Business & Beyond Deutsche Autoindustrie im Absturz: ifo-Zahlen zeigen die ganze Krise

Deutsche Autoindustrie im Absturz: ifo-Zahlen zeigen die ganze Krise

Die deutsche Autoindustrie steckt tiefer in der Krise als gedacht: Das ifo-Geschäftsklima fällt auf minus 23,8 Punkte. Trumps neue Zölle, Helium-Knappheit durch den Iran-Krieg und sinkende Nachfrage treffen die Branche gleichzeitig.

Das ifo-Institut liefert der deutschen Autoindustrie ein vernichtendes Zeugnis: Der Geschäftsklimaindex stürzt im April von minus 19 auf minus 23,8 Punkte ab. Noch drastischer der Blick nach vorn – die Erwartungen der Unternehmen brechen von minus 15,3 auf minus 30,7 Punkte ein.

Die nüchterne Diagnose von ifo-Branchenexpertin Anita Wölfl: Die Automobilindustrie schaffe es nicht aus der Krise heraus. Dabei hatte sich die Bewertung der aktuellen Geschäftslage sogar leicht verbessert. Doch was nützt das, wenn die Zukunft noch düsterer aussieht als die Gegenwart?

Trump verschärft die Zollschraube

US-Präsident Donald Trump kündigt für diese Woche eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf EU-Fahrzeuge von 15 auf 25 Prozent an. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie, warnt vor enormen Kosten für die ohnehin gebeutelte Branche: „Die Kosten durch diese zusätzlichen Zölle wären für die deutsche sowie europäische Automobilindustrie in ohnehin sehr herausfordernden Zeiten enorm, hätten ‌aber wahrscheinlich auch Auswirkungen auf die Verbraucherinnen und Verbraucher in ​den USA“, erklärt sie dem Spiegel zufolge.

Die Rechnung dürften am Ende auch amerikanische Verbraucher zahlen. Doch Trumps Handelspolitik trifft die deutsche Autoindustrie in einer Phase, in der sie sich kaum wehren kann. Die Kombination aus geopolitischen Krisen, Materialengpässen und schwacher Nachfrage lähmt die Branche.

Helium-Krise trifft Lieferketten hart

Im April fehlten 9,3 Prozent der Unternehmen wichtige Vorprodukte – im März waren es noch knapp ein Prozent gewesen. Der Iran-Krieg beeinträchtigt die Produktion und Lieferung von Helium, erklärt Wölfl laut Spiegel.

Das Edelgas ist für Chipproduktion, Airbags, Metallbearbeitung und Batterieleckortung unverzichtbar. Die EU bezieht rund 40 Prozent ihres Heliumbedarfs aus Katar. Wenn kritische Transportwege durch die Straße von Hormus weiter gestört werden, drohen komplette Ausfälle bestimmter Materialien in einzelnen Regionen.

Energiepreise und Kaufzurückhaltung

Die generelle Unsicherheit bei Unternehmen und Haushalten steigt. Zusammen mit hohen Energiepreisen könnte dies für Kaufzurückhaltung beim Neuwagenkauf sorgen, so das ifo-Institut. Die indirekten Effekte der Iran-Krise wiegen schwerer als die direkten Materialengpässe.

Schrumpfendes verfügbares Einkommen trifft Nachfragemärkte, Zulieferindustrie und am Ende die chemische Industrie. Deutschland und Europa werden am schärfsten betroffen sein – die USA sind energieautark, China hat einen diversen Energiemix aufgebaut.

Chemieindustrie unter Druck

Die Rohölpreise schwanken um 100 Dollar – 50 bis 60 Prozent über dem Vorkrisenniveau. Wenn Raffineriekapazitäten in Höhe von 20 Prozent der weltweiten Produktion ausfallen, gerät das Gleichgewicht für bestimmte Produkte ins Wanken. Das zeigt sich an der Zapfsäule beim Diesel.

Andere Raffinerien können nicht beliebig für Ersatz sorgen. In den kommenden Wochen und Monaten werden harte Auswirkungen bei der physischen Verfügbarkeit von Rohstoffen sichtbar – etwa bei Edelgasen für die Chipproduktion, Schwefel oder Düngemitteln.

Standort Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit

In Europa geht es vor allem um Effizienzthemen und Ersatzinvestitionen. Mit Wachstumsinvestitionen sind Unternehmen zurückhaltend geworden, weil für viele Produkte die Wettbewerbsfähigkeit wegen hoher Energie- und Rohstoffkosten nicht mehr gegeben ist.

Das ist keine Frage von schlechtem Willen, sondern ökonomische Notwendigkeit. Anlagen lassen sich bauen, aber die Produkte sind am Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Es wird in Europa und Deutschland wohl zu signifikanten Konsolidierungen kommen, weil die Kostenstrukturen dauerhaft über dem internationalen Wettbewerbsniveau liegen.

Transformation ohne Wettbewerbsvorteil

Hochinnovative Produkte mit nicht ersetzbaren Eigenschaftsprofilen ziehen noch. Dort hängt die Preisbildung nicht primär an Inputkosten, sondern am Wert für den Kunden. Vom Volumen her ist das kleiner, aber von der Wertschöpfung deutlich höher.

