Business & Beyond Der neue Arbeitsmarktdeal: Firmen bekommen Spielraum, Beschäftigte zahlen mit Sicherheit

Der neue Arbeitsmarktdeal: Firmen bekommen Spielraum, Beschäftigte zahlen mit Sicherheit

Die Bundesregierung verkauft längere Befristungen und Krankmeldungen ab Tag eins als Flexibilität. In Wahrheit erhöht sie den Stress für Arbeitnehmer – und könnte damit den Unternehmen schaden.

Vier Jahre befristet arbeiten, sechs Mal verlängern – und das ohne Begründung. Was Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) als „Lösen der Fesseln“ verkauft, bedeutet für Millionen Beschäftigte vor allem eines: mehr Unsicherheit. Das Reformpaket der Koalition soll den „starren Arbeitsmarkt beleben“, wie die WirtschaftsWoche berichtet. Doch statt echte Flexibilität zu schaffen, dreht die Regierung nur an Stellschrauben, die Arbeitnehmer unter Druck setzen.

Die Verdopplung der sachgrundlosen Befristung von zwei auf vier Jahre klingt nach mehr Spielraum für Startups und expandierende Firmen. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) spricht von „Flexibilität“. Was fehlt: der Blick auf die Beschäftigten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass befristete Verträge die gefühlte Arbeitsplatzunsicherheit massiv erhöhen – mit negativen Folgen für Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität, wie t3n aufzeigt.

Wenn Unsicherheit krank macht

Dabei profitieren nicht einmal die Unternehmen. Eine belgische Studie fand heraus: Ein höherer Anteil befristet Beschäftigter hat keine nennenswerten Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil: Wer Menschen langfristig bindet, erhöht Arbeitsmoral und Unternehmenserfolg. Doch solche Zusammenhänge ignoriert die Koalition. Ähnlich kurz gedacht: Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Ab dem ersten Tag soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt werden. Begründung laut t3n: Der hohe Krankenstand sei ein „Wettbewerbsnachteil“. Was folgt, ist absehbar: mehr Präsentismus. Kranke schleppen sich ins Büro, stecken Kollegen an, chronifizieren ihre Leiden. Die AOK stellt klar: Ein sinkender Krankenstand bedeutet nicht automatisch gesündere Beschäftigte – sondern oft nur mehr Leistungsdruck.

Die Angst vor echten Reformen

Beim Kündigungsschutz traut sich die Koalition kaum ran. Nur Top-Verdiener mit über 240.000 Euro Jahresgehalt sollen künftig leichter entlassen werden können – eine Regelung, die schon 2019 Banken nach dem Brexit locken sollte. Ergebnis laut Studien von EY: Dublin und Paris zogen deutlich mehr Geschäft an als Frankfurt. Arbeitsmarktökonom Simon Jäger von der Universität Princeton schlägt eine Flexibilitätsprämie vor: Gut verdienende Beschäftigte ab 77.000 Euro könnten gegen eine verhandelbare Prämie auf Kündigungsschutz verzichten. Das schaffe Planbarkeit für innovative Unternehmen. Der französische Investor Oliver Coste geht weiter: gelockerten Kündigungsschutz für die obersten zehn Prozent.

„Ziel ist, Menschen zu schützen, nicht Arbeitsplätze“, so Coste laut WirtschaftsWoche. Und die Arbeitszeit? Im Koalitionsvertrag stand noch die Abkehr vom starren Acht-Stunden-Tag. Jetzt herrscht Schweigen. Gewerkschaftschefin Yasmin Fahimi kündigte „vollen Widerstand“ an. Merz vertagt das Thema auf den Sommer.

Business Punk Check

Das Reformpaket ist ein Offenbarungseid. Statt strukturelle Probleme anzugehen – erstarrte Arbeitsmärkte, mangelnde Dynamik, Fachkräftemangel – verschiebt die Koalition den Druck auf die Schwächeren. Längere Befristungen und Krankmeldungen ab Tag eins klingen nach Flexibilität, sind aber bloß Symptombekämpfung. Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Unsichere Jobs machen krank und unproduktiv. Firmen, die auf Vertrauen statt Befristungen setzen, fahren besser.

Doch echte Reformen – beim Kündigungsschutz, bei der Arbeitszeit – scheut die Regierung. Zu konfliktreich, zu unbequem. Dabei liegt hier der Hebel: Wer in Zeiten permanenter Umbrüche wettbewerbsfähig bleiben will, braucht einen Arbeitsmarkt, der Mobilität belohnt, nicht bestraft. Die Wirtschaftsweisen prognostizieren Sozialbeiträge von 50 Prozent bis 2040, sollte die Politik weiter zaudern. Jeder Monat über 40 Prozent ist einer zu viel, warnt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Das Reformpaket löst diese Probleme nicht – es verschärft sie.

Quellen: t3n, WirtschaftsWoche

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