Business & Beyond Eine Spinne mit vielen Talenten 

Eine Spinne mit vielen Talenten 

Thekla Kaischauri gab Japans kawaii Wrestling den Mittelfinger und wurde zur liebsten Bösewichtin des Landes. Jetzt krabbelt sie als „toxic spider“ durch die Ringe der USA und sammelt Buhs wie Trophäen.

Über Jahre hat die Österreicherin Thekla Kaischauri die von Niedlichkeit geprägte Wrestling-Welt Japans umgekrempelt. Ihr Badass-Charakter war so erfolgreich, dass sie vom weltweit größten Markt abgeworben wurde. Nun macht die Wiener Bösewichtin in den USA Karriere, nach dem Motto: The sky – oder das Spinnennetz – is the limit.

„Ich werde dir in deinen Spinnenarsch treten!“

Es klingt nach viel Hass: „Mir ist alles egal. Ich werde dir in deinen Spinnenarsch treten und jedes einzelne deiner acht Beine ausreißen!“, ruft Willow, eine große, wuchtige Kämpferin, ihrer neuen Feindin zu. Das Publikum ist sich einig: Thekla, die sich auch „toxic spider“ nennt, dürfte keine Chance haben. Aber die zieht ein fieses Grinsen: „Eine Spinne jagt ihre Beute nicht. Sie webt ein schönes Netz. Und die Beute bemerkt das alles erst, wenn es zu spät ist. Willkommen in meinem Netz, Willow!“ Thekla lacht.

Wenige Tage später wird geprügelt. Bei der landesweit ausgestrahlten Kampfshow „AEW Collision“ verpasst Willow ihrer hinterhältigen Gegnerin Schläge, Fäuste, schmeißt sie zu Boden. Thekla, die Spinne, reagiert mit Akrobatik, krabbelt die Ringecke hoch, springt von den Seilen in Willows Gesicht. „Wow, was eine Körperbeherrschung!“, staunt der TV-Kommentator. Dann ringt Thekla ihre beliebte Gegnerin nieder. Der Schiedsrichter zählt sie an: Eins, zwei drei! Ende. Theklas Musik ertönt. Sie jubelt. Teile der Halle buhen.

Bild: Wrestling ist mehr als Trash und Show, es ist harte Arbeit.

Thekla Kaischauri trainiert für ihre Auftritte im Ring vier- bis fünfmal pro Woche im Gym, dazu kommen Stunt- und Ausdauertraining. Musik ertönt. Sie jubelt. Teile der Halle buhen.

Kampf um Leben und Tod oder doch eher Soap Opera im Ring?

„Ich liebe es, Heel zu sein“, kichert Thekla Kaischauri an einem anderen Tag auf ihrem großen, weichen Sofa, in Erinnerung an das Match. Im Wrestling, diesem vermeintlichen Kampf um Leben und Tod, der in Wahrheit eher eine Soap Opera im Ring ist, zählt die 32-jährige Österreicherin zu den bösen Charakteren – die man im Wrestling-Jargon Heel nennt. Die ‚Faces‘, also die Guten, mögen zwar mehr Merchandise von sich verkaufen. „Aber wenn du in der Arena ausgebuht wirst, ist das schon geil.“ Ein Kompliment quasi.

In den letzten Monaten hat es so viele Komplimente dieser Art gegeben, dass sich wohl nicht wenige Adressatinnen in psychologische Behandlung begeben hätten. Thekla Kaischauri aber sieht sich oben angekommen. „Wenn die Leute dich für das, was du als Heel machst, hassen, machst du viel richtig.“ Eigentlich weiß das Wrestling-Publikum, dass im Ring alles gescripted ist. „Wenn sie dann trotzdem Emotionen zeigen?“ Auf ihrem Sofa ballt Thekla die Faust. Eine Frau, die weiß, was sie tut.

Ziele setzen als Erfolgsrezept

Thekla Kaischauri hat einen rasanten Aufstieg hinter sich: Noch vor fünf Jahren wussten nur ihre besten Freunde, dass diese Tochter eines österreichischen Vaters und einer georgischen Mutter ein „guilty pleasure“ namens Wrestling hat. Am Ende einer durchzechten Nacht in Wien, wo sie Transmediale Kunst studierte, hatten sie vereinbart: Alle würden mit dem Wrestling anfangen. „Aber die Einzige, die es durchgezogen hat, war ich“, lacht Kaischauri und lässt ihren Bizeps zucken. Heute ist sie ein Star der Szene.

US-Wrestling-Liga nimmt Thekla unter Vertrag

Seit Mai steht die 32-jährige bei der US-amerikanischen Wrestling-Liga All Elite Wrestling (AEW) unter Vertrag, die erst 2019 gegründet wurde und schon als ernstzunehmende Herausforderin des globalen Platzhirsches WWE (World Wrestling Entertainment) gilt. Vor ihrem ersten Auftritt in der US-Liga, für den in der ganzen Halle die Lichter ausfielen, woraufhin Thekla spinnenartig herankrabbelnd einen Publikumsliebling überfiel, war sie noch ein Underdog. Jetzt beschimpfen sie in der Arena 30.000 Kehlen.

