Media alles sagen kann, ohne zumindest den Tech-Konzernen seine Identität preiszugeben. Die großen Social Media Plattformen kennen uns besser, als wir uns selbst. Und teilweise stellen Sie sogar die Betriebssysteme der Handys wie der Alphabet Konzern mit Android. Mann kennt uns also.

Die Verifizierung ist kein Angriff auf Meinungsfreiheit, sondern eine Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt fair funktionieren kann. Denn Meinungsfreiheit sollte offen ausgelebt werden und man sollte zu seiner Meinung auch als und mit seiner Person offen stehen. Die große neue Freiheit endet aber spätestens da, wo Gesetze mißachtet werden und die Schwächsten – Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung – nicht geschützt, sondern systematisch beeinflusst oder geschädigt werden. Die mentalen Beeinträchtigungen durch den Konsum von Social Media weisen immer mehr Studien nach. Deshalb ist für mich der nächste logische Schritt klar: Plattformen müssen beim Jugendschutz denselben Regeln unterliegen wie klassische Medien. Der Medienstaatsvertrag zeigt ja, wie so ein Rahmen aussehen kann.

Wer Reichweite wie ein Medium hat, muss auch Verantwortung wie ein Medium tragen – und im Zweifel zur Rechenschaft gezogen werden. Um genau diesen Druck zu erhöhen, in diesem Fall durch die Politik, finde ich Mittel wie die Altersverifizierung App einen guten Schritt. Wichtig: Es geht nicht darum, Irgendjemanden und schon gar nicht Jugendliche auszuschließen. Es geht um Schutz durch Regulierung, ergänzt durch Aufklärung. Erst wenn diese Balance passt, entsteht echte Selbstbestimmung in einer offenen und toleranten Gesellschaft, die Niemanden zurücklässt.

Am Ende ist die unbequeme Wahrheit doch: Diese Plattformen sind längst Medien. Wir haben sie nur zu lange nicht so behandelt.

Das könnte dich auch interessieren