Bestimmte Ketten müssen aus Resilienz- und Bevölkerungsschutzgründen gehalten werden – pharmazeutische Produkte, Antibiotika, landwirtschaftliche Produkte, Wasserbehandlung, Basischemikalien. Das lohnt sich eigentlich nicht in Deutschland, eindeutig nicht. Konsolidierung kostet Geld, das Aufrechterhalten unwirtschaftlicher Ketten kostet Geld, Transformation kostet Geld. Internationale Wettbewerber haben diesen Druck nicht in gleicher Form.

Business Punk Check

Die deutsche Autoindustrie steckt in einer Mehrfachkrise, aus der es keinen schnellen Ausweg gibt. Trumps Zollpolitik, geopolitische Verwerfungen und strukturelle Standortnachteile treffen gleichzeitig. Die ifo-Zahlen zeigen: Die Branche hat die Kontrolle verloren. Während die aktuelle Geschäftslage sich minimal verbessert, bricht die Zukunftserwartung ein – ein Zeichen dafür, dass Unternehmen keine Strategie mehr haben. Die Helium-Knappheit ist nur ein Symptom.

Das eigentliche Problem: Deutschland hat keine wettbewerbsfähigen Energiepreise, keine resiliente Rohstoffversorgung und keine politische Strategie für den Industriestandort. Wer Rechenzentren will und nicht wettbewerbsfähige Energiepreise fordert, hat die Zusammenhänge nicht verstanden. Energie ist der strategische Wettbewerbsvorteil der Zukunft. Die Konsequenz ist brutal: Signifikante Konsolidierungen stehen bevor. Anlagen werden geschlossen, weil sie sich nicht mehr rechnen. Nur hochinnovative Spezialprodukte haben eine Chance.

Häufig gestellte Fragen

Warum trifft die Helium-Knappheit die Autoindustrie so hart?

Helium ist für Chipproduktion, Airbags, Metallbearbeitung und Batterieleckortung unverzichtbar. Die EU bezieht 40 Prozent ihres Bedarfs aus Katar. Wenn die Transportwege durch die Straße von Hormus weiter gestört werden, drohen komplette Ausfälle. Im April fehlten bereits 9,3 Prozent der Unternehmen wichtige Vorprodukte – im März war es noch knapp ein Prozent. Kleine Mengen mit großem Effekt: Ohne Flammschutzmittel etwa lassen sich Produkte nicht in der gewünschten Spezifikation ausliefern.

Welche Branchen sind neben der Autoindustrie von der Krise betroffen?

Die Chemieindustrie steht unter massivem Druck durch Rohölpreise, die 50 bis 60 Prozent über dem Vorkrisenniveau liegen. Wenn 20 Prozent der weltweiten Raffineriekapazität ausfallen, gerät das Gleichgewicht für Diesel, Flugzeug-Kerosin, Schwefel und Düngemittel ins Wanken. Die Zulieferindustrie leidet unter schrumpfender Nachfrage. Am schärfsten werden Deutschland und Europa getroffen – die USA sind energieautark, China hat einen diversen Energiemix.

Wie können sich deutsche Unternehmen auf weitere Materialengpässe vorbereiten?

Unternehmen müssen alternative Lieferketten identifizieren und wöchentlich von der Kundenseite bis zum Einkauf diskutieren, wo Effekte sichtbar werden. Oft sind es kleine Mengen mit großem Effekt. Langfristige Abnehmerverträge mit Partnern sichern Versorgung. Hochinnovative Produkte mit nicht ersetzbaren Eigenschaftsprofilen sind weniger anfällig, weil die Preisbildung am Wert für den Kunden hängt, nicht an Inputkosten. Wer auf Standardprodukte setzt, wird vom internationalen Wettbewerb verdrängt.

Warum verliert der Standort Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit?

Die Kostenstrukturen liegen dauerhaft über dem internationalen Wettbewerbsniveau. Hohe Energie- und Rohstoffkosten machen viele Produkte am Weltmarkt nicht konkurrenzfähig. Anlagen lassen sich bauen, aber die Produkte sind nicht verkaufbar. Internationale Wettbewerber haben diesen Druck nicht. Nur hochinnovative Spezialprodukte rechtfertigen noch Investitionen in Deutschland. Vom Volumen her ist das kleiner, aber von der Wertschöpfung höher. Signifikante Konsolidierungen stehen bevor.

Was bedeutet die ifo-Prognose für die Zukunft der deutschen Autoindustrie?

Die Erwartungen der Unternehmen brechen von minus 15,3 auf minus 30,7 Punkte ein – ein Zeichen dafür, dass die Branche keine Strategie mehr hat. Trumps Zollerhöhung auf 25 Prozent, Materialengpässe und Kaufzurückhaltung treffen gleichzeitig. Die Automobilindustrie schafft es nicht aus der Krise heraus. Entscheider müssen radikal auf Premiumsegmente setzen oder den Standort Deutschland verlassen. Mittelmaß wird nicht überleben. Energie ist der strategische Wettbewerbsvorteil der Zukunft – und den hat Deutschland verloren.

Quellen: Spiegel, FAZ

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