Business & Beyond Deutschlands Autobauer im Reality-Check: Milliarden Gewinn und trotzdem Stress

Deutschlands Autobauer im Reality-Check: Milliarden Gewinn und trotzdem Stress

VW verliert fast die Hälfte seines Gewinns, Porsche kullert gegen die Wand, Mercedes baut seine Strategie zurück. Während die Branche hektisch am Lenkrad dreht, wirkt ausgerechnet BMW gerade wie der entspannteste Fahrer im ganzen Rennen.

Die deutschen Autobosse haben diese Woche ihre Bücher aufgeschlagen und plötzlich sieht jeder: Das alte Erfolgsrezept der Branche funktioniert nicht mehr so smooth wie früher. Klar, die Konzerne verdienen noch immer Milliarden. Aber das System, das jahrzehntelang wie ein Autopilot wirkte, bekommt gerade ziemlich Gegenwind.

Vor ein paar Jahren lief alles fast zu perfekt: deutsche Ingenieurskunst, chinesische Nachfrage, satte Margen. Autos aus Deutschland galten als Premium, und China kaufte sie in Massen. Win-win. Heute sieht die Lage eher nach Dreifronten-Stress aus: geopolitische Konflikte, aggressive Konkurrenz aus China und eine Elektrowende, die Milliarden verschlingt, ohne sofort Geld zurückzubringen.

Die Zahlen erzählen plötzlich eine ganz andere Story. Der Volkswagen-Konzern, mit rund 322 Milliarden Euro Umsatz weiterhin Europas größter Autobauer, musste für 2025 einen heftigen Dämpfer einstecken. Der Nettogewinn rutschte von 12,4 Milliarden auf 6,9 Milliarden Euro – ein Minus von 44 Prozent. Die Reaktion: Sparmodus. Bis 2030 sollen rund 50.000 Stellen im Konzern wegfallen. VW-Chef Oliver Blume sagt selbst, das Geschäftsmodell der Branche habe sich „grundlegend verändert“. Heißt übersetzt: Das System, mit dem deutsche Autobauer jahrzehntelang zuverlässig Geld gedruckt haben, läuft nicht mehr wie früher. Ausgerechnet die größte Stärke von Volkswagen wird zum Problem. Der Konzern ist riesig und riesige Tanker drehen eben nicht mal eben schnell.

Porsche: vom Profit-König zum Problemfall

Besonders hart trifft es Porsche. Der Sportwagenbauer war lange die Gelddruckmaschine im VW-Reich. Jetzt meldet Porsche für 2025 einen Gewinneinbruch von über 90 Prozent auf rund 310 Millionen Euro. Der Umsatz liegt noch bei etwa 36 Milliarden Euro, aber die alte Traumrendite ist erstmal Geschichte. Porsche versucht gerade, zwei Strategien gleichzeitig zu fahren: Elektroautos pushen und gleichzeitig Verbrenner länger laufen lassen. Klingt logisch, kostet aber Milliarden. Und keiner weiß gerade sicher, ob das am Ende wirklich aufgeht.

Mercedes: Luxus ist plötzlich nicht mehr genug

Auch Mercedes merkt, dass sich der Markt verändert. Der Konzern setzte zwar weiterhin mehr als 150 Milliarden Euro um, doch der operative Gewinn schrumpft und die Pkw-Marge rutscht spürbar nach unten. Besonders das China-Geschäft verliert Tempo. Und auch die Stuttgarter zappeln mehr, als das sie steuern: Vor ein paar Jahren wollte Mercedes radikal werden: weniger Autos, dafür mehr Luxus. „Value over Volume“ hieß das Konzept von CEO Ola Källenius. Mercedes sollte zur Luxusmarke auf Rädern werden, quasi das Louis Vuitton der Autobranche. Inzwischen hat man gemerkt: Zu viel Luxus kann auch Marktanteile kosten. Mercedes öffnet seine Modellpalette wieder nach unten. Der große Luxus-Traum wurde zumindest deutlich heruntergedimmt.

BMW: der entspannteste Fahrer im Chaos

Vor diesem Hintergrund wirken die Zahlen aus München fast schon langweilig. BMW meldete ein operatives Ergebnis von 10,2 Milliarden Euro, ein Minus von 11,5 Prozent. Der Nettogewinn liegt bei etwa 7,5 Milliarden Euro, der Umsatz bei 133,5 Milliarden. BMW-Chef Oliver Zipse sagte bei der Bilanzvorlage trocken: „Wir haben erneut gezeigt, wie robust und tragfähig unser Geschäftsmodell ist.“ Nicht besonders spektakulär, aber strategisch clever. BMW hat sich bewusst dagegen entschieden, sofort alles radikal auf Elektro umzustellen. Stattdessen laufen Elektro-, Hybrid- und Verbrennerautos auf denselben Produktionslinien.In einer Branche, die Milliarden in eine unklare Zukunft pumpt, ist genau diese Flexibilität plötzlich Gold wert. Der nächste große Test steht allerdings noch an: die Elektroplattform „Neue Klasse“ soll es richten.

Der Blick nach draußen

Im internationalen Vergleich sieht die Lage der deutschen Autobauer übrigens gar nicht so dramatisch aus, wie sie sich gerade anfühlt. Viele neue Wettbewerber wachsen zwar schnell, verdienen aber noch kaum Geld. Die chinesischen Elektrohersteller etwa gewinnen Marktanteile, arbeiten aber oft mit dünnen Margen oder sogar Verlusten. Wie schwierig Europa für sie ist, zeigt eine kleine Episode aus dieser Woche: Der Elektroautobauer Nio hat seinen Deutschland-Chef entlassen. Die Verkaufszahlen dazu sind fast schon Comedy. Laut Zulassungsstatistik hat Nio 2026 in Deutschland bisher genau ein Auto zugelassen. Eins.Statistisch ist das kein Markt. Das ist ein Parkplatz. Trotzdem sollte man die chinesischen Hersteller nicht unterschätzen. Sie greifen strategisch genau dort an, wo deutsche Hersteller jahrzehntelang unangreifbar waren – im Premiumsegment.

Wer verdient am meisten?

Ein Blick auf die internationalen Margen zeigt ein interessantes Bild. Toyota ist aktuell der effizienteste große Autobauer der Welt und kommt auf operative Margen von etwa acht bis neun Prozent. Tesla, lange Zeit der Profitkönig der Elektrowelt, hat dagegen durch Preiskämpfe deutlich an Marge verloren und liegt inzwischen bei etwa fünf bis sechs Prozent – ungefähr auf dem Niveau der deutschen Premiumhersteller. Die Deutschen wirken also angeschlagen, gehören global aber weiterhin zur profitabelsten Liga der Branche.

Der größte Stress entsteht aber im wichtigsten Markt der Welt.   Der chinesische Markt, jahrelang der größte Gewinnmotor deutscher Premiumhersteller, verändert sich gerade radikal. Bei BMW brachen die Verkäufe dort zuletzt um mehr als zwölf Prozent ein. Gleichzeitig holen chinesische Hersteller technologisch auf – vor allem bei Elektroautos und Software. Der Vorsprung der deutschen Autobauer wird kleiner.

Familienunternehmen vs. Konzernlogik

BMW hat dabei noch einen Vorteil, über den man in Wolfsburg oder Stuttgart nicht gern spricht: die Eigentümerstruktur. Die Familien Quandt und Klatten kontrollieren weiterhin die Mehrheit der Stimmrechte. Das verändert den strategischen Blick. Familienunternehmen denken eher in Jahrzehnten. Börsenkonzerne denken oft im Quartalstakt. Während andere Hersteller hektisch ihre Strategie nachjustieren – mal mehr Elektro, mal wieder mehr Verbrenner – wirkt BMW erstaunlich ruhig.

Die Bilanzwoche liefert deshalb eine ziemlich klare Rangliste: Volkswagen kämpft mit seiner Größe und sinkenden Margen. Porsche ringt mit einer strategischen Kehrtwende.
Mercedes korrigiert seine Luxusstrategie. BMW dagegen verdient weiterhin solide Geld.

Oder anders gesagt: Während viele Autobauer gerade gleichzeitig Gas geben und am Steuer reißen, fährt BMW vielleicht nicht schneller, aber im Moment mit der ruhigsten Hand am Lenkrad.

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