Business & Beyond EU knöpft sich Deutsche Börse vor – Kurs rutscht nach Kartellverdacht kräftig ab

EU knöpft sich Deutsche Börse vor – Kurs rutscht nach Kartellverdacht kräftig ab

Die EU-Kommission untersucht mutmaßliche Wettbewerbsverstöße zwischen Deutscher Börse und Nasdaq. Der Vorwurf: Absprachen im Derivatehandel, die den Markt verzerrten. Aktionäre reagieren nervös.

Brüssel legt den Finger in die Wunde des europäischen Finanzmarktes. Die EU-Kommission hat ein offizielles Kartellverfahren gegen die Deutsche Börse und die US-Technologiebörse Nasdaq eingeleitet. Im Visier: mutmaßliche Absprachen im Derivategeschäft, die den Wettbewerb ausgehebelt haben könnten. Die Börsianer in Frankfurt reagierten prompt – der Aktienkurs der Deutschen Börse sackte am Vormittag um sechs Prozent ab, wie „Bild“ berichtet.

Wettbewerbshüter wittern Absprachen

Die Vorwürfe wiegen schwer. Laut „Bild“ prüft die Kommission, ob sich die Frankfurter mit den Amerikanern „im Bereich der Notierung, des Handels und der Abwicklung von Finanzderivaten im Europäischen Wirtschaftsraum abgestimmt“ haben. Der Verdacht: Die Finanzgiganten könnten vereinbart haben, sich gegenseitig keine Konkurrenz zu machen – ein klarer Verstoß gegen EU-Wettbewerbsrecht.

Noch brisanter: „Zudem könnten die Unternehmen die Nachfrage aufgeteilt, Preise koordiniert und geschäftlich sensible Informationen ausgetauscht haben“, so „tagesschau.de“. Das würde bedeuten, dass die Börsen nicht nur Märkte unter sich aufgeteilt, sondern auch aktiv in die Preisbildung eingegriffen hätten – ein Frontalangriff auf die Grundprinzipien des freien Marktes.

Milliardenstrafe droht

Die Ermittlungen laufen bereits seit Herbst 2024, als EU-Wettbewerbshüter überraschend bei beiden Unternehmen auftauchten. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen empfindliche Strafen: Bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes könnten fällig werden, wie „Bild“ meldet. Für die Deutsche Börse würde das einen Milliardenbetrag bedeuten.

Die Untersuchung konzentriert sich auf den Handel mit Finanzderivaten – komplexe Finanzinstrumente, deren Wert sich von Basiswerten wie Aktien oder Rohstoffen ableitet. Besonders pikant: Die Deutsche Börse verweist auf eine Kooperation mit der finnischen Börse HEX (heute Teil der Nasdaq), die bereits 1999 begann und angeblich mit der EU-Kommission abgestimmt war. Laut „Handelsblatt“ argumentiert der Frankfurter Börsenbetreiber, die Zusammenarbeit habe den Wettbewerb sogar gestärkt und für mehr Liquidität in nordischen Märkten gesorgt.

Brüssels Kampf für offene Märkte

Die EU-Kommission betont, die Untersuchung sei Teil ihrer Strategie für einen „fairen und offenen Binnenmarkt sowie eine vollständig integrierte Kapitalmarktunion“, wie „tagesschau.de“ berichtet. Gleichzeitig stellt sie klar: Die Einleitung des Verfahrens bedeute nicht automatisch, dass bereits ein Schuldspruch gefallen sei.

Die Deutsche Börse hat angekündigt, konstruktiv mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Eine Sprecherin erklärte laut „Handelsblatt“, das Verfahren befinde sich noch in einem frühen Stadium. Das Unternehmen scheint auf Zeit zu spielen – und darauf zu hoffen, dass die alten Vereinbarungen als wettbewerbsfördernd eingestuft werden.

Business Punk Check

Was hier als technisches Verfahren daherkommt, könnte den gesamten europäischen Finanzmarkt erschüttern. Die Vorwürfe treffen den Kern des Kapitalmarktsystems: Wenn die größten Börsenplätze Absprachen treffen, zahlen letztlich alle Marktteilnehmer drauf – vom Hedgefonds bis zum Kleinanleger.

Die Verteidigungsstrategie der Deutschen Börse wirkt dabei fast naiv: Eine 25 Jahre alte Vereinbarung als Rechtfertigung für mögliche Wettbewerbsverzerrungen anzuführen, dürfte in Brüssel kaum verfangen. Fintechs und alternative Handelsplattformen sollten genau hinschauen – hier öffnet sich möglicherweise eine Marktlücke für echte Wettbewerber, die transparente Preisbildung garantieren. Die wahre Frage bleibt: Wie tief reichen die Absprachen wirklich, und wer hat letztlich die Rechnung bezahlt?

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Auswirkungen hat das Kartellverfahren auf Anleger und Trader?
    Kurzfristig könnten die Aktien der Deutschen Börse unter Druck bleiben. Langfristig könnten bei einer Verurteilung die Handelskosten für Derivate sinken, da mehr Wettbewerb die Gebührenstrukturen aufbrechen würde.
  • Wie können mittelständische Finanzdienstleister von diesem Verfahren profitieren?
    Kleinere Finanzdienstleister sollten jetzt alternative Handelsplattformen evaluieren und ihre Abhängigkeit von den großen Börsenplätzen reduzieren. Gleichzeitig bietet sich die Chance, mit transparenten Preismodellen bei verunsicherten Kunden zu punkten.
  • Welche Branchen wären von einer Neuordnung des Derivatemarktes besonders betroffen?
    Besonders Rohstoffhändler, Versicherungen und Pensionsfonds, die Derivate zur Absicherung nutzen, könnten von niedrigeren Handelskosten profitieren. Gleichzeitig müssten sich Fintech-Startups im Trading-Bereich auf neue Marktdynamiken einstellen.
  • Was bedeutet das Verfahren für die europäische Kapitalmarktunion?
    Das Verfahren könnte als Katalysator für die Kapitalmarktunion wirken. Wenn die EU hier durchgreift, sendet sie ein klares Signal für offene Märkte und könnte weitere Integrationsschritte beschleunigen.

Quellen: „Handelsblatt“, „tagesschau.de“, „Bild“

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