Business & Beyond „Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert“

„Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert“

Roger Köppel ist wortgewaltiger Chef der Schweizer „Weltwoche“, saß mal im Berner Parlament und hielt gerade in Zürich eine viel beachtete Rede zur Nation. Wie denkt er angesichts der Katastrophe von Crans Montana über sein Land, in dem gerade vieles – von der Neutralität bis zum Umgang mit der eigenen Großbank – auf dem Prüfstand steht?

Herr Köppel, was ist los mit der Schweiz? Dieses Land, das Sicherheit und Zuverlässigkeit ausstrahlt, wird von einer Reihe von Katastrophen und Störfällen heimgesucht. Das schlimme Unglück von Crans Montana, die UBS, von der man Angst haben muss, dass sie, falls sie mal kippt, das ganze Land mitreißt – und einiges mehr. Was ist bei Euch los?

Ich ringe mit mir, solche Ereignisse richtig einzuordnen zwischen der emotionalen Schockwirkung und der eigentlichen Bedeutung. Wir müssen die verschiedenen Aspekte auseinanderhalten. Erstens ist Crans Montana natürlich eine grauenhafte Katastrophe, die uns extrem geschockt hat. Zweitens: Hauptverantwortlich ist ein französisches Betreiberpaar, das noch nicht so lange in der Schweiz lebt. Sie sind in dieses boomende Bergdorf gekommen und haben dort ihre erfolgreichen Gastronomiebetriebe gegründet. Wir sehen jetzt, dass viele Vorschriften und elementare Fragen der Eigenverantwortung nicht wahrgenommen wurden. Dann gibt es die Frage, haben die Behörden das kontrolliert oder haben sie es vernachlässigt. Natürlich existieren gerade in Bergdörfern Seilschaften. Das sind ja auch Sicherheits- und Überlebensmodelle. Es gab jedenfalls gravierende Missstände.

Sie heben hervor, dass es französische Betreiber waren…

… der Fall zeigt die Tücken einer ungebremsten Zuwanderung in die Schweiz, wo das Label „Made in Switzerland“ nicht mehr gewährleistet werden kann. Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert. Bestimmte Werte wie Eigenverantwortung, aber auch Kontrollpflichten seitens der Behörden werden nicht mehr wahrgenommen. Darin kommt eine Wohlstandsverwahrlosung zum Ausdruck, die wir Schweizer mit einem kritischen Blick in den Spiegel zu Kenntnis nehmen müssen.

Die liberale Schweiz braucht mehr Kontrolle?

Ich gehöre sicher nicht zu denen, die sagen: Dort, wo es die meisten Regeln gibt, ist es am besten. Vielmehr gilt wohl eher das Umgekehrte: Je mehr Regeln aufgestellt werden, desto mehr Missstände gibt es.

Ich schlage mal einen Bogen: In Crans Montana gab es offenbar ein fatales Zusammenspiel von Wirtschaft und staatlicher Kontrolle. Nun ist in der Schweiz vor zwei Jahren mit dem Untergang der Credit Suisse und unter tatkräftiger Hilfe der Politik eine riesige Bank entstanden: Die UBS ist so groß, dass sie niemals von der Schweiz allein aufgefangen werden könnte, wenn sie in eine Schieflage gerät. Wenn ich sehe, was in Crans Montana passiert ist, mache ich mir Sorgen, dass die Schweiz auch die UBS nicht beaufsichtigen kann.

Grundsätzlich ist die Schweiz eine der erfolgreichsten Selbsthilfeorganisationen der Weltgeschichte, gerade weil das Staatsverhältnis auf der Eigenverantwortung und Freiheit der Bürger aufbaut. Der Staat wuchert nicht in alles hinein, wo er nichts zu suchen hat. Im Fall der UBS müssen wir uns die Frage stellen, wie muss ein Staat mit einer Bank umgehen, die so erfolgreich ist, dass sie im Krisenfall zu einem Problem für das ganze Land wird.

Oder darüber hinaus.

Was ist das Modell, um eine Krise zu bewältigen? Da gibt es zwei Antworten. Die eine lautet: Wir müssen die Eigenkapitalanforderungen anheben, so dass die Bank faktisch unsinkbar, unsterblich wird. Die andere Antwort heißt: Wir müssen die Bank so auftrennen, dass jeder Bereich bankrott gehen kann, ohne dass es gleich die ganze Schweiz mitreisst. Ich neige zum Zweiten, sehe mich aber ausserstande zu sagen, ob es im Ernstfall wirklich funktionieren würde.

Und jetzt kommt noch hinzu, dass die Bank offenbar Kunden aus Venezuela betreute, die nicht mehr so gut ins Portfolio passten.

Dass auf Schweizer Banken Geld liegt von Leuten, die einem moralisch nicht passen, mag so sein. Aber Banken sind nicht der verlängerte Arm von Politik, Finanzamt oder Polizei. Sie sind keine Moralanstalten, die zur allgemeinen Veranständigung der Welt beitragen. Viele Europäer haben ihr Geld in die Schweiz gebracht, weil sie es einfach satthatten, permanent enteignet zu werden.

Der Tourismus, die Finanzindustrie – es gibt noch einen großen Wirtschaftszweig in der Schweiz: die Pharmaindustrie. Und die ächzt jetzt wie keine andere Branche unter den US-Zöllen. Wie soll das weitergehen?

Da rate ich zu sachlich-nüchterner Beurteilung dessen, was Trump sagt, unabhängig vom Absender. Er hat einen Punkt: Medikamente sind in den USA oft teurer als hierzulande. Und da sagt sich der Amerikaner: Um Himmels willen, was machen diese Firmen mit uns? Dank uns Amerikanern verdienen die sich eine goldene Nase und zu Hause schauen sie, dass die Preise schön niedrigbleiben. Ich kann das, als Bewunderer der Schweizer Pharma-Industrie, gut nachvollziehen. Da müssen die Schweizer jetzt nicht die Hellebarde auspacken. Druck ist nichts Neues für unser Land. Wer erfolgreich ist, hat Neider, und unsere freiheitliche Staatsform ist Stachel im Fleisch von Staatsgläubigen und Möchtegerndespoten.

Es gibt noch einen Schweizer Problemfall: Nestlé, einst das Vorzeigeunternehmen und der größte Lebensmittelhersteller der Welt, leidet unter einem schwachen Aktienkurs. Es gibt Skandale und Skandälchen, der Chef und der Verwaltungsratsvorsitzende mussten wegen interner Liebesgeschichten gehen. Ja – ist denn die Schweiz völlig verlottert?

Das müssen wir jetzt auseinanderhalten. Crans Montana: mutmaßlich kriminelle Fahrlässigkeit, und krasses Behördenversagen. UBS: ein Systemproblem. Pharma – da haben die Amerikaner einen Punkt. Nestlé: Dort gibt es offenbar ein Führungsproblem. Das ist Sache der Eigentümer, den Betrieb in Ordnung zu bringen. Nestlé, übrigens Gründung eines Deutschen, der an der Schweiz die Freiheit schätzte, ist wohl auch ein Opfer des eigenen Erfolgs. Mit Goethe: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Menschen, denen es zu wohl ist, heben ab.  

Und: Sehen sie die Schweiz auf einer abschüssigen Bahn?

Ich glaube an die Schweiz, und ich bin ein überzeugter Europäer, daher kritisch gegenüber der EU. Aber unser guter alter Kontinent ist politisch auf der abschüssigen Bahn, die Schweiz macht es in vielem besser, weil sie unabhängig ist, aber das Malaise gibt es auch bei uns. Gut, dass Trump, dieser verhaltensauffällige Amerikaner, uns den Spiegel vorhält.

Der US-Präsident hat in Davos über die Bettelei der Schweizer für niedrigere Zölle gespottet . . .

. . .seine brutale Ehrlichkeit ist mir lieber als die salonfähige Verlogenheit der Politik. Trump hat einen genialen Instinkt, die Dinge beim Namen zu nennen. Seine Kritiker regen sich vor allem deshalb so auf, weil er meistens richtig liegt. Dass er eine Schweizer Bundesrätin maßregelte, kann man aushalten, er hatte ja recht. Als er sie dann in Davos traf, gab es ein großväterliches Schulterklopfen. Das ist Trump, das charmante Raubtier. Als kleine Schweizer sollten wir uns nicht mit solchen Fleischfressern anlegen. Flexibel bleiben, Notausgänge offenhalten, so lautet die Devise.

Werden im Zeitalter der Raubtiere, wie sie es nennen, Bündnisse um so wichtiger? Oder ist die strikte Neutralität, wie sie die Schweiz zumindest nach außen praktiziert, der bessere Weg?

Heute leben wir in einem Zeitalter der nationalen Interessen. Staaten tragen Konflikte aus, wenn sie sich bedroht fühlen. Die Russen sagen, die Nato sei ihnen in der Ukraine zu nah gekommen. Die Amerikaner sagen, ich will in Südamerika nicht, dass Russland und China sich an das Öl in unserem Hinterhof anschleichen. China, Inder – alle wollen ihre Sicherheitssphären kontrollieren. In dieser Zeit ist unsere bewaffnete, immerwährende Neutralität das Wichtigste. Wir mischen uns nicht in fremde Händel ein. Wir verteidigen uns nur, wenn wir selbst angegriffen werden. Das ist die Überlebensstrategie des Kleinstaats. Das heißt: Aufgepasst vor Bündnissen, die einen in einen Krieg ziehen können. Aufgepasst vor gutmenschlichem Grössenwahn! Allianzen können schnell wechseln. Das sehen wir gerade im Verhältnis zu den USA.

Das gilt auch im Ukrainekrieg?

Diesen schrecklichen und unsinnigsten aller mir bekannten Kriege sollten wir möglichst schnell beenden. Die antirussische Dämonologie hilft da nicht weiter. Als neutraler Schweizer sage ich: schlichten statt richten. Es braucht einen Frieden, unter Berücksichtigung auch der russischen Interessen. Ich weiss, mit solchen Ansichten gewinnt man in Deutschland keinen Journalistenpreis. Europa, dieser Friedhof gescheiterter Großmächte, sollte nicht an seiner „Kriegstüchtigkeit“ arbeiten, sondern an seiner Friedensfähigkeit mit einem brandmauerfreien Deutschland als Brücke der Verständigung zwischen West und Ost, Nord und Süd, eine grosse Schweiz sozusagen, die sich wirtschaftlich nicht selbst zerlegt, sondern ihre beeindruckende Tüchtigkeit und Vielfalt als Trumpfkarte wieder weltweit ausspielt.  

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