Wie man zur Bösewichtin wird, zumal in den USA, wo dieses überhaupt nicht subtile Entertainmentprodukt namens Wrestling erfunden wurde? Es ist jedenfalls eine Herausforderung. Denn eigentlich hat es all das hier schon einmal gegeben: vom Totengräber, der Särge stiehlt, über geldgierige Manager bis hin zur Madonna, die ihre Brüste gezielt instrumentalisiert. Thekla aber – deren Name bei allen Biene Maja-Kennern eine Assoziation hervorruft – hat mit der Figur einer wendigen, giftigen Spinne etwas Neues geprägt.

Bild: Antithese zum niedlichen Wrestling: In Japan startete Thekla Kaischauri ihre Karriere als Heel, wie die bösen Charaktere im Wrest-ling genannt werden. Ein bisschen kawaii war sie trotzdem

Wrestling in Japan but make it kawaii

Und als sie im Frühjahr auf dem größten Wrestling-Markt der Welt auftauchte, war sie in der Szene ohnehin schon ein Begriff. Denn kurz nach dem besagten Saufgelage in Wien hatte ihr damals neuer Wrestling-Trainer eröffnet, er habe Kontakte nach Japan, wo das Wrestling-Geschäft ebenfalls riesig ist. Thekla Kaischauri – von Haus aus Schwimmerin, Turnerin und E-Gitarristin einer Punkband namens „Death Row Groupies“ – reiste für ein Trainingslager nach Tokio. Sie lernte schnell, und wurde bald unter Vertrag genommen.

„Dass ich mir einen guten Charakter ausgedacht hatte, war mir schnell klar“, sagte sie damals nach einem Kampf in Tokio. „Aber dass er so gut funktioniert, hätte ich nicht gedacht.“ Für die in Japan führende Liga Stardom, die seit einigen Jahren das Frauen-Wrestling pushte, war die kleine, drahtige Wienerin wie gemacht. „Viele unserer Kämpferinnen sind ein bisschen kawaii“, erklärte damals Kanae Imai, PR-Sprecherin von Stardom. Kawaii heißt niedlich. „Unsere Fans mögen das so.“

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„Dass ich mir einen guten Charakter ausgedacht hatte, war mir schnell klar. Aber dass er so gut funktioniert, hätte ich nicht gedacht.“

Thekla Kaischauri, Wrestlerin

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In der von Höflichkeit und Respekt geprägten japanischen Gesellschaft verbeugen sich die Kontrahentinnen selbst im Wrestling nach Matches, in denen Stuntblut geflossen ist. Kämpferinnen, nicht selten in rosa Rüschenoutfits, umarmen sich sogar. „Dann kam ich und hab Mittelfinger verteilt und ‚fuck you!‘ gerufen.“ Als krasse Antithese zum niedlichen Wrestling der Frauen machte Thekla Kaischauri Karriere. Früher oder später wurde sie zum „Idol-Killer“, sagte aller Niedlichkeit der populären Persönlichkeiten den Kampf an.

Erst gefeiert, dann suspendiert, später live gefeuert

In Japan funktionierte die Figur auch deshalb, weil sie den Zahn der Zeit getroffen hat. Über Jahrzehnte galt im ostasiatischen Land das Ideal der Homogenität, laut dem sich alle streng gefassten Normen anzupassen hatten, im Dienst sozialer Harmonie. Doch inmitten niedriger Geburtenraten und wirtschaftlicher Stagnation vollzog das Land über das letzte Jahrzehnt eine Öffnung für Arbeitsmigration und diverse Formen von Vielfalt. Noch in Tokio sagte Thekla Kaischauri: „Was ich hier vertrete, ist doch auch Diversität, oder?“

Badass-Frau in Schwarz

Irgendwann wurde es allerdings zu bunt – zumindest im Ring. Anfang 2025 hatte diese Badass-Frau, die meist in Schwarz auftrat und hinterhältig lachte, derart viele der Kawaii-Kämpferinnen vermöbelt, und hierfür selbst nach Wrestling-Maßstäben so viele ungeschriebene Gesetze gebrochen, dass sie im Stardom-Kosmos zwar erfolgreich, aber auch kontrovers wurde. „Irgendwann habe ich durch ein Missverständnis auch eine Mitarbeiterin der Company attackiert“, sagt sie, nun aus der Ferne, zurückblickend.

Bedauern empfindet die im Gespräch auffallend höfliche Kaischauri aber nicht. „Der Präsident suspendierte mich“, sagt sie en passant. „Und als ich ein Strafgeld nicht gezahlt hatte, kam es zwischen ihm und mir bei einem Live-Event zur Schlägerei. Dann feuerte er mich.“ Plötzlich war die mit rund 2000 Sitzen ausverkaufte Arena im Zentrum Tokios still. „Als ich die Halle verließ, wussten alle: Das war’s. Ich hatte glasige Augen. Und die Zuschauer sahen mich auf einmal doch als Gute, weil der Chef so streng war.“

Japans liebste Bösewichtin kämpft jetzt in den USA

Mit Thekla, der Spinne, die alle Niedlichkeit erledigen wollte, hatte Japans Publikum seine liebste Bösewichtin verloren. Die aber hatte längst ihren Aufstieg anderswo eingetütet – in den USA, dem weltweit größten Wrestling-Markt. Nur: Zieht ihre Figur auch hier? Durch eine übermäßige Betonung des Niedlichen fällt die US-Szene nicht auf. Idol-Killing wäre keine Aufgabe. Kaischauri weiß das: „In Japan hab‘ ich am Ende kaum noch das Spinnenartige betont, war eher nur Killer. Jetzt mach ich wieder mehr Akrobatisches.“

Es scheint zu funktionieren. Auf Instagram hat Thekla mittlerweile rund 76.000 Follower, auf X mehr als 42.000. Während sie ihre Kanäle anfangs noch selbst managte, hat sie inzwischen eine PR-Firma engagiert. „In Japan ging es mir am Ende schon sehr gut. Aber jetzt verdiene ich nochmal deutlich besser.“ Aber, betont sie mit Wiener Akzent, das Leben als Bösewicht sei selbst dann hart, wenn man Buhrufe genießt. „Pro Woche trainiere ich vier- bis fünfmal im Gym, zweimal Stunts, einmal Ausdauer.“

Theklas 1000 Talente

All das zwischen Flügen quer durch die USA, von Medienterminen in New Jersey über Live-Shows in Texas zu Autogrammstunden in Florida. Ihre neue Wohnung in Arizona kann Kaischauri kaum genießen. Und in nächster Zeit könnte es noch geschäftiger werden. Im August erfuhr das Onlinemagazin Loudwire von Kaischauris vielen Talenten jenseits des Rings: „Die neueste AEW-Verpflichtung Thekla hat eine abgefahrene Punkband namens ‘Death Row Groupies’.“ Seitdem weiß die Szene Bescheid. Die tausend Talente der Thekla Kaischauri Auch wenn Wrestling nach Meinung Vieler in den USA Trash ist, ist es doch so populär, dass Medien in ihren Sportressorts darüber berichten, neben Disziplinen mit echtem Wettbewerb wie Baseball oder Basketball. So analysiert die News-Plattform MSN: „In Kombination mit ihren Punkrock-Referenzen ist Thekla ein einzigartiger Neuzugang, der verspricht, sowohl rohe Energie in ihre Matches einzubringen als auch einen ausgeprägten Charakter, der von ihren musikalischen Fähigkeiten beeinflusst ist.“

Nun sind die Erwartungen plötzlich groß. Zumal die US-Öffentlichkeit auch schon Wind davon bekommen hat, dass die Wienerin während ihrer Zeit in Japan außerdem mehrere Ausstellungen als Malerin hatte. In den USA will sie von all dem aber noch nichts wissen. „Im Moment komme ich kaum hinterher mit all den Terminen. Ich hab’ keine Ahnung, wie ich noch malen oder Musik machen sollte.“ Aber das könnte eine Frage der Zeit sein: „Hier in Amerika sind sie ganz scharf auf den Punk. Jetzt kann ich mir das gut vorstellen.“

Am Ende ein Versprechen: „Die Rückkehr nach Japan wird groß“

Und was ist mit Japan, dem Land, das sie je eigentlich zur Wrestling-Größe gemacht hat? Auf ihrem kuscheligen Sofa macht Thekla Kaischauri es sich bequem, überkreuzt die Beine zum Schneidersitz, überlegt einen längeren Moment. „Im Wrestling gibt es diese Weisheit, dass man oft erstmal weggehen muss, damit man noch viel größer zurückkommt.“ Wie lange sie in den USA bleiben wird, wisse sie noch nicht.

Die „große“ Rückkehr nach Japan

Aber ihre Kenntnisse der japanischen Sprache, die sie über die Jahre in Tokio aufgebaut hat, einfach dahinsiechen zu lassen, bis sie irgendwann ganz verschwunden sind, wäre „mottainai“ – Japanisch für „zu schade.“ „Die Rückkehr nach Japan wird groß“, sagt die Österreicherin dann. Gerne mit viel Jubel. Aber geht es nach Thekla, dann hoffentlich auch mit sehr viel Buh.

Weitere Infos unter www.suedtirol.biz

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