Business & Beyond Der Stern verglüht in Fernost: Mercedes stürzt in China ab

Der Stern verglüht in Fernost: Mercedes stürzt in China ab

Der Stern verglüht in Fernost: Mercedes verliert in China jeden dritten Kunden. Während VW und BMW ähnlich bluten, zeigt ausgerechnet das E-Auto-Segment Wachstum. Retten die Stromer den angeschlagenen Konzern?

Die Zahlen sind brutal: 30 Prozent Absatzminus im zweiten Quartal in China – Mercedes erlebt in seinem einstigen Goldesel-Markt einen historischen Einbruch. Von den 417.800 weltweit verkauften Pkw im zweiten Quartal entfallen nur noch 210.200 auf die Volksrepublik, wie Handelsblatt berichtet. Das ist mehr als ein statistischer Ausrutscher. Das ist eine Machtverschiebung.

Der Verbrenner als Auslaufmodell

Die Diagnose des Konzerns klingt wie eine Kapitulationserklärung: intensiver Wettbewerb, zurückhaltende Verbraucherstimmung, schrittweise Modelleinführung. Übersetzung: Die chinesischen Hersteller sind schneller, günstiger und näher am Puls der Zeit. Besonders Verbrenner-Modelle sacken ab – ein Trend, der sich laut WirtschaftsWoche im zweiten Quartal noch verschärft hat.

Hohe Kraftstoffpreise durch den Irankrieg und eine schwache Kaufkraft durch die Immobilienkrise treiben Kunden in die Arme lokaler E-Auto-Anbieter. Dabei war China einst die Lizenz zum Gelddrucken für die Schwaben. Jetzt verhagelt der Markt die Gesamtbilanz: Konzernweit sank der Absatz um sieben Prozent auf 837.000 Fahrzeuge im ersten Halbjahr. Wachstum in Europa (plus fünf Prozent) und den USA (plus 15 Prozent) wirken da wie Pflaster auf einer klaffenden Wunde.

E-Auto-Boom als letzter Strohhalm

Die einzige gute Nachricht kommt ausgerechnet aus dem Segment, das Mercedes jahrelang nur halbherzig verfolgt hat: Elektromobilität. 52.900 vollelektrische Fahrzeuge im zweiten Quartal bedeuten ein Plus von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr [WirtschaftsWoche]. In Europa explodierten die E-Auto-Verkäufe um 87 Prozent.

„Unsere größte Modelloffensive gewinnt weiter an Dynamik“, verkündete Vertriebsvorstand Mathias Geisen laut WirtschaftsWoche. Jeder achte verkaufte Mercedes ist mittlerweile ein Stromer – in einem Markt, den der Konzern lange unterschätzt hat. Die Frage ist: Reicht das, um die strukturellen Probleme zu kompensieren? Der Gewinn brach 2025 um fast die Hälfte auf 5,3 Milliarden Euro ein, im ersten Quartal 2026 sank das Konzernergebnis um weitere 17,2 Prozent [T-Online].

Sparkurs trifft auf Widerstand

Mercedes reagiert mit deutscher Gründlichkeit: Ende Juni verschob der Vorstand eine tarifliche Sonderzahlung, fordert längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. „Die Arbeitsstunde müsse günstiger werden“, heißt es in der internen Kommunikation. Die Antwort: Zehntausende Beschäftigte protestierten bundesweit gegen den Sparkurs.

Ein Konzern, der seine Mitarbeiter gegen sich aufbringt, während er in seinem wichtigsten Markt jeden dritten Kunden verliert – das Krisenmanagement wirkt bestenfalls improvisiert. Mittelfristig soll die Pkw-Sparte wieder zwei Millionen Fahrzeuge erreichen. Irgendwann vor dem Ende des Jahrzehnts, aber nicht 2027. So vage die Ziele, so unklar die Strategie.

Business Punk Check

Mercedes erlebt das Déjà-vu, das Nokia im Smartphone-Markt durchmachte: Ein dominanter Player verschläft den Technologiewandel und wird von agileren Wettbewerbern überholt. Der E-Auto-Boom ist kein Erfolg, sondern Schadensbegrenzung – die Chinesen haben längst den Standard gesetzt, dem Mercedes hinterherhechelt. Die Zwei-Millionen-Marke ohne konkretes Datum ist ein Offenbarungseid: Man weiß selbst nicht mehr, wo die Reise hingeht.

Der Sparkurs wird die Innovationskraft weiter lähmen, während BYD, NIO und Co. den Markt unter sich aufteilen. Harte Wahrheit: Mercedes verkauft in China keine Autos mehr, sondern Erinnerungen an bessere Zeiten. Wer jetzt nicht radikal umsteuert und massiv in Elektro-Plattformen investiert, wird zum Premium-Nischenanbieter degradiert. Die Frage ist nicht, ob Mercedes schrumpft, sondern wie kontrolliert dieser Abstieg ablaufen wird.

Quellen: Handelsblatt, WirtschaftsWoche, T-Online

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