Business & Beyond Das Bergson Kunstkraftwerk – 80 Mio. Invest und Startup-Mentalität

Das Bergson Kunstkraftwerk – 80 Mio. Invest und Startup-Mentalität

Das Business Punk Interview

Roman Sladek ist künstlerischer Leiter des Bergson Kunstkraftwerks in München, das wohl ambitionierteste Kulturprojekt Deutschlands mit echter Startup-Mentalität: volles Risiko, volle Verantwortung, null Komfortzone. Er führt das „Bergson“ wie ein echtes Startup. Im Interview mit Business Punk erklärt der Geschäftsführer und Leiter der Jazzrausch Bigband, warum Unsicherheit produktiv ist, warum Plan B lähmt – und weshalb ein privat finanziertes gut 80 Millionen-Kulturprojekt mehr über Unternehmertum verrät als jede Pitch-Deck-Rhetorik. Sein Credo: „Unsicherheit ist meine Lebensqualität“

Ein Gespräch für alle, die nicht verwalten, sondern wirklich Neues bauen wollen. Über Risiko, Vertrauen, lokale Kreativarbeit und die Frage, wann ein Kulturort wirklich „funktioniert“.

Über das Bergson Kunstkraftwerk

Das Bergson Kunstkraftwerk ist ein privat finanziertes Kulturzentrum im Münchner Westen, entstanden aus einem denkmalgeschützten Heizkraftwerk aus den 1920er-Jahren. Nach jahrzehntelangem Leerstand, illegalen Techno-Raves und dem Status als Lost Place wurde das Gebäude ab 2005 von den Allguth-Brüdern Christian und Michael Amberger Schritt für Schritt in einen kulturellen Möglichkeitsraum verwandelt. Mit einem Investitionsvolumen von rund 80 bis 120 Millionen Euro entstand hier ein Ort für Musik, bildende Kunst, Clubkultur, Gastronomie und Begegnung – genreübergreifend und offen für alle Generationen. Herzstück ist der hochmoderne Konzertsaal Elektra Tonquartier, der sich dank innovativer Akustik flexibel an unterschiedlichste musikalische Formate anpasst. Ergänzt wird er durch Deutschlands flächenmäßig größte Galerie für zeitgenössische Kunst, Bars, Restaurant, Jazzclub und Biergarten. Künstlerischer Leiter ist der Musiker Roman Sladek, der das Bergson bewusst ohne Förderlogik und mit unternehmerischer Haltung führt. Seit der vollständigen Öffnung im Oktober 2024 versteht sich das Bergson als kulturelles Gravitationszentrum und neues Zuhause für Münchens freie und etablierte Szene.

Das Business Punk Interview

mit Roman Sladek, Geschäftsführer und Leiter der Jazzrausch Bigband. Sein Credo: „Unsicherheit ist meine Lebensqualität“

Bild: Roman Sladek, kreativer Geist und Macher der Bergson Kunstfabrik

Business Punk: Herr Sladek, braucht München ein Bergson – oder braucht das Bergson München?

Roman Sladek:
Ob München das Bergson braucht, weiß ich nicht. Aber München ist eine Stadt, die so viel Vielfalt hat, dass sie ein Bergson hervorbringen kann. Ich arbeite nicht nach Bedarfskurven oder Wunschlisten, sondern aus intrinsischer Motivation heraus: Erst muss mich etwas selbst umtreiben, dann prüfe ich, ob es auch andere berühren kann. Das Bergson ist keine Bedürfnis-Erfüllungsanstalt, sondern ein Ort, der neue Bedürfnisse weckt. Menschen müssen hier nicht hin – sie müssen wollen. Und sie sollen nicht nur bestätigt, sondern inspiriert, irritiert, manchmal auch provoziert werden. Wenn jemand rausgeht und merkt, dass etwas anders ist als vorher, dann funktioniert es. München gibt uns dafür Offenheit und Vertrauen zurück. Über 300.000 Besucher im ersten Jahr zeigen: Die Stadt ist neugierig. Es gab keinen Hype, sondern einen wachsenden Buzz. Die Leute hören Dinge wie „Technosymphonie“ oder „kluger Konzertsaal“ und sagen nicht sofort Nein. Sie kommen, hören zu, lassen sich darauf ein. Dieses Vertrauen ist das Wichtigste, was München uns gibt.

Business Punk: Das Bergson will ein neues kulturelles Zuhause sein. Was ist der Kern dieser Vision – was passiert hier, was es sonst nirgends gibt?

Roman Sladek:
Mich interessiert ehrlich gesagt nicht, was andere Kulturorte machen. Das Bergson entsteht nicht als Gegenentwurf zur Oper oder Muffathalle, sondern aus völliger Unvoreingenommenheit. Ich schaue nicht: Was fehlt der Stadt? Sondern: Was können wir hier aus unseren Räumen, Menschen und Möglichkeiten entwickeln? Das Haus denkt nicht in Kopien, sondern aus sich selbst heraus. Ein extrem wichtiges Signal war für mich, dass viele gesagt haben: „Ich kann mir nicht vorstellen, was das genau ist.“ Das ist kein Problem, das ist ein Qualitätssiegel. Sobald etwas leicht erklärbar ist, ist es meistens schon da gewesen. Das Bergson ist ein eigenständiger Weg – und genau das halten viele nicht aus. Wir entwickeln Programm nicht aus Vergleich, sondern aus Freiheit. Und diese Freiheit ist der Kern des Ortes.

Business Punk: Kunst, Konzerte, Clubkultur und Gastronomie unter einem Dach klingen schnell beliebig: Was ist der innere Zusammenhalt dieses Systems – und warum zerfällt das Bergson nicht in einzelne Angebote?

Roman Sladek:
Der rote Faden ist kein Thema, sondern Vertrauen. Das Publikum traut uns zu, dass wir es ernst meinen – egal ob im Konzertsaal, in den Ausstellungsräumen, im Restaurant oder im Biergarten. Wir reagieren schnell, verändern uns ständig und machen nichts aus Gewohnheit. Was heute funktioniert, wird morgen hinterfragt. Qualität heißt für mich nicht Perfektion, sondern Ernsthaftigkeit. Es gibt kein Leitmotiv, das überall draufgeklebt wird. Das Bergson ist ein Ökosystem, kein Konzeptpapier. Vitalität entsteht durch Diversität. Und wenn man aufhört, sich neu zu erfinden, ist man tot.

Kunst, Publikum & Programmstrategie

Business Punk: Herr Sladek, Ihre hauseigenen Klangkörper – Jazzrausch Bigband, Bergson Phil’, Bergson Voices – sind außergewöhnlich für einen privat betriebenen Kulturort. Welche Rolle spielen sie für Ihre Identität?

Roman Sladek:
Weil ich Musiker bin und Gestaltung Verantwortung braucht. Ich wollte keinen Kultur-Immobilien-Ort, sondern einen, der produziert. Lokale Künstler sollen hier nicht einmal im Jahr auftreten, sondern regelmäßig arbeiten können. Das Bergson soll Aufträge schaffen, nicht Preise verleihen. Unsere Ensembles sind Identität, Flexibilität und wirtschaftliche Vernunft zugleich. Große Namen allein tragen keinen Raum dieser Größe. Eigene Produktionen geben uns Geschwindigkeit, Profil und Unabhängigkeit. Wir können schneller reagieren als der klassische Betrieb. Und wir bleiben relevant, weil wir Inhalte entwickeln – nicht nur Slots füllen.

Business Punk: Kunst und Kommerz gelten in Deutschland oft als Gegensätze: Wie schaffen Sie es, wirtschaftlich zu arbeiten, ohne künstlerische Glaubwürdigkeit zu verlieren – und wo ziehen Sie persönlich die Grenze?

Roman Sladek:
Ich halte den Gegensatz für ein deutsches Missverständnis. Künstlerische und wirtschaftliche Verantwortung schließen sich nicht aus. Schwieriger ist es, beides gleichzeitig ernst zu nehmen. Kunst wird nicht besser, nur weil sie teuer oder kompliziert ist. Und Erfolg ist nicht automatisch banal. Entscheidend ist, zu wissen, was man erzählen will – und für wen. Wirtschaftlichkeit heißt für mich: sorgsam mit Ressourcen umgehen. Zeit, Energie, Räume, Menschen. Wenn beides zusammenkommt, befeuert es sich sogar gegenseitig.

Unternehmertum & Risiko

Business Punk: Herr Sladek, die Eigentümer-Familie Amberger vom Allguth-Konzern hat 80–120 Millionen Euro privat in dieses Projekt investiert – warum dieses Risiko?

Roman Sladek:
Weil Geld keinen Selbstzweck hat. Irgendwann stellt man sich die Frage: Wofür mache ich das alles? Die Eigentümer hatten die Möglichkeit – und fühlten die Verantwortung. Das Bergson ist kein altruistisches Geschenk, sondern eine Notwendigkeit aus Überzeugung. Natürlich gibt es Risikokalkulationen. Aber die Motivation ist nicht Rendite, sondern Sinn. Wer nur auf Sicherheit spielt, baut nichts Relevantes. Dieses Projekt existiert, weil jemand gesagt hat: Ich kann das tun – also muss ich es tun.

Business Punk: Welche Rolle spielen Ihre Investoren wirklich: Sind sie Kulturförderer oder unternehmerische Antreiber?

Roman Sladek:
Es geht um Wertschöpfung – nicht nur finanziell. Relevanz, Gestaltung, Wirkung zählen genauso. Das Bergson soll sich selbst tragen, aber nicht maximieren. Die Eigentümer stellen viele Fragen, treiben Inhalte, nicht Renditen. Es ist kein Mäzenatentum und kein Geldgrab. Sondern ein unternehmerisches Kulturprojekt. Geld ist ein Wert – aber nicht der einzige. Und genau deshalb funktioniert die Zusammenarbeit.

Business Punk: Was ist Ihre North-Star-Metric – woran merken Sie knallhart, dass das Bergson funktioniert?

Roman Sladek:
Wenn es künstlerisch und wirtschaftlich verantwortbar ist. Wenn es ein eigenständiges, widerstandsfähiges System wird. Weder rein profitabel noch folgenlos. Es funktioniert, wenn es sich selbst ernähren kann – und Sinn stiftet. Wie ein Mensch: gesund, beweglich, neugierig. Sobald eines davon fehlt, kippt es. Genau da schaue ich hin.

Worst Case & Zukunft

Business Punk: Und wenn das Bergson scheitert, wo liegt Ihre persönliche Schmerzgrenze – und gibt es für Sie oder die Investoren überhaupt so etwas wie einen Plan B?

Roman Sladek:
Ich stelle mir diese Frage ehrlich gesagt nicht strategisch. Nicht, weil ich naiv bin, sondern weil sie mich lähmt. Natürlich gäbe es einen Plan B auf Eigentümerseite. Aber der interessiert niemanden hier. Mich interessiert nur, was noch alles möglich ist. Die einzige echte Angst wäre, wenn ich wüsste, wie alles in drei Jahren aussieht.

Diese Unsicherheit ist meine Lebensqualität. Sobald alles planbar wird, stirbt das Projekt innerlich. Und davor habe ich wirklich Angst.

Aktuell im Bergson, 14.-18. Januar 2026:

NEUROPE Festival, das große Europa-Festival des Balthasar-Neumann-Orchesters

Fünf Tage Klang, Kunst und Kollektivgeist: Mit NEUROPE zieht ein neues Festival ins Bergson Kunstkraftwerk. Jung, international, visionär. Initiiert vom renommierten Balthasar-Neumann-Chor und -Orchester, bringt NEUROPE die neu gegründete Akademie NOVA nach München mit über 100 Musiker:innen aus mehr als 20 europäischen Ländern, die hier nicht nur musizieren, sondern Zukunft entwerfen.

Alle Infos hier: https://bergson.com/neurope-festival

Bild: Das Bergson – lebendiger Kulturraum über mehrere Etagen